Der 31. Kissinger Sommer ist ja eigentlich dem Musikland Russland gewidmet, aber er begann chinesisch: Die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Long Yu und die englische Trompeterin Alison Balsom spielten das Trompetenkonzert des in Shanghai geborenen und in Paris lebenden Chinesen Qigang Chen. "Joie éternelle" oder "Ewige Freude" heißt das Werk. Die Solisten sehen das vielleicht ein bisschen anders. Den nauch wenn die einsätzige Komposition bruchstückhaft verhalten, mit der Entwicklung von musikalischen Linien beginnt, steigert es sich virtuos bis zum Schluss hin in einem Maße, dass man sich fragte, wo Alison Balsom die ganze Luft für die elend langen Stakkatogirlanden her hatte. Das war schon eindrucksvoll Aber ansonsten war Qigang Chens Unterfangen, chinesische Melodien und Klangbilder in europäische Strukturen zu fassen, nur begrenzt spannend, weil sich vieles wiederholte und sich auch etwas im Klischeehaften erschöpfte. Was allerdings wirklich beeindruckend war, war die Klarheit des Musizierens.

Es ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, wenn auch aus Spektakuläritätsgründen verständlich, ein viereinhalbwöchiges Musikfestival ausgerechnet mit Gustav Mahler "Lied von der Erde" zu eröffnen, denn dieses Werk vermittelt eher Abbruch- als Aufbruchstimung. "Was glauben Sie? Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht darnach umbringen?", hat Mahler den Dirigenten Bruno Walter gefragt, als der die Partitur begutachtet hatte.

Soweit ist es bisher noch nicht gekommen. Aber "Das Lied von der Erde", das Mahler zunächst "Das Lied vom Jammer der Erde" genannt hatte, ist eine Überwältungsmusik, die vom Zuhörer eine Entscheidung fordert. Man kann sich ihr entziehen, weil sie eine sehr abstrakte, auf dem Klangreißbrett entstandene Musik ist, die so gut wie keine emotionalen Ankerpunkte in Gestalt nachvollziehbarer melodischer Angebote macht. Man kann sich aber auch auf sie einlassen, gerade weil sie so viele Überraschungen birgt, weil sie so klangbewusst gestaltet ist. Es war das große Verdienst des Orchesters, diese Fülle mit messerscharfen Konturierungen und größter Präzision geradezu schmerzhaft deutlich werden zu lassen.

Aber durch diese Plastizität und die Dominanz des Instrumentalen wurde auch eine Tendenz deutlich, die das Werk prägt: die Vereinsamung der Solisten, die sich auf verschiedenen Wegen aus der Welt herausstehlen. Sie sind oft auch nur eine Farbe, haben wenig Bindungen an das Orchester, müssen oft gegen es ansingen. Erst im verklingenden Schluss sind Stimme und Orchester wirklich eins.

Klaus Florian Vogt (Tenor) und Michael Nagy (Bariton) waren bestens disponiert, sangen mit klaren Konzeptendes Heraustretens und sich Zurückfallen-Lassens in das Orchester. Wobei es Michale Nagy deutlich leichter hatte, weil Long Yu ihm die akustischen Spielräume dazu ließ. Mit Klaus Florian Vogt hatte er wohl seine Probleme, denn er deckte ihn ziemlich gnadenlos zu und der Tenor musste ständig forcieren: ausgerechnet Vogt, der sogar bei Wagner für ein leiseres Singen plädiert. Was darunter etwas leiden musste, war die Textverständlichkeit. Wenn es Mahler wirklich nur um die Klangfarbe Stimme gegangen wäre, hätten Vokalisen genügt.