Den Spielfilm "Ziemlich beste Freunde", den die beiden französischen Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano 2011 herausgebracht haben, hat noch nicht jeder gesehen. Aber fast jeder weiß, worum es in dem Streifen geht.

Da ist der schwerreiche Philippe, der alles haben kann - aber nur, wenn ihm jemand hilft. Denn er sitzt im Rollstuhl. Seit einem Paragliding-Unfall ist er ab dem dritten Halswirbel gelähmt. Und da ist Driss, ein zappeliger Kleinkrimineller, der nichts hat, aber auch nichts will - außer Arbeitslosengeld. Die beiden treffen aufeinander, weil Philippe mal wieder einen neuen Krankenpfleger sucht, denn die halten es nie lange bei ihm aus. Und weil Driss, der vom Arbeitsamt vermittelt worden war, eigentlich nur eine Bestätigung braucht, dass die Vermittlung leider wieder einmal nicht zum Ziel geführt hat.

Aber die Sache läuft nicht gut für Driss. Denn für Philippe ist das sozusagen Liebe auf den ersten Blick. So einen hat er die ganze Zeit gesucht. Nur unter Protest lässt sich Driss auf diesen Versuch ein. Aber er merkt allmählich, wie gut er Philippe mit seiner Art tut, der plötzlich wieder auflebt.


Punktsieg für Bühnenfassung

Wer diese - wahre - Geschichte auf die Bühne bringt, braucht Mut, muss sich an dem Erfolgsfilm und seinen Erwartungen messen lassen. Das hat Susanne Pfeiffer getan und die Bearbeitung von Gunnar Dreßler jetzt im Intimen Theater inszeniert. Und um es gleich vorwegzusagen: Der Punktsieg ging an sie. Aus zwei Gründen: Natürlich mussten Szenen gestrichen werden, die im Film spektakulär wirken, sich im Theater aber nicht sinnvoll realisieren lassen, wie die rasante Verfolgungsfahrt, die sich Driss mit Philippe auf dem Beifahrersitz in dessen Maserati mit der Polizei im nächtlichen Paris liefert. Oder der gemeinsame Flug mit dem Paraglider. Im Film hinterlässt das bleibende Eindrücke, in der Komödie wird das hinterher nur kurz erwähnt.

Das Theater lebt vom Wort, vom hintergründigen Wort. Und es muss alles begonnen und auch zu Ende gebracht werden. Dass auch einige Nebenrollen wegfielen, war völlig ohne Belang.


Ernsthaftigkeit und Humor

Auch hat Susanne Pfeiffer dieses Kammerspiel mit einer mikroskopisch genauen Personenregie eine unglaubliche Verdichtung des Stückes erzielt, hat es zum echten Kammerspiel gemacht, das die Konzentration fokussiert. Pfeiffer hat eine ausgezeichnete Balance zwischen der Ernsthaftigkeit der Situation und den oft humorvollen Ausbrücken und Auflösungen gefunden. Dabei werden auch sensible Bereiche nicht ausgelassen wie Körperhygiene oder sexuelle Bedürfnisse. Es darf viel gelacht werden in dieser Inszenierung - und das ohne Reue, denn schließlich lacht Philippe ja auch. Zudem ist der Alltag auf der Bühne für den Zuschauer auch physisch viel unmittelbarer zu erfahren als im Film.

Nun hatte Pfeiffer allerdings auch ein hervorragendes Quartett für die Umsetzung zur Verfügung. Die Rolle des Philippe ist vermutlich die seltsamste Rolle, die Ingo Pfeiffer bisher zu spielen hatte: Wenn man den ganzen Abend nicht einmal mit dem kleinen Finger wackeln oder sich am Kopf kratzen darf.

Es war erstaunlich, welch starke Bühnenpräsenz Ingo Pfeiffer ohne jede Gestik, nur mit einer unglaublich ausdrucksstarken Mimik, wenigen Kopfbewegungen und differenzierter Stimme entwickelte, wie er seine Umgebung kontrollierte, wie er vor allem Einfluss auf Driss nahm. Und wie er deutlich machte, dass das individuelle Menschsein eigentlich wirklich nur eine Frage des Kopfes ist.

Durchaus als kleine Sensation kann man Benjamin Wilke als Driss bezeichnen, wenn man bedenkt, dass der junge Mann erst im letzten Jahr die Schauspielschule in Kassel abgeschlossen hat.

Er erscheint zu Beginn als völlig Ichbezogener, für den es keine Umwelt gibt, der seine intellektuellen Probleme mit der Realität - und die halten sich einige Zeit - weglacht und wegzappelt, der auch über Philippe mehr oder weniger hinwegtrampelt. Der aber merkt, dass er akzeptiert wird, und allmählich ernsthafter und erwachsener wird, der Philippes Stimmungen einzuschätzen lernt, und der mit wachsendem Selbstbewusstsein schließlich so weit zu sich selbst findet, dass er Philippe verlassen kann, nicht ohne ihm vorher heimlich ein Treffen mit dessen Brieffreundin Eleonore zu arrangieren - und ihn so abzusichern. Ein außerordentlich bemerkenswertes Debüt.

Anna Schindlbeck ist - vor allem - Magalie, Philippes Hausdame, die sein Leben organisiert, die immer wieder neue Pfleger sucht und die Driss sehr skeptisch, aber auch ein bisschen eifersüchtig gegenübersteht. Sie zeigt sehr genau, dass sie Zeit braucht, um diesen quirligen, oft nervenden Kerl richtig einzuordnen und entwickelt ganz langsam Sympathie für ihn. Die dagegengesetzte Konstante ist ihr Verhältnis zu Philippe: ebenso mütterlich wie verehrend.

Benjamin Jorns spielt nicht nur den Kotzbrocken von Aushilfskrankenpfleger, der vor lauter Angst eine Katastrophe nach der anderen verursacht und froh sein muss, dass Philippe ihm nicht in den Hintern treten kann, sondern auch den Galeristen und den Freund Antoine. Die sind deshalb so wichtig, weil sie "normal" sind, weil sie zwar einen unbelasteten Umgang mit Philippe suchen, aber bei jedem Satz und jeder Geste erst überlegen, ob sie ihn nicht verletzen.

Ein tolles Stück Theater, mit dem die Maßbacher am 3. Juni auch auf die Freilichtbühne gehen.