Was war das für ein Gefühl: Plötzlich wieder im voll besetzten Intimen Theater und mal wieder - erlaubt war sogar: ohne Masken ein echtes Theaterstück in einem dafür vorgesehenen Rahmen anzuschauen!

Man kann nur bewundernd feststellen, wie die Maßbacher mit der Situation: Erst ein völliger Stillstand, dann eine tastende Rückkehr in Richtung Theaterbetrieb, indem sie vor allem die Lauertalhalle (aber auch die Weichtunger Dorfhalle) mit viel Geschick unter Ausnutzung aller Möglichkeiten bespielbar machten. Und plötzlich war alles wieder da. Der Betrieb lief aus dem Stand wieder an, als wäre er nie unterbrochen worden. Und dann gleich mit so einem Stück in einer derartigen Inszenierung! Besser hätte man nicht starten können.

Das Stück "Butterflies are free" ("Schmetterlinge sind frei") schrieb der New Yorker Leonard Gershe 1979 und nannte es Komödie - ein Begriff, mit dem man so seine Probleme hat. Denn natürlich wird reichlich und reuelos gelacht. Aber eigentlich reiht sich ein Alltagsdrama ans andere.

Ein junger Mann, Don Baker (Ludwig Hohl), der vor einem Monat aus dem verschlafenen Scarsdale nach New York gezogen ist, Singer-Songwriter zu werden und sich gleichzeitig seiner klammernden Mutter zu entziehen, hat sich in seiner Einraumwohnung bestens eingerichtet. Don ist von Geburt an blind.

Überdreht mit Bindungsunfähigkeit

Plötzlich bekommt er eine neue Nachbarin, die etwas überdrehte Jill Tanner (Anna Schindlbeck), die glaubt, Schauspielerin werden zu müssen. Sie müssen nur eine Zwischentür öffnen, um zueinanderzukommen. Und damit wird Jill zum Problembär. Zum einen, weil sie auf ihre vorwurfsvoll dahingesagte Frage: "Sag mal, bist du blind?" nur die lakonische Antwort "Ja" bekommt. Und die kann sie zunächst gar nicht einordnen. Zum anderen, weil sie Don zu lieben beginnt, aber gleichzeitig weiterhin ihre Bindungsunfähigkeit - Schmetterlinge sind halt frei - zelebrieren will. Die sie auf die Spitze treibt, indem sie mit dem halbseidenen Regisseur Ralph Austin (Yannik Rey) ein paar Häuser weiterziehen will.

Für einen Autor vom Kaliber eines Leonard Gershe wäre das schon genug Handlung. Aber natürlich kommt auch Mrs. Baker (Susanne Pfeiffer), Dons Mutter, aber nicht, wie vereinbart, nach einer Eingewöhnungsphase von zwei Monaten, sondern bereits nach einem Monat, um ihren Sohn zurückzuholen.

Ingo Pfeiffer hat mit seinem Quartett im Bühnenbild von Patrick Schmidt und in den Kostümen von Daniela Zepper eine Inszenierung erarbeitet, die einfach nur Spaß macht. Natürlich konnte er auf einen Text voller geistreicher, ehrlicher, witziger, aber nie überzeichnender Dialoge (mit tollem Sprachfluss übersetzt von Otto Beckmann) zugreifen - und für die es auch schon mal Szenenapplaus gibt. Aber seine Personenregie ist absolut akribisch, perfekt im Timing, in Bezug auf die Blindheit ganz genau beobachtet.

Freilich hat er in Hohl einen Don, der da mit ihm absolut konform geht. Der überzeugend zeigen kann, dass Blindheit von Geburt an etwas ganz Normales sein kann, der sich über Mitleidsversuche vehement zur Wehr setzt oder amüsiert darüber lächelt, der einen Hang zur guten Laune und Problemlösung hat. Der aber durchaus auch mal ausrasten kann.

Anna Schindlbeck als Jill ist ihm die impulsive Gegenspielerin. Sie sieht vor allem sich selbst. Sie meint, mit Don spielen zu können, aber sie gerät immer wieder in die Defensive, weil sie Dons Nicht-Sehen für Nicht-Bemerken hält. Und es ist spannend, wie sie mit ihrer Stimme zwischen turtelnd und hysterisch spielen kann.

Susanne Pfeiffers Mrs. Baker kommt zunächst als eine unverrückbare Kleinstädterin daher, die sich schon aus Prinzip an Prinzipien hält: Ihr Sohn kann nicht allein in New York leben. Aber es ist eine der vielen starken Entwicklungen des Stücks, dass sie allmählich ihre Meinung ändert und zum ersten Mal ihren Sohn kennenlernt und dabei Ironie und Süffisanz entdeckt - die Susanne Pfeiffer auch genüsslich einsetzt. Nein, besser und vergnüglicher hätte das Wiederwachen des (Theater-)Lebens im Intimen Theater nicht geraten können. Am Sonntag, 15. Mai, ist die letzte Vorstellung im Intimen Theater; dann, nach einer kurzen Pause, zieht das Stück am Samstag, 28. Mai, hinaus auf die Freilichtbühne.