LKR Bad Kissingen
Nachgefragt

Landkreis Bad Kissingen: Pflegeplätze stehen auf der Kippe

Trotz langer Wartelisten sind in Pflegeheimen Betten frei, weil Personal fehlt. Zudem wurden in der Region zuletzt Heime geschlossen, weitere Vollzeitpflegeplätze sind bedroht.
Auch Landrat Thomas Bold sorgt sich, dass im Landkreis Bad Kissingen weitere Pflegeplätze wegfallen.
Auch Landrat Thomas Bold sorgt sich, dass im Landkreis Bad Kissingen weitere Pflegeplätze wegfallen. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Täglich bekommt sie sechs bis zehn Anfragen von Angehörigen, die nach einem Pflegeplatz in einem Heim für Oma oder Opa suchen. "Die Anfrage ist sehr stark", sagt sie. Die meisten lehnt sie ab. Die Frau leitet ein großes Seniorenheim im Landkreis Bad Kissingen. Ihr Name soll nicht in der Zeitung stehen. Eigentlich hat ihr Heim freie Betten, allerdings nicht genug Personal, um mehr Menschen zu betreuen. Die Warteliste sei endlos. Erst wenn Bewohner sterben, können wieder neue aufgenommen werden. Für die verzweifelt Suchenden eine belastende Situation "Es ist schlimm, wenn die Angehörigen am Telefon weinen", sagt die Heimleitung.

Ein Einzelfall ist das nicht, sondern die Regel. Das merkt auch Anne Hilpert-Böse, Vorständin des Caritas Kreisverbandes, der Sozialstationen und Tagespflege anbietet. "Wir sind alle nicht mehr aufnahmefähig", sagt sie. Der Pflegebedarf steige massiv, bei sich gleichzeitig verschärfendem Fachkräftemangel. "Das merkt der Pflegebereich an allen Ecken und Enden", meint Hilpert-Böse.

Auch Landrat Thomas Bold (CSU) weiß, dass personalbedingt viele Pflegebetten leer bleiben. In der Region kommt zum Personalmangel erschwerend hinzu, dass zuletzt im Landkreis nach Zahlen des Landratsamts rund 100 vollstationäre Plätze verloren gegangen sind. Die Schließung des Bürgerspitals in Hammelburg (Herbst 2021), das vorübergehende Aus des Seniorenheims in Euerdorf der Carl-von-Heß-Sozialstiftung (Januar 2022) sowie die Umwandlung des Biedermeierhofs in Bad Bocklet in eine Tagespflegeeinrichtung (Dezember 2020) hätten tiefe Spuren hinterlassen.

Vollzeitpflegeplätze bedroht

Dass in Bad Neustadt Ende des Jahres das Seniorenheim Casa Reha schließt, hat die Situation weiter verschärft. Zudem gibt es aus baulichen Gründen oder wegen unklarer Unternehmensnachfolgen im Kreis Bad Kissingen weitere kleine Einrichtungen, deren Schicksal ungewiss ist. "Es gibt Fälle, bei denen wir in Gesprächen sind, wie es weitergeht", bestätigt Landrat Thomas Bold. Größere Häuser seien aktuell nicht betroffen, dennoch sei noch einmal eine zweistellige Anzahl an Vollzeitpflegeplätzen bedroht. "Von einem Ansteigen von Pflegeplätzen ist nicht auszugehen", sagt er.

Die landkreiseigene Carl-von-Heß-Sozialstiftung hatte das Heim in Euerdorf wegen Personalmangels geschlossen und zwischenzeitlich als Notunterkunft für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Laut Bold wurde dieser Vertrag jedoch vorzeitig beendet und man arbeite daran, es wieder als Heim in Betrieb zu nehmen. Eine zeitliche Perspektive gibt es allerdings nicht. "Die Herausforderung ist das Personal", sagt der Landrat.

Auffallend sei, dass aktuell bauliche Gründe eine Rolle bei Schließungen spielen, wie in Hammelburg und Bad Neustadt. Das hängt laut Bold mit einer Gesetzesänderung zur Pflege- und Wohnqualität zusammen, die schon 2011 hätte erfüllt sein sollen und für die eine Übergangsfrist bis 2016 eingeräumt wurde. Bis dahin hatten die Betreiber Zeit, ein Konzept vorzulegen, wie sie die Vorgaben erfüllen. Den Betreibern wurde ausreichend Zeit gegeben, zudem sei es möglich, ein Heim in Etappen zu modernisieren. "In Maria Bildhausen zum Beispiel wird schrittweise umgebaut", lobt der Landrat. Einige Betreiber hatten sich aus wirtschaftlichen Überlegungen dagegen entschieden. Dort wo die Vorgaben nicht erfüllt werden, müsse der Gesetzgeber durchgreifen.

In der Gesellschaft wächst der Bedarf nach Pflege. Gleichzeitig reicht das Personal nicht aus und die Zahl der vollstationären Pflegeplätze sinkt. Nach Ansicht von Bold können Heimbetreiber darauf reagieren, indem sie den Anteil von Servicewohnen ausbauen. Diesen Weg habe die Carl-von-Heß-Sozialstiftung für sich gewählt. "Man kann nicht mehr alles stationär abbilden", erklärt er. Beim Servicewohnen werde weniger Personal benötigt, und viel Pflegebedarf abgefedert. "Nachdem wir den Pflegefachkräftemangel haben und die Konzepte den Menschen gut tun, ist es richtig, in diese Richtung zu gehen", betont Bold. Servicewohnen erhalte den Menschen ein Stück ihrer Selbstständigkeit. Schon jetzt sei die Situation oft so, dass in der Vollzeitpflege vor allem Bewohner mit einem hohen Pflegegrad leben, Menschen mit geringerem Bedarf werden von Angehörigen, ambulant oder in betreuten Wohnformen versorgt.