Es gab in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum eine ganze Reihe von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die in aller Munde waren, weil sie nicht nur gut schrieben, sondern vor allem, weil sie so wichtig waren für die Wiederselbstfindung der Menschen, die gerade die längsten und übelsten 1000 Jahre ziemlich beschädigt überstanden hatten und auf der Suche nach Orientierung und ein bisschen haltbaren Werten waren. Da haben diese Männer und Frauen durchaus Großartiges geleistet, aber sie zahlten einen erheblichen Preis: Dadurch, dass sie sehr stark zeitorientiert waren, gerieten sie in dem Maße in Vergessenheit, in dem sich die Zeit veränderte, normalisierte. Wer redet heute etwa noch von einem Heinrich Böll, der immerhin einmal den Nobelpreis für Literatur erhalten hat? Wer kennt oder liest heute noch Wolfgang Koeppen oder Arno Schmidt? Oder die Weltkriegsüberlebende Marie-Luise Fleißer, die es 2001 zu ihrem 100. Geburtstag immerhin noch einmal auf eine Briefmarke geschafft hat.


Plötzlich wieder aktuell

Auch Max Frisch, der schreibende Architekt aus Zürich, der es mit seinem "Homo faber" oder "Biedermann und die Brandstifter" bis in den Schullektürekanon geschafft hatte, war so ein - allerdings langsamer - sinkender Stern. Aber plötzlich ist er wieder da mit seinem "Andorra", und der Grund ist durchaus beunruhigend: nicht, weil die literarische Welt plötzlich die Zeitlosigkeit dieses Dramas entdeckt hätte, sondern weil sich die Zeiten immer stärker den gesellschaftlichen Verhältnissen annähern, die Max Frisch mit seinem Stück als Parabel einer warnenden Überwindung zeigen wollte, als es 1961 in Zürich uraufgeführt wurde.
Plötzlich ist es wieder bitterer Ernst: der aufkeimende Fremdenhass gegenüber Flüchtlingen, der wachsende Antisemitismus, der wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint, die Auswirkungen von Vorurteilen und Mitläufertum. Geschichte kann sich durchaus wiederholen.


Messerscharfe Inszenierung

Das wird durchaus schmerzhaft bewusst, wenn man die Inszenierung von Sandra Lava auf der kleinen Bühne des Intimen Theaters sieht, und zwar mit voller Wucht, der man anmerkt, dass es der ganzen Truppe sehr ernst ist. Durch geschickte Streichungen und Kürzungen ist das Drama in zwölf Bildern auf seine politischen Grundaussagen eingedampft, ohne etwas wegzulassen oder zu verunklären. Dadurch gewinnt die Aufführung auch inhaltlich an Tempo. Und passend zu der etwas kargen, spartanischen, empathiearmen Sprache der Personen hat Robert Pflanz einen Bühnenbild entwickelt, das in seiner Kargheit - aber auch praktischen Beweglichkeit - die Fokussierung ohne jedes ablenkende Beiwerk noch befördert.
Dazu kommt, dass Sandra Lava den Zuschauer zutiefst im Ungewissen lässt, weil sie stark mit den Ängsten der Menschen in dem Stück spielt, die von allen Seiten in allen Ebenen des Bewusstseins auf sie einstürmen, weil sie zeigt, dass diese Ängste keine Erfindungen des Theaters sind, sondern durchaus real. Und weil sie dem Zuschauer die Sympathielenkung so schwer macht, weil die acht Schauspieler 14 Rollen spielen, die gegensätzlicher nicht sein könnten und im Grunde doch alle gleich sind: getrieben von Ungewissheit und Schuldgefühlen - die bei den posthumen Bekenntnissen an der Schranke erst Jahre nach dem Tod des vermeintlichen Judenjungens nach außen dringen.


Gespaltene Hauptpersonen

Nur die beiden Hauptpersonen müssen sich nicht spalten, weil sie schon innerlich zwiespältig sind. Für Benjamin Jorns ist die Rolle des Andri ein echter, aber glänzend gemeisterter Prüfstein. Denn er zeigt das Hineingleiten in die Rolle eines jüdischen Jungens, der er nicht ist, und des Akzeptieren des Anderssein, das er zum Schluss, als es ihm ans Leben geht, gar nicht mehr aufgeben will, mit sparsamen, aber höchst sprechenden Gesten und Minen, mit ganz feinen Nuancen der Veränderung, obwohl er sich letztlich überhaupt nicht verändert. Und János Kapitány als Andris Vater und Lehrer Cam stürzt in immer tiefere Verzweiflung, weil er seinem Bekennermut, der Andri retten könnte, immer atemloser hinterherläuft.


Barblins Irritationen

Franziska Theiner ist eine Barblin, die Andri gegen die öffentliche Meinung liebt, aber immer mehr in der Irritation versinkt, bis sie den Verstand verliert - und Andris leibliche Mutter, eine "Schwarze" und damit Feindin, die in dem Hexenkessel die Nerven verliert und auf der Flucht über die Berge umkommt. Susanne Pfeiffer als Mutter und Jemand, Marc Marchand als Tischler und schwarzer Soldat, Wini Groper als Pater und Wirt und Christoph Schulenberger als Soldat und Geselle tauchen beängstigend tief in ihre Rollen ein, bewegen sich wie Getriebene in einem Chaos, das in der Katastrophe endet.


Höhepunkt der Beklemmung

Und diese Judenschau ist nicht nur textlich, sondern auch spielerisch der beklemmende Höhepunkt. Zum einen, weil Augustinus von Loë - nachdem er als stummer Idiot zuvor durchs Dorf geturnt war, als ebenfalls stummer und damit umso zynischerer Judenschauer und Herr über Leben und Tod eine unglaubliche Beklemmung auslöst, sondern auch, weil sie die Bürger von Andorra so gnadenlos als Mitläufer und Mutlose entlarvt.
Man muss es ertragen. Der Pessimist verlässt das Theater in Maßbach mit dem positiven Gefühl, diese Szenen - noch - lediglich auf der Bühne gesehen zu haben.