Der 21. Mai 1924 war in Chicago ein ganz normaler Mittwoch. Auch für die Polizei. Es gab nicht mehr Morde als sonst in dieser Stadt. Aber ein Fall sollte im Laufe der Ermittlungen und des anschließenden Prozesses Schlagzeilen machen: Die beiden 19- und 18-jährigen Studenten Nathan Leopold und Richard Loeb hatten den 14-jährigen Bobbie Franks mit einem Meißel niedergeschlagen und erstickt, dann sein Gesicht mit Salzsäure unkenntlich gemacht und die Leiche an einem Bahndamm versteckt. Eisenbahner fanden sie, bevor das geforderte Lösegeld übergeben werden konnte. Und die Polizei fand am Tatort eine Brille, die eindeutig Leopold zugeordnet werden konnte. Irgendein Tatmotiv war nicht erkennbar gewesen. Erst in der Verhandlung wurde es greifbar: Die beiden Söhne aus reichem Hause, die Erpressung überhaupt nicht nötig hatten, hatten Nietzsches Theorien von Übermenschen auf sich bezogen, weil sie als hochintelligent gehandelt wurden, und hatten ohne jede Empathie einen perfekten Mord geplant.

Appell gegen die Todesstrafe

Der Prozess war nicht nur wegen der sinnlosen Brutalität der Tat aufsehenerregend, sondern auch, weil er, nicht zuletzt durch das Plädoyer des Verteidigers Clarence Darrow, der sich vehement für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte, nicht ohne Folgen auf die öffentliche Diskussion blieb. Leopold und Loeb wurden tatsächlich, gegen die allgemeine Stimmung in der Öffentlichkeit, nicht zum Tode, sondern zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl die beiden Angeklagten keinerlei Reue zeigten. Für sie war der Mord ein - freilich gescheitertes - Experiment.
Der Prozess ist mehrfach in Büchern und Filmen thematisiert worden. Der Kalifornier John Logan griff ihn 1985 in seinem Theaterstück "Never the Sinner" auf - dessen deutsche Übersetzung "Die Unschuld der Raubvögel" die Sache eigentlich tiefer trifft. Denn verhandelt wird schließlich die Frage, ob man einen Menschen genauso aufspießen darf wie einen Schmetterling. Denn die Welt der beiden Studenten ist so moralfrei wie die der Raubvögel, nicht die der Sünder.
Logans Stück wird gerne (nicht nur) von Jugendtheatergruppen gespielt, weil es relativ abstrakt ist. Wenn die Handlung beginnt, ist der Tote unter der Erde. Die Grausamkeiten kommen nur aus den Erzählungen. Und es gibt auch einen ganz praktischen Grund: Die handelnden Personen sind in ihrer Anlage geschlechtsneutral. Schließlich können sich auch Frauen für Übermenschen halten und Mordpläne schmieden. Das war - neben dem spannenden, stark fordernden Plot - wohl auch ein Grund, warum Theaterpädagogin Karolin Wunderlich und ihr Jugendtheaterclub Logans Stück ausgewählt haben. Denn es sind neun junge Damen, die auf der Bühne des TIP stehen - die jungen Herren haben offenbar nicht genug Mut fürs Theater.

Zwei Hauptrollen sind verteilt

Karolin Wunderlich hat mit einer geschickten Regie für eine starke Verdichtung des ohnehin schon problembefrachteten Stoffes gesorgt: Sie bildete Zweierteams, die im steten Wechsel die Rollen der beiden Angeklagten übernehmen (Staatsanwältin und Verteidigerin ist auf Laura Jacques vereint). Der Effekt ist ein doppelter: Zum einen ist der Zuschauer stark gefordert, weil er dieselben Thesen, Gedanken und Rechtfertigungen immer aus anderen Perspektiven erlebt. Und er darf auch den denkerischen Anschluss nicht verlieren, weil das Timing sehr dicht ist, weil es keinen Leerlauf gibt.
Mit Johanna Fuchs, Tina Hofmann, Laura Jacques, Nadine Kurschus, Fanny Schmidt, Lea Schulz, Hannah Thomé, Pia Thomé und Jehanne Worch hat Karolin Wunderlich allerdings auch eine Truppe, der man die zum Teil mehrjährige Theatererfahrung anmerkt. Zum einen wissen sie, dass sie bei ihrem Auftritt unter 100-prozentiger Beobachtung stehen, dass sie auch das Nichts-zu-tun-Haben spielen müssen, dass jeder Gang ein choreographisches Ziel hat.
Vor allem aber schaffen sie die schwierige Vereinigung von zwei absoluten Gegenpolen: sich auf der einen Seite in die Rollen der beiden Mörder zu begeben, für die ihre Tat ein abstraktes, absolut distanziertes Ereignis ist, auf der anderen Seite aber sie selbst zu bleiben und immer wieder kleine emotionale Ankerpunkte zu setzen.

Die Welt ist schwarz-weiß

Das tut gut, steigert aber in einer Bühnenumgebung, in der es außer den Haarfarben der Schauspielerinnen und einem rotbraunen Grammophonkasten nur Schwarz und Weiß gibt, die Beklemmung. Die Fragen, die das Stück stellt, werden im Fluss des Spiels sehr klar und ohne pädagogischen Zeigefinger zu heben. Und als am Ende alle vier Leopolds und Loebs in so etwas wie eine zukunftsorientierte Normalität zurückkehren, kann man zumindest die Hoffnung haben, dass alles nur ein böser Traum war.