Es gab eine Zeit, da konnte Wolfgang Röhlinger (Haard) nicht einmal mehr einen Löffel selbstständig in den Händen halten. Eine massive rheumatische Gelenkerkrankung in Verbindung mit einer Blutvergiftung zwangen den früheren Ausdauersportler sprichwörtlich in die Knie. Tagelang saß er im Rollstuhl, seine Beine, seine Hände versagten ihren Dienst. Das ist jetzt sechs Jahre her. Die Krankheit habe ihn damals völlig lahmgelegt, erinnert er sich an diese Zeit zurück. Stück für Stück hat sich der Haarder wieder zurück in ein normales Leben gekämpft. Er ist überzeugt, dass es auch die Musik war, die ihm dabei geholfen hat.

Der Zufall wollte es, dass mitten in der Rehabilitationsphase der Rockmusiker David Maier in Nüdlingen seine Gitarrenschule "Magic Music" eröffnete. Als Wolfgang Röhlinger den Werbeflyer der Musikschule in die Hände bekam, erinnerte er sich wieder an eine Leidenschaft aus seiner Jugend zurück: die Rockmusik. Seine Helden waren die Gitarristen. Er selbst hatte jedoch nie das Gitarrespiel gelernt; wohl deshalb, weil er nach sechs Monaten Geigenunterricht am Münnerstädter Gymnasium seine Musikkarriere freiwillig beendet und sich fortan Jahrzehnte lang lieber dem Sport gewidmet hatte.

Mit der Krankheit wurde alles anders. Sport konnte er - bis heute - mit Ausnahme von Schwimmen nicht mehr treiben. Dafür hatte er umso mehr Zeit, denn auch seinen Beruf konnte er nicht mehr ausüben. So fand der Haarder 2016 zu seiner alten Liebe, der Musik, zurück. Auch wenn seine Finger von der Arthritis ungelenk geworden waren, Wolfgang Röhlinger kaufte sich eine einfache Wandergitarre. Sein Ziel fürs Erste: Wenigstens ein paar Griffe erlernen, um ein paar Hits seiner Jugendzeit- er spricht von Lagerfeuerliedern - selbst spielen zu können. Wenig später fasste Röhlinger den Mut, mit 61 Jahren nochmals Unterricht bei David Maier zu nehmen. "Die Chemie hat sofort gestimmt", sagt Wolfgang Röhlinger. Die Musik sei für ihn zum Glücksfall geworden, resümiert er heute.

Die Lagerfeuerlieder kann der Haarder längst auf der Gitarre spielen. Zwischenzeitlich übt er an Techniken, von denen er nie geglaubt hätte, sie jemals spielen zu können. "Das hätte ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können", sagt er über seine Fortschritte. Auch sein Gitarrenlehrer ist fasziniert, wie sein Schüler mittlerweile die Saiten greifen kann. Seine Finger seien trotz seiner Gelenkerkrankung wieder beweglich und die Muskulatur gestärkt,stellt Röhlinger zufrieden fest.

Doch hinter dieser Entwicklung steckt Arbeit. Ohne beharrliches Üben geht es nicht. Das hat Wolfgang Röhlinger schnell gemerkt. "Das Fingerpicking ist manchmal schon auch eine Quälerei", sagt er und beißt sich trotzdem durch. Denn der Spaß ist letztendlich größer als die Anstrengung. David Maier seinerseits kennt seinen Schüler mittlerweile so gut, dass er weiß, welche Stücke zu ihm passen und andererseits seine Finger-Gelenke nicht überfordern. Er sei ja kein Mediziner, sagt Maier. Er versuche deshalb, einen Zwischenweg zu finden. Röhlinger schätzt an seinem Lehrer, dass dieser erkennt, wenn ein Song, den er gerne erlenen würde, einfach zu schwierig ist und das ihm auch sagt. Es finde sich immer eine Alternative, betont David Maier.

Wolfgang Röhlinger ist für David Maier der beste Beweis, dass es beim Erlernen eines Instruments nicht unbedingt auf das Alter, sondern auf den Willen ankommt. Dann habe man auch mit 60 plus die Möglichkeit, seinen Jugendtraum zu verwirklichen. Maier erzählt von zwei Schülern im reifen Alter, die sich nach einiger Zeit sogar zusammen getan haben, um als Duo öffentlich aufzutreten.

An Bühnenauftritte denkt Wolfgang Röhlinger zwar nicht, doch mit der Dauer des Unterrichts ist seine musikalische Ausstattung zuhause schon gewachsen. Zur Anfängergitarre ist mittlerweile für das Rockmusik-Feeling eine elektrische Halbkorpus-Gitarre dazu gekommen, Verstärker und Kopfhörer ebenfalls. Aber es muss nicht immer Rockmusik sein. Wenn das kleine Patenkind zu Besuch ist, spielt er für sie schon mal "Atemlos" von Helene Fischer und bei Geburtstagsständchen Songs versehen mit einem eigenen Text.

Wolfgang Röhlinger ist heute mit seiner Lebenssituation zufrieden und genießt mit seiner Frau das Leben. "Es geht uns gut, dafür sind wir dankbar", betont er. David Maier freut sich, dass das Gitarrenspiel dazu einen Beitrag geleistet hat. "Ich glaube, dass Musik allgemein ein stärkeres Wohlbefinden mit sich bringt", betont er.

Info:

Der Verband Deutscher Musikschulen gibt den Anteil der Schüler, die 60 Jahre und älter sind mit 2,04 Prozent. Die Zahl der Musikschüler in dieser Generation sei am Zunehmen, heißt es auf der Homepage des Verbandes. Bereits 2007 hatte der Deutsche Musikrat die sogenannte Wiesbadener Erklärung verfasst, in der eine bessere musikalische Förderung der Generationen 50+ gefordert wird. Die Beschäftigung mit Musik habe prophylaktische und therapeutische Wirkung, heißt es dort unter anderem. In öffentlichen wie in privaten Musikschulen steht die Förderung der musikalischen Entwicklung sowie der Spaß am Erlernen eines Musikinstrumentes im Vordergrund. Eine eigene Disziplin bildet dagegen die Musiktherapie,die Teil eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes in verschiedenen medizinischen Bereichen wie Psychiatrie, Schmerztherapie, Geriatrie, Onkologie ist.Sie wird von ausgebildeten Therapeuten zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit angewendet (Quelle: Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft).