Natürlich durfte einer nicht fehlen beim 30-jährigen Jubiläum des Kissingers Sommers: der gesamtdeutsche Star der Wendejahre, der als "Altus" in der Berliner Staatsoper und der Komischen Oper ein Aushängeschild der DDR-Kultur geworden war und in atemberaubender Geschwindigkeit die Bühnen West-Deutschlands und der gesamten westlichen Welt von Londons Covent Garden bis zur Met in New York eroberte: Jochen Kowalski.
Er lud zum Late Night Concert ins Kurgartencafé. Und als edle "Begleitband" hatte er sich Instrumentalisten der Berliner Staatskapelle mitgebracht, die sich zu diesem Zweck "Salonorchester "Unter'n Linden" nennen. Dessen Instrumentalsolisten spielten bei ihrem Abstecher nach Bad Kissingen zwischen Orchesterproben in Berlin am Tag vorher und am Morgen danach die witzigen Arrangements ihres Pianisten und Leiters Uwe Hilprecht von einer verswingten Version von Händels "Caesar" bis Ulrich Schwillms" "Über sieben Brücken musst du gehn", aber auch wunderbar tänzerisch Schostakowitschs Ohrwurm, den Walzer Nr. 2 aus seiner Jazz-Suite oder Manuel de Fallas Danse espagnole.

Charme und schnoddriger Witz

Jochen Kowalski hat sich mit 61 noch all das bewahrt, was ihn neben seiner Altusstimme schon immer zu einem Publikumsliebling gemacht hat. Mit viel Charme, großer Bühnenpräsenz, dem schnoddrigen Witz des Wahlberliners führte er durch das Konzert. Die Hits der 20er und 30er Jahre interpretierte er mit viel Spaß und Engagement mal in seinem hohen Opernregister, das er immer noch sehr gut zu führen weiß, wie er in der Niceno-Arie aus Händels "Giulio Cesare" unter Beweis stellte, mal mit seiner natürlichen Bariton-Stimme, die er in einem witzig wirkenden Wechsel bei all den alten Gassenhauern einzusetzen weiß, und traf dabei genau die Mischung aus Frechheit und Sentimentalität in den Ohrwürmern wie dem völlig unberlinerischen "Wien, Wien, nur du allein", der guten alten "Donna Clara", die er als polnischen Tango vorstellte, oder Friedrich Holländers "Eine kleine Sehnsucht".

Silvester im Fahrstuhl

Dazwischen erzählte er Anekdoten wie seinen gescheiterten Besuchsversuch bei Marlene Dietrich in Paris oder seinem großen Auftritt mit der Orlofsky-Arie aus der "Fledermaus" zur Neujahrsparty in New York, bei der er den Jahreswechsel im Lift erlebte. So wurde das Late Night Concert eine genau zu seinem Titel passende Begegnung mit einem großen Sänger und Entertainer, der sein Publikum noch um die Mitternachtsstunde in Bann zu halten vermochte und ihm zurief: "Singen ist Lebensqualität. Leute, werft die Krücken weg!"