Mozart hätte vermutlich gestaunt, wenn er erfahren hätte, dass er unter dem Label "US Rhythm & Blues" zu finden ist. Aber vermutlich hätte er sich über diese Kuriosität gefreut. Es ging ja in erster Linie auch gar nicht um typische Spielarten der amerikanischen Musik. Sondern es ging um ein abwechslungsreiches, mitreißendes Programm.
Und das geht am besten über den Rhythmus.

Will man von diesem Konzert reden, muss man zu allererst von dem Orchester und seinem Dirigenten reden. Allein der Gedanke, so einer Art Jungfernfahrt des Orchestre National de Marseille beizuwohnen, ist schon erstaunlich. Wer hätte gedacht, dass die Gastspiele im Regentenbau die ersten Auftritte im Ausland in der 50-jährigen Geschichte waren.

Bereitschaft zum Quälen

Das erklärt auch die erwartungsvolle Stimmung, die Spannung und das Engagement bei den Musikern, die hochmotiviert zur Sache gingen. Und das erklärt die Bereitschaft, sich zu quälen. Denn etwas anderes bedeutete das Programm nicht. Die Sprünge von Barber zu Tomasi, von Vanbeselaere zu Mozart und zurück zu Gershwin und andere Spagate bedeuteten jedes Mal ein stilistisches Umdenken und vor allem ein Sich-Einstellen auf die kompliziertesten Rhythmen. Und diese Konzentration über drei Stunden zu bringen, dazu muss man erst einmal bereit und dann in der Lage sein.

Man muss aber auch sagen, dass Lawrence Foster ein Dirigent ist, der nicht nur das Publikum, sondern auch ein Orchester begeistern kann. Er hat es geschafft, in nicht einmal zwei Jahren aus einem Klangkörper ein Orchester zu machen. Und er hat seine Leute mit verlässlicher Präzision und Orientierung durch diesen langen, schwierigen Abend gesteuert. Samuel Barbers einleitendes Adagio für Streicher deutete schon an, auch wenn die Bläser und Perkussionisten noch gar nicht beteiligt waren, zu welcher Präzision und Homogenität das Orchester gefunden hat. Bei Coplands "El Sálon México" glänze dann das ganze Orchester.

Natürlich muss man auch über die vier Solisten des Abends reden. Über Tine Thing Helseth, die das Trompetenkonzert des Südfranzosen Henri Tomasi spielt mit der ihr eigenen hochvirtuosen, aber völlig unaufgeregten Art. Das ist eine Musik, di Melodien noch zulässt, sie aber auch in lauter kleine Einzelteile zerlegt und damit Futter für eine lebendige Auseinandersetzung zwischen Solo und Orchester bietet, ein sich-Anlegen, ein Eintauchen mit vielen Klangfarben. Oder eine Musik die in ihrer Lärmigkeit vor allem im dritten Satz an Strawinsky und an Gershwins "Amerikaner in Paris erinnerte - eine Musik, die jedenfalls viel Spaß machte.

Das galt auch für die "Convergeances", die Jean Philippe Vanbeselaere für den Tubisten des Marseiller Orchesters, Thomas Leleu, geschrieben hat und der es auch uraufgeführt hat. Natürlich lässt sich da das Ohr immer wieder ablenken vom Auge und dem Staunen, welch bewegliches Instrument, dieses blecherne Monstrum ist - wenn man es spielen kann. Aber die Kraft der Musik, der von unten kommende Widerstand des Solisten gegen das Orchester, setzte sich immer wieder durch, bis sich beide auf eine verjazzte Samba einigten. Ein bemerkenswertes, auch handwerklich gut gemachtes Werk.

Außerhalb der Reihe

Ein bisschen in Richtung Wermutstropfen ging an diesem Abend der junge Pianist Da Sol Kim, Gewinner des Kissinger KlavierOlymps 2012 (gemeinsam mit Magdalena Müllerperth). Bei ihm hatte man nicht den Eindruck, dass er sich in den zwei Jahren entscheidend weiterentwickelt hat. Natürlich war es schön, dass er Mozarts Konzert C-dur KV 246 spielte, das wirklich nicht oft zu hören ist. Und er setzte auch ein mit einem angenehmen, recht lyrischen Ton. Aber das war es dann auch schon, dabei blieb er. Er hielt sich weitestgehend im Mezzopianobereich auf, ging sehr sparsam mit Klangfarben um und insgesamt mit interpretatorischen Ideen. Und gegen Ende ließ auch die Konzentration nach. Das Orchester war bei diesem Konzert der eigentliche Ideengeber und letztlich Punktsieger.

Und dann Simone Kermes. Die auf der Bühne etwas exzentrische Sopranistin lohnt ja für sich schon den Konzertbesuch. Mit Villa-Lobos' "Bachianas Brasileiras" Nr. 5, der Vertonung eines naturlyrischen Textes zwischen zwei glänzenden Vokalisen, versucte sie aus gegebenem Anlass zu trösten: "Musik aus Brasilien für Brasilien." Aber dann machte sie ihre Stimme zum theatralischen Instrument - bei Gershwins "The Man I Love" und "Summertime" noch etwas introvertiert abgetönt. Aber bei Weills "Alabama-Song" kam die Wende nach außen. Und "Glitter and Be Gay" sang sie, als hätte Lennie Bernstein das eigens für sie geschrieben. Das war Exaltiertheit in Reinform. Da war nicht einmal Lawrence foster vor ihr sicher. Auch nicht bei der Zugabe, der bis zur Hysterie getriebenen Arie der Olympia aus "Hoffmanns Erzählungen". Auf die Uhr hat an dem Abend niemand geschaut.