"Konzert auf der Baustelle" - der 10. Rhöner Orgelsommer gastierte bereits zum zweiten Mal in dieser Reihe in der momentan arg lädierten Münnerstädter Stadtpfarrkirche St. Maria Magdalena. Natürlich sah das Kirchenschiff geradezu mitleiderregend aus mit seinem eingepackten Altarraum. Aber man war ja nicht zum Sehen, sondern zum Hören gekommen. Und man konnte erfreut feststellen, dass die Reinigungsarbeiten die Blasebälge der Klais-Orgel noch nicht zu Staublungen gemacht hatten. Als konzertierenden Gast hatte Regionalkantor Peter Rottmann seinen Kollegen Christoph Kruyer aus Alzenau eingeladen, einen Vertreter aus der Spitzengruppe der deutschen Kantoren, der sich nicht nur als Interpret, sondern auch als Komponist und Arrangeur einen ausgezeichneten Namen gemacht hat.

In der Stadtpfarrkirche konnte man Christoph Kruyer als Interpret eigener Arrangements kennenlernen. Und da man am liebsten Werke bearbeitet, die man auch mag, war es nicht verwunderlich, dass sich ein roter Faden der guten Laune durch das Konzert zog - auch wenn durchaus Ernsthaftes verhandelt wurde.

Start mit Renaissance-Barock-Block

Kruyer begann das bunte Programm historisch korrekt mit einem Renaissance-Barock-Block. Dass das Andante aus der Violinsonate BWV 1003 von Johann Sebastian Bach sein musste, war klar - nicht nur weil es einer der schönsten langsamen Sätze Bachs ist, sondern auch, weil seine Struktur sich für eine Orgelbearbeitung geradezu aufdrängt: die Melodielinie auf den beiden hohen Saiten, die Begleitung auf den beiden tiefen. Das lässt sich sehr einfach umsetzen. Und da Kruyer nicht nur vier Finger zum Greifen, sondern zehn Finger und - nein, nicht zehn Zehen, sondern nur zwei Füße in spitzen Schuhen - zur Verfügung standen, konnte er diese Linien nach Herzenslust ausschmücken und anreichern. Er weiß ja selbst am besten, was er von sich verlangen kann.

Orgel im Vorteil gegen Orchester

Bei Georg Friedrich Händels 3. Wassermusik-Suite HWV 350 und bei einer Auswahl von Tänzen aus der berühmten Sammlung "Terpsichore" von Michael Praetorius - die bearbeitet werden müssen, weil der Komponist keine Instrumentierungsvorgaben gemacht hat - zeigte sich ein Vorteil, den eine Orgelbearbeitung gegenüber der originalen Orchesterfassung haben kann: Sie lässt sich, wenn auch mit zum Teil anderen agogischen Mitteln genauso expressiv spielen, auch wenn die Töne der Orgel statisch sind; es lässt sich genauso der Tanzcharakter trotz der Stilisierung zeigen, und es lässt sich auch hier wunderbar Pathos vermeiden. Der Vorteil ist, dass sich der Zuhörer nicht mit der Frage befassen muss, welcher Ton gerade von welchem Instrument erzeugt wird, und er sich ganz auf die Farben und Strukturen konzentrieren kann. Der Nachteil war, dass sich bei hohen Tempi wie in der Händel-Gigue oder bei verdichtenden Verzierungen die Durchhörbarkeit sank. Das bekommt der von seiner Musik mitgerissene Organist mit, weil er die Töne unmittelbar und direkt aus der Orgel hört. Aber der Zuhörer im halligen Kirchenschiff wird non allen Seiten mit reflektierten Klängen überfallen. Für ihn wird die Musik mulmig. Langsamer spielen wäre keine Lösung, aber vielleicht eine noch stärker kontrastierende Registrierung.

Sir Karl Jenkins, 1944 geboren, ist mitnichten ein Barockmensch, aber seine "Palladio-Suite" von 1996 passt vom Titel und von der Struktur des Concerto grosso bestens in diese Zeit. Man konnte sich glücklich schätzen, das Preludio aus diesem Werk nicht im Original, sondern in der Orgelversion zu hören. Denn die Melodie, die sich aus einem stampfenden tiefen Untergrund entwickelt und sich in beklemmende Wucht steigert, lässt sich an diesem Instrument mitreißend darstellen. So mitgenommen man war, so dankbar war man auch. Denn Jenkins" Original ist für ein kleines Streichorchester als Musik für einen TV-Werbespot für Diamanten geschrieben worden. Mag ja gut sein, aber ein kleines, klanglich monochromes Streichorchester kann schwerlich eine derartige Kraft erzeugen.

Schlitzohriger Arrangeur

Natürlich durfte Wolfgang Amadeus Mozart nicht fehlen. Die Orgelversion von "Voi che sapete", der Cavatine des Cherubino aus dem "Figaro" war charmant gemacht, mit einem Schuss Ungeduld und kleinen Seelenqualen, aber letztlich nicht überraschend. Das Konzertrondo KV 382 zeigte allerdings den schlitzohrigen Arrangeur. Ursprünglich für Klavier und Orchester, wurde es zu einer pfiffigen Drehorgelmusik, die mit jedem Refrain neue Überraschungen brachte. Man darf auch in Orgelkonzerten laut lachen.

Mit Edward Elgar und "Nimrod" aus seinen "Enigma Variations" (1898) war das 20. Jahrhundert fast erreicht. Diese Reflexion über Elgars Freund und Förderer August Jaeger erwies sich als allerbestes Material. Denn die langsam anschwellenden Cluster in einer wachsenden klanglichen Weite und in einem fast unmerklichen, aber stetigen Crescendo sind für die Orgel wie geschaffen. Und auch die "Toccata" des Amerikaners Alan Carder (*1945) - klar, denn sie war die einzige Originalkomposition des Konzerts - ein Stück Musik, das die Orgel und ihren Spieler an ihre Grenzen treibt. Melodisch ist der Satz recht einfach, aber die Begleitung macht Druck, auftauchend aus einem schwer zu fassenden, gespenstischen Untergrund und mit unerbittlicher Motorik und Dynamik in einem beklemmenden Crescendo im vollen Werk zu landen. 83 Takte, die es in sich haben. Wollte man einen Film dazu drehen, müsste es ein "Erlkönig"-Stoff sein.

Sinnlichkeit und Raffinesse

Aber Christoph Kruyer hatte eine kleine Beruhigungspille parat: die Sicilienne aus Gabriel Faurés Oper "Pelléas et Mélisande", ein Satz, den jeder kennt, auch wenn er es nicht weiß. Das war, mit wunderbarem Legato gespielt, ganz auf die romantisch-lyrischen Aspekte der Musik abzielend. Und zum Schluss - schöner kann man so ein Konzert nicht ausklingen lassen - erklang Astor Piazzollas "Libertango". Man kennt ihn in jeder nur denkbaren Besetzung. Aber mit seiner Paraphrase sorgte Christoph Kluyver noch einmal für Überraschung, mit welcher Sinnlichkeit man auch Orgelklänge mit raffinierten Rhythmen kombinieren kann, wie gerade lasziv sogar die "Königin der Instrumente" werden kann. Wieder eine Erfahrung mehr.