Eine nüchterne Hotelrezeption, auf der hinteren Bühnenebene eine holzgetäfelte Sitzecke einer Gaststube, aus einem Kofferradio - natürlich viel zu laut, das "Rennsteiglied" des zu DDR-Zeiten allseits bekannten Herbert Roth und Heinos "Muss i denn zum Städtele hinaus": Wir sind mitten in der Provinz, im Thüringer Wald, dem grünen Herzen Deutschlands. Und wenn wir die Zeichen richtig deuten, dann schlägt dieses Herz ziemlich weit rechts.

Warum? Rolf Heiermann, der "Kleider machen Leute" im Intimen Theater des Schlosses Maßbach inszeniert hat, hat dafür auch - der Titel verrät es bereits - aus der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller aus dessen Sammlung "Die Leute von Seldwyla" - den Text erarbeitet und auf heutige Verhältnisse zugeschnitten.


Kleider machen Leute

Das ist ja im Grunde genommen auch bei Keller schon eine Flüchtlingsgeschichte. Denn da ist der Schneidergeselle Wenzel Strapinski aus seiner polnischen Heimat vor den russischen Truppen geflohen - wie viele seiner Landsleute in die Schweiz und nach Frankreich. Wie übrigens auch Frydryk Chopin und Adam Mikiewicz, sein dichtender Freund. Als Strapinskis Meister in Seldwyla seinen Lohn nicht mehr zahlen kann, zieht er weiter nach Goldach, wo er aufgrund seiner guten Kleidung für einen polnischen Grafen gehalten wird. Nur unter Schmerzen und Gefahren kommt er aus dieser Rolle wieder raus und macht sein Glück: Leute machen Kleider, die Leute machen.

Das ist letztlich eine Geschichte, die heute im besten Fall noch als sozialromantische Idylle mit Fallstricken zu verkaufen ist, also nicht unbedingt der große Brüller. Heiermann hat sie also umgebaut, auch wenn er in der Tradition des Volksstückes bleibt. Nur ist schon die Ausgangssituation eine andere: Im "Hotel zur Waage" herrscht eine angespannte Stimmung wegen der Neueröffnung in wenigen Tagen. In diese Situation platzt eine Radiodurchsage, dass ein terrorverdächtiger Syrer bei der Einreise an der Grenze nicht dingfest gemacht werden und mit seinem Auto entfliehen konnte. Und prompt steht ein paar Minuten später ein Mensch (Alexander Baab) an der Rezeption, der auf diese Beschreibung passt - was Aussehen und Kleidung betrifft. Sein Auto habe gestreikt und er müsse dringend telefonieren. Das muss er sein, der Terrorist. Kleider machen Leute.


Überfordert

Die drei Menschen, mit denen er zu tun hat, sind überfordert. Wenn sie nur kurz nachgerechnet hätten, hätten sie merken können, dass der Gemeldete überhaupt noch nicht im Thüringer Wald hätte sein können - zumal die A 71 wegen Schneesturms total gesperrt ist. Aber der Kellner Bachlauf (Michael Schaller), der Scharfmacher und Mitglied der örtlichen Bürgerwehr, weiß von Anfang an, dass der junge Mann Terrorist ist und weiter will nach Brüssel, um dort ein Attentat zu verüben. Der Autowerkstattbesitzer Böhner (Marc Marchand) hat diese Parolen verinnerlicht, aber ihm fehlt zum Glück die tätige Aggressivität. Und die Wirtin Paula Reiser (Jacqueline Binder) lässt sich von der Woge der Anfeindung einfach mitreißen.

Allerdings hätte sich die Situation - leichter als bei Keller - entschärfen lassen, wenn der Fremde sich geoutet hätte als das, was er ist: Ein in Deutschland geborener, türkischstämmiger IT-Spezialist, der unterwegs ist zu einer Firma, die massive Probleme mit ihrer Computeranlage hat. Aber er spielt das Spiel mit, wechselt am Telefon ständig zwischen Türkisch und Deutsch, sagt ein paar Mal "Brüssel", wenn er türkisch spricht - und redet sich allmählich um Kopf und Kragen. Denn Bachlauf hat ein Gewehr.

Das Schlimme ist, dass eine solche Szene durchaus realistisch ist. Seit die Medien das Pegida-Geschwurbel von Dresden aus über die AfD salonfähig gemacht haben, würde niemand mehr wetten, dass so etwas nicht passieren könnte. Dass die Situation unerträglich wird, versteht sich von selbst. Aber Rolf Heiermann hätte diesen Teil auch etwas knapper fassen können, denn die Sprüche werden durch Wiederholungen nicht besser. Und die Nebenhandlungen, die er zur Auflockerung einfügt, sind nicht alle zwingend.


Gastrecht statt Generalverdacht

Dass die Handlung wieder Fahrt aufnimmt, dass die Spannung steigt - und sich schließlich in Wohlgefallen auflöst, liegt an zwei weiteren Personen: Bürgermeister Hans Weidemann (Eike Domroes), der in der "Waage" nicht nur Fußball schauen, sondern auch seinen Geburtstag feiern will, entpuppt sich als wahrhaft Liberaler, der den Fremden in Schutz nimmt, der sich sozusagen vor Bachlaufs Flinte wirft. Denn er beurteilt den rätselhaften Gast nicht nach dem Asyl- oder Strafrecht, sondern nach dem Gastrecht und verwahrt sich gegen jeden Generalverdacht.

Und seine Tochter, die Studentin Annette (bei Keller heißt sie Nette), die mit ihrem Auftauchen das Eis zum Schmelzen bringt. Denn ihre Kontaktaufnahme mit dem Fremden nennt man Liebe auf den ersten Blick. Und allmählich wird bei dem durchreisenden Terroristen, wenn auch nicht problemlos, ein netter junger Mann, der am Ende sogar sein Dinner-Jackett anzieht. Die Meute wird friedlich, die Paare finden sich. Nur Ludger Bachlauf weiß es auch weiterhin besser (der arme Michael Schaller kann einem geradezu leidtun, dass er den ganzen Abend einen derartigen Quatsch absondern muss). Aber wäre die Bedrohung eines Gastes mit einem Gewehr nicht wenigsten ein hinreichender Grund für eine fristlose Kündigung?