John Leonard Smith müsste es eigentlich gut haben: Er lebt mit Frau und Kind in einer erträglichen Wohnung und hat ein einträgliches Einkommen als Londoner Taxifahrer mit seinen Tag- und deutlich lukrativeren Nachtschichten. Mehr gäbe es eigentlich nicht zu berichten, schon gar nicht auf einer Bühne.

Aber das Problem ist der "Faktor Zwei": John Leonard Smith ist mit Mary verheiratet und lebt mit der gemeinsamen Tochter Vicki in Wimbledon: Und er ist mit Barbara verheiratet und lebt mit dem gemeinsamen Sohn Gavin in Streatham. Kein Wunder, dass er einen Beruf mit Tag- und Nachtschichten braucht, um die beiden Kreise strikt auseinanderzuhalten.

Diese Grundstruktur, die der Londoner Theaterschreiber Ray Cooney in seiner Farce "Lügen haben junge Beine" ("Caugth in the Net - Run for Your Wife Again") von 2001 anwendet, dürfte dem Maßbacher Publikum bekannt sein. In "Taxi Taxi - Doppelt leben hält besser" das vor einigen Jahren über die Freilichtbühne tobte, sind es die beiden Frauen, die das Kartenhaus zum Einstürzen bringen, als sie nach einem Unfall ihres Ehemannes die Polizei einschalten. Jetzt, ein paar Jahre später, sind es die beiden Kinder im besten Teenageralter: Sie lernen sich zufällig im Internet kennen und verabreden sich bei Vicki auf eine Tasse Tee (ziemlich konservativ!)

Bigamie und Inzest?

Da schrillen bei John alle Alarmglocken: Das darf nicht passieren! Nicht nur, dass Gavin ihn erkennen könnte! Auf seine Bigamie noch einen Inzest draufsetzen, das geht gar nicht! Dieses Treffen muss er um jeden Preis verhindern. Denn er spürt schon den Atem der Verfolger im Nacken, als Vicki ihm von dem "Oberhammer" erzählt: "Von 100 000 Möglichkeiten in London habe ich ausgerechnet den Jungen erwischt, dessen Vater auch John Leonard Smith heißt und Taxi fährt, nur dass er in Streatham wohnt." Wären die beiden misstrauisch geworden, wäre der Ballon schnell geplatzt. Aber sie sagen sich, dass es in London halt viele John Leonard Smiths gibt (laut Londoner Telefonbuch zurzeit fünf). So kann das Verhängnis seine chaotische Fahrt aufnehmen.

Tragödie zum Lachen

Augustinus von Loë hat das Stück jetzt auf die Maßbacher Freilichtbühne gebracht, und er hat es wirklich als Farce, als Tragödie zum Lachen, und nicht als Komödie inszeniert. Eine Komödie ist geradezu harmlos. Natürlich soll man lachen können. Aber mit ein bisschen Erfahrung weiß man immer, wie es weitergeht. Am Ende ist niemand tot, sondern der eine oder die andere hat ein paar Kratzer am Ego bekommen. Und gerne wird dann geheiratet.

In der Tragödie hat der Protagonist sein Schicksal nicht in der Hand. Da wird er von den Verhältnissen (in der Antike von den Göttern) unausweichlich in die Katastrophe getrieben und ist am Ende tot. Diese Unausweichlichkeit kennzeichnet auch die Farce - nur dass der Weg in die Katastrophe höchst grotesk und unberechenbar und intelligent humorvoll sein darf und, da die Götter nicht mehr zu berücksichtigen sind, der Protagonist auch überleben darf. Wie, wird nicht verraten.

Es ist Augustinus von Loë absolut mitreißend (im eigentlichen Wortsinn) gelungen, das Publikum in diesen reißenden Strudel mitzuziehen. Man kann oder muss ja nicht nur ständig lachen über die immer neuen Ausreden und Fluchtversuche, sondern man muss es auch schaffen, dranzubleiben und drinzubleiben in den Dialogen und hektischen Aktionen, die mit einem ganz erstaunlichen Tempo und großer Intensität auf der Bühne ablaufen.

Man ist als Zuschauer froh, wenn - selten genug - einmal für ein paar Sekunden niemand auf der Bühne ist, um sich wieder sammeln zu können. Geschafft hat das der Regisseur durch eine perfekte Koordination und eine absolut lückenlose Personenregie, in der jeder punktgenau weiß, wann er was zu sagen hat, wann er wohin gehen muss. Und dazu kommen viele zusätzliche Ideen, die das Ganze kommentierend verstärken.

Beide Familien in einem Raum

Eine weitere Verdichtung ist dadurch entstanden, dass Augustinus von Loë und sein Bühnenbildner Patrick Schmidt nicht den einfachen Weg gewählt haben: Auf der Freilichtbühne wäre genug Platz gewesen, um zwei Wohnzimmer aufzubauen, zwischen denen der gestresste Ehemann hin und her pendelt. Sie beließen es bei einem Raum (mit zwei Eingängen), in dem sich oft beide Familien gleichzeitig aufhielten, ohne sich zu bemerken. Klingt kompliziert, ist aber für die Zuschauer schnell zu durchschauen.

Nach den ganzen Corona-Behinderungen merkte man, dass die Truppe erleichtert war, wieder mal so richtig spielen und die "farciantische Sau" (komödiantisch wäre ja falsch) rauslassen zu können, sich bis an die Grenzen der Spielintensität treiben zu lassen. Allen voran Ingo Pfeiffer als Sam Smith, der ständig den Gehetzten, den Hysterischen, den Zusammenbrechenden, den Brutalen geben muss und dabei ständig den Tonfall ändern muss. Da sind die beiden Frauen, Hannah Baus als Barbara und Anna Katharina Fleck als Mary: yoga-sediert, immer nett und freundlich die eine, schnippisch, trotzig, aufbrausend die andere - also Yin und Yan - die ihrem irrlichternden Mann allerdings erstaunlich viel durchgehen lassen.

Da sind die beiden Kinder, Dorothee Höhn als Vicki und Yannik Rey als Gavin, die von dem ganzen Tohuwabohu relativ wenig mitbekommen, weil sie vor allem daran interessiert sind, sich endlich zu treffen. Da ist Ludwig Hohl, Marys etwas undurchsichtiger Untermieter Stanley Gardner, der als einziger über Sams Doppelleben Bescheid weiß und immer tiefer in die Katastrophe mitgerissen wird. Und da ist Angela Koschel-de la Croix" Mum, Stanleys demente Mutter, die sich zwar ständig an der Küste von Cornwall wähnt, aber auch kurze, erstaunlich helle Momente hat.

Was da auf der Bühne abgeht, ist eine schauspielerische und theaterhandwerkliche Höchstleistung. Mit diesen "Lügen" haben die Maßbacher für ihre Freilichtsaison ein ganz heißes Eisen im Feuer.