Ob man das haben muss? Den Musikgenuss - ja gerne! Der war diesmal als Beitrag zum "Rhöner Orgelsommer" vielschichtig und wie schon so oft, gekonnt ausdrucksstark. Aber den schwitzenden, den Tasten und die Register treibenden und dann wieder den in sich und sein Handeln versunkenen Künstler an der mächtigen Orgel in der Münnerstädter Stadtpfarrkirche St. Maria Magdalena via Kamera und Leinwand direkt zu erleben? Ja, natürlich, denn was dem Geigen-Virtuosen in der sommerlichen Open-air Hitze recht ist, sollte auch mal das Publikum in der an sich kühleren Beschaulichkeit einer Kirche erleben dürfen.
Ein Organist verwirklicht seine Kunst nicht nur mit Kopf und Fingern, sondern, um den Genuss hörbar zu zelebrieren, muss er alle Sinne und den Bewegungsapparat gleichsam mobilisieren. Wer es sportlich sieht, kann sich den Kunstturner in seinem Element vorstellen.


An der Orgel und am Mikrophon

Peter Rottmann hat sich geoutet. Er war über die Jahre immer hörbar, er hat die Ohren seines Publikums umschmeichelt, ist an ganz verschiedenen Tastinstrumenten unvergesslich geworden. Die Zuhörer lehnen sich zurück - wenn die Kirchenbänke das auf Dauer zulassen - und genießen die Wucht der Klänge und die Abfolgen der Sätze auf höchstem Niveau.
Diesmal war es anders. In Erinnerung bleibt ein Moderatoren-Konzert, das den ca. 200 Besuchern den Regionalkantor auch als mikrofonsicheren Kommunikator zeigt. Der "seine" Klais-Orgel sowie die Instrumente in der Stadtkirche insgesamt beschreibt. Der sogar die Elbphilharmonie mit sichtbarem Stolz für sich vereinnahmt, da dort auch eine Orgel von der Bonner Firma Johannes Klais eingebaut wurde.
Also nur das Beste auch für die Münnerstädter Kirche? Peter Rottmann beweist in der Auswahl seiner Stücke mit pädagogischem Fingerzeig, das der Erklärung die Tat folgen muss. Wer konnte besser dazu geeignet sein, als der Organist des 18. Jahrhunderts, Johann Sebastian Bach der mit "liebster Jesu, wir sind hier" Eingang in den Konzertteil fand und dem Rottmann mit dem Choral "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend´" später einmal mehr die Ehre zukommen ließ.
Opernklänge aus der Orgel sind selten, doch stellte der Organist mit der Bearbeitung der Oper Rienzi von Richard Wagner ein Stück vor, bei dem seine Körperlichkeit ganz besonders gefordert wurde. Das konnte bei aller Wertschätzung der mächtigen Klänge auch Mitleid für den Schwerarbeiter hervorrufen.


Harmonium saniert

Die treffsichere Vorstellung von mehreren Stücken ausgewählter Komponisten, die ebenfalls hervorragende Organisten ihrer Zeit waren, waren weitere Höhepunkte des Konzertabends. Der belgische Komponist Paul Barras (92) hat einen Brief an die Korinther musikalisch bearbeitet; David Germans (63) Komposition brachte die festlichen Trompetentöne aus der Orgel besonders zu Gehör; von Jacques-Nicolas Lemmens (†1881, Belgien) war die "Sicilienne" zu hören wie von Marco Enrico Bossi (†1925, Italien) das "Heldenstück" Opus 128. Nach dem "Festival Toccata" von Percy Fletcher (†1932, England) konnte der sichtlich abgekämpfte, aber auch eingespielte Künstler dem Publikum noch zwei Zugaben nachliefern. Bei letzterer stellte Rottmann seine neueste Errungenschaft vor: das angekaufte und sanierte Harmonium aus der Kirche von Kilianshof, unterhalb des Kreuzbergs.
Die Konzertreihen des Münnerstädter Regionalkantors haben bis heute das Alleinstellungsmerkmal, das sie Trends aufgreifen und keine Scheu vor Experimenten haben. Das Publikum lernt dazu, ab jetzt auch das Sehen.