Nach 15 Vorträgen zur Entwicklung deutscher Kurorte unter besonderer Berücksichtigung Bad Kissingens ging das am Freitag eröffnete Symposium "Kurort und Modernität" am Sonntag zu Ende. Etwa 50 Fachbesucher und ebenso viele Laien informierten sich über die Besonderheiten der Bäderarchitektur und des kurortspezifischen Gastgewerbes, über die Entwicklung der Kurmusik, die zu allen Zeiten die Klassik mit der Moderne vereinte, bis zu Veränderungen des Gesundheitsangebotes von der Trinkkur bis zur Psychosomatik. Das Symposium war ein Beitrag zur Bewerbung Bad Kissingens um das Prädikat Unesco-Welterbes, diente aber auch zu deren Vorbereitung.

Blütezeit der Trink- und Badekur

Einen Rückblick auf die Blütezeit der Trink- und Badekur im 19. Jahrhundert, die auch Bad Kissingen einst zum "Weltbad" machte, gab Andreas Golob (Universität Graz). Anschließend hinterfragte Klaus Bergdolt (Universität Köln) die Bedeutung des Gesundheitsangebots in seinem Beitrag "Gesundheit als Ausrede?" Diente der mehrwöchige Aufenthalt zur "Sommerfrische" nicht eher der Selbstdarstellung und dem gesellschaftlichen Glanz und ähnelte damit dem viel geschmähten "Kurlaub" der Neuzeit?
Die Park- und Grünanlagen historischer Kurorte bezeichnete Thomas Gunzelmann (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) als "innovatives Therapeutikum". Doch noch heute seien Gärten und Parks "wesentlich und unverzichtbar für den Erfolg des Kurwesens in Bad Kissingen", ergänzte sein Kollege Christian Schmidt. Die nach der Gründerzeit zahlreich erbauten Kurvillen in Bad Kissingen seien von üppigen Privatgärten umgeben gewesen. Der Architekt Max Littmann sprach 1920 sogar von der "Gartenstadt Bad Kissingen". Das Thema "Kurort und Modernität" mag heute manchem als Widerspruch erscheinen. Doch bedeutende Kurbäder wie Bad Kissingen seien immer Vorreiter in Architektur, Gastgewerbe und medizinischem Angebot gewesen, war im Symposium zu erfahren. So habe Friedrich von Gärtner mit dem Bau der gusseisernen Brunnenhalle (1841) im Kissinger Kurgarten für Jahrzehnte architektonische Maßstäbe gesetzt, berichtete Knut Stegmann (Westfälisches Landesamt für Denkmalpflege).
Nur mit Mühe habe 70 Jahre später der Architekt Max Littmann beim Bau der Kissinger Wandel- und Brunnenhalle (1911) die Stahlbetonbauweise durchsetzen können. Stegmann: "Bad Kissingen war in beiden Fällen ein Vorreiter in der Architektur." Kurorte hätten Architekten für ihre Modellbauten bevorzugt, da ihre Neubauten auf der Vielzahl verschickter Ansichtskarten als Beispiele modernen Bauens beworben werden konnten.

Unterkunft in Privathäusern

Modern ging es über Jahrhunderte auch im Gastgewerbe zu, berichtete der westfälische Oberkonservator Fred Kaspar. "In Kurorten wurde ein wesentlicher Teil deutscher Hotelgeschichte geschrieben", betonte der Fachmann für Bäderarchitektur. Bis zum 17. Jahrhundert mussten selbst Adel und Klerus bei Kuraufenthalten noch in Privathäusern unterkommen. Erst im frühen 18. Jahrhundert seien Logierhäuser aufgekommen, die immer wieder den wechselnden Ansprüchen der Gäste angepasst wurden. So habe Balthasar Neumann schon 1739 in Bad Kissingen ein Logierhaus für die Herren des Würzburger Domkapitels gebaut, das mehrmals bis zum späteren Kurhaushotel erweitert wurde.
Der Begriff "Hotel" sei ab 1860 als Modewort für bessere Logierhäuser aufgekommen. Die Begriffe "Haus", "Villa" oder "Hof" ("Kaiserhof Victoria") waren verbreiteter. "Nicht jedes große Logierhaus hatte im 19 Jahrhundert einen Speisesaal", beschrieb Kaspar den Wunsch der damaligen Gesellschaft auf Abgeschiedenheit. Und: "Die besten Quartiere boten nicht die öffentlichen Hotels, sondern private Logierhäuser mit Küchenanmietung."
In den Speisesaal ging der Gast im 19. Jahrhundert nur, wenn er gezielt den gesellschaftlichen Anschluss suchte. Dort saßen dann manchmal bis zu 200 Gäste an langen Tischen. Als Beispiel für Speisesäle damaliger Zeit nannte Kaspar das große Restaurant im Hotel Kaiserhof Victoria.
"Nicht das Einzelangebot, sondern das Gesamtbild aus Klinik, Natur und Ambiente trägt am Kurort zur Gesundung bei", zog Ralf Heimbach, Geschäftsführer der Heiligenfeld-Kliniken, als Fazit. Dies werde auch in Zukunft gelten. "Kurorte sind ein komplexes Phänomen", fasste auch Gastgeber Peter Weidisch am Sonntag abschließend als Ergebnis aus allen Vorträgen zusammen. "Sie waren in ihrem Wandel stets modern", meinte er mit Blick auf die Psychosomatik als noch ausbaufähiges Feld der modernen Medizin. Auch für Moderator Fred Kaspar stand nach den Vorträgen fest: "Kurorte erfanden und erfinden sich immer wieder neu."
Beispiele jeweils moderner Architektur aus verschiedenen Jahrhunderten umgeben auch den Kurgarten: Im Süden Friedrich von Gärtners Arkadenbau (1838) mit dem Standbild Ludwig I.. Im Uhrzeigersinn schließen sich das frühere Café Messerschmidt (1894), die Kurverwaltung (1978) und das 1958 dem modernen Zeitgeschmack der Nachkriegszeit angepasste, im Kern aus 1739 stammende Kurhaushotel an, davor der Maxbrunnen-Tempel von Max Littmann (1911).