Es ist schon seltsam - oder würde man in dem Zusammenhang nicht besser sagen: absurd? Samuel Becketts "Endspiel" ist eines der bekanntesten Theaterstücke. Wenn dieser Titel genannt wird, heben sich kennerisch die Augenbrauen sogar bei Leuten, die das Stück weder gesehen noch gelesen haben. Einen wesentlichen Beitrag zu der Popularisierung dürfte sein kapitaler Fehlstart gewesen sein: Als die deutsche Fassung von "Fin de partie" im September 1957 in der Regie von Hans Bauer am Berliner Schlossparktheater herauskam, stieß es auf absolutes Unverständnis und blankes Entsetzen. Absurde Theater kannte man damals noch nicht. Nach acht dürftig besuchten Vorstellungen war das Stück wieder vom Spielplan verschwunden.

Durchaus seltsam: Als zehn Jahre später der Meister selbst, also Samuel Beckett, sein "Endspiel" in der Werkstattbühne des Schillertheaters inszenierte, da jubelte die Kritik - fast vorhersehbar - so laut, dass das Echo für 150 Vorstellungen reichte. Dann sank das Interesse wieder auf Normalmaß.

Beckett selbst war ja auch nicht ganz unschuldig daran.

Natürlich war die Verstörung deshalb so groß, weil das Publikum von damals mit dem Theater im Sinne der Schiller'schen moralischen Anstalt groß geworden war. Auch wenn die meisten Bösewichter am Ende tot waren, konnten die Zuschauer das Theater als bessere Menschen wieder verlassen. Diese Möglichkeit hatten sie hier nicht; es gab keine Identifikationsfigur, keinen Sympathieträger mehr. Aber nicht nur das: Beckett verbittet sich jeglichen Deutungsversuch, sonst wäre letztlich der Anspruch des Absurden verwirkt: "Wir haben keine Aufschlüsse über Geheimnisse anzubieten, die nur sie (die Fragestellenden) erschaffen haben. Wenn sich jemand über die Obertöne Kopfschmerzen machen will, möge er das ruhig tun. Und sich auch selbst um das Aspirin kümmern."

Ein Raum mit vier Menschen

Der Zuschauer, der es gewohnt ist, in der Welt auf der Bühne seine eigene zu suchen und zu erkennen, sieht sich allein gelassen. Denn was auf der Bühne verhandelt wird, ist nicht seine Welt. Die gibt es nicht mehr, wenn das Spiel beginnt - nur noch einen Raum mit vier Menschen und drum herum wüstes Wasser und leeres Land.

Was kann, was soll man also schreiben über ein Stück, das laut Autor nicht erklärbar ist, in dem eigentlich so gut wie nichts passiert. Denn "Endspiel" ist nicht ein Spiel über das Ende, sondern mit dem Ende, dem jegliche zielgerichtete Energie fehlt. Denn ein Ende ist trotz mancher Sehnsucht und Todessehnsucht nicht vorgesehen.

Die vier Menschen sind ruiniert bis zur Lächerlichkeit: Hamm (Ingo Pfeiffer), der nicht mehr laufen, sondern nur noch sitzen kann und der seinen Diener Clov (Benjamin Jorns) schikaniert, der nicht mehr sitzen, sondern nur noch laufen kann. Er würde gerne weglaufen - aber wohin? Und Hamm ist der Hüter der Essensvorräte. Und da sind Nagg (Marc Marchand) und Nell (Jacqueline Binder), die Eltern von Hamm, die in zwei Fässern stecken, seit sie bei einem Tandemunfall alle vier Beine verloren haben. Das ist eine wirklich absurde Welt, mit der man nichts zu tun haben will, obwohl man sich immer wieder dabei ertappt, Parallelen und Bezüge zu suchen. Nicht einmal Corona taugt dazu. Eigentlich eher abschreckend.

Und trotzdem kann und soll man über das Stück schreiben. Denn Uwe Reichwaldt, der mit "Endspiel" seine erste große Regie für die Maßbacher erarbeitet hat, hat Samuel Beckett und seine Deutungsverweigerung höchst raffiniert überlistet: mit einer Inszenierung, die über die Bilder und das Spiel kommt, die den Text in die zweite Reihe setzt. Mit seinem Team hat er eine Kulinarisierung des Hässlichen geschaffen. Der Zuschauer hat Zeit, sich in der abstoßenden Umgebung umzusehen und einzurichten, bevor ihn die ersten Textbrocken erreichen.

Ungemütlich

Was das Team da auf die Bühne gebracht hat, ist schon für sich genommen ein höchst ungemütliches Kunstwerk. Das Bühnenbild von Robert Pflanz atmet den Charme einer vergammelten Einzelgarage mit Wellblech-Schwingtor - schon deshalb konsequent, weil darin die beiden (Öl-)Fässer mit Nagg und Nell stehen. Vor allem aber in der Mitte ein aufgebocktes Motorrad ohne Hinterrad. Das ist der Thron, auf dem der verkrüppelte Hamm sitzt wie der Affe auf dem Schleifstein, wie ein Altrocker, der von besseren Zeiten träumt, nach seinem Beruhigungsmittel quengelt und Clov schikaniert.

Kurz vor dem Zerfallen

Die Kostüme von Jutta Reinhardt sehen aus wie aus der Altkleidersammlung, Abteilung "Aufgegeben". Hamms Klamotten erinnern noch ein bisschen an bessere, aber auch nicht gute Tage. Aber die anderen sind kurz vor dem Zerfallen. Fantastisch ist die Maske (Maskenbildnerische Hilfe: Belinda Heller). Wenn Nagg und Nell aus ihren Tonnen auftauchen, meint man dick verstaubte Alabasterbüsten zu sehen. Hamm und Clov stehen kurz vor der Auflösung. Selbst das Licht (Robert Werthmann) wirkt verschimmelt, als könnte man es riechen.

Fabelhafte Personenregie

Dazu kommt eine fabelhafte Personenregie, die vor allem von Ingo Pfeiffer und Benjamin Jorns viel abverlangt, nicht nur großen Mut zur Hässlichkeit. Denn sie müssen nicht nur ihre körperlichen Gebrechen durchhalten - eineinhalb Stunden auf einem Motorradsattel zu kauern oder mit steifen Knien auf eine wackelige Leiter zu klettern, das muss man erst mal nachmachen. Sondern sie müssen auch stimmlich stark variieren. Und ein absurder Text ist auch nicht so leicht zu merken.

Aber Uwe Reichwaldt erreicht sein Ziel.

Als Zuschauer ist man zunächst einmal fasziniert von den Bildern. Und man merkt erst spät, dass man irgendwann begonnen hat, den Text wahrzunehmen und einzuordnen, ihn in die Bilder zu projizieren. Man ist plötzlich bereit, Bilder und Text als Einheit zu begreifen und trotz des Beckett'schen Abwinkens über das Absurde nachzudenken und über das Wesen des Endes in diesem Stück.

Natürlich suggeriert das Aufheulen des Motorradmotors, als sich der Vorhang schließt, dass die Geschichte wieder von vorne beginnen könnte. Denn der Motor war auch wummernd zu hören, bevor sich der Vorhang öffnete. Aber ewig wäre das nicht möglich. Denn wenn die Lebensmittel all sind, erlischt auch das letzte Leben. Wie dem auch sei: Es sind nicht die schlechtesten Momente des Theaters, wenn die Regie über den Text siegt.