n einem offenen Brief an den Dehoga-Landesverband (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V.) wirft Gastronom Norbert Grohmer (67), Inhaber des Gasthauses "Eintracht" in Reiterswiesen, dem Branchenverband mangelnde Tatkraft und fehlende politische Einflussnahme vor. Dehoga widerspricht auf Nachfrage unserer Zeitung diesem Vorwurf und verweist auf vielfach Erreichtes.

Im Brief vom 9. März mahnt Grohmer eine "unmissverständliche wirtschaftspolitische Interessenvertretung" bei Landes- und Bundesregierung durch den Dehoga an.

"Wo ist Ihre Stimme zu allem? Wie lange wollen Sie sich noch als Branchenverband präsentieren, der nicht den geringsten politischen Einfluss auf Entscheidungen zu unseren Arbeits- und Lebensbedingungen vorzuweisen hat? Wie lange wollen Sie denn noch zusehen, wie die meisten Gastronomen um ihre Existenz und das schlichte Überleben kämpfen, die alles für ihre Ideale eingesetzt und investiert haben?", fragt Grohmer.

Existenz bedroht

Wie viele Kollegen sieht auch er sich inzwischen in der Existenz bedroht. Zwar sind seine Mitarbeiter durch das staatliche Kurzarbeitergeld aufgefangen. Auch ist die Soforthilfe für November und Dezember endlich eingetroffen. Doch seit Januar fließt kein staatliches Geld mehr, da die von Steuerberatern oder Wirtschaftsprüfern auszufüllenden Formulare zur Beantragung der Überbrückungshilfe erst jetzt vorliegen.

Die Altersvorsorge ist inzwischen aufgebraucht. "Die Forderungen von Banken, Verpächter und Lieferanten laufen ja weiter." Würden diese ihm nicht partnerschaftlich entgegenkommen, "müsste ich mein Restaurant sofort schließen".

Inzwischen hat er nicht nur die Hoffnung auf eine Öffnung zu Ostern verloren, sondern auch Pfingsten schon abgehakt. "Der Endlos-Lockdown gleicht einer Zwangsenteignung", ergänzt er.

Es sei nicht zu verstehen, schreibt Grohmer weiter, "dass ein derart großer Branchenverband [Anm. d. Red.: bundesweit 2,4 Mio Beschäftigte, 80 Mrd. Euro Jahresumsatz] es nicht schafft, politisch gewichtige Worte mitzureden und gesetzmäßig zu beeinflussen." Und er fordert: "Wenn Sie der Verband der Gastronomen sind, tun Sie etwas." Denn der Verband wisse doch genau, dass das, was zur Zeit allen Wirten widerfährt, "weder politisch noch moralisch tragbar ist."

Abschließend prophezeit der Reiterswiesener die Veränderung der gastronomischen Landschaft, "wenn keiner etwas dafür tut und der Idealismus für diese Berufe auf der Strecke bleibt".

Telefonat mit Hartges

Drei Tage später nahm sich Bundesgeschäftsführerin Ingrid Hartges Zeit, um in einem "über einstündigen, sachlichen Telefonat", wie der Angerufene später bestätigte, die Möglichkeiten und politischen Aktivitäten des Branchenverbandes darzustellen.

Neben der Einwirkung des Verbandes auf finanzpolitische Entscheidungen und Leistungen der Bundesregierung hob Hartges in ihrer Antwort auf Anfrage dieser Zeitung noch einmal die Senkung der Mehrwertsteuer für Speisen in Restaurants von 19 auf sieben Prozent ab Juli 2020 bis Jahresende 2022 hervor.

Zudem stünde die Bundesgeschäftsstelle "in permanentem Austausch mit zuständigen Ministerien und politischen Entscheidern" (Wirtschaftsgipfel bei Bundeswirtschaftsminister Altmaier am 16. März) oder in zahlreichen Telefonschalt- und Videokonferenzen mit den für die Umsetzung von Hilfsmaßnahmen Verantwortlichen.

Forderung an Kanzlerin

Ganz im Sinne Grohmers dürfte der offene Brief des Bundesverbandes vom 18. März mit konkreten Forderungen an die Bundeskanzlerin sein, der mit 3000 Mitgliederschreiben dem Kanzleramt im Hinblick auf das Bund-Länder-Treffen (22. März) übergeben wurde. "Geben Sie unserer Branche Perspektiven und sichern Sie das Überleben der unverschuldet in Not geratenen Unternehmen", fordert darin der Bundesverband von der Kanzlerin.

"Tausende Existenzen und hunderttausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel." Er bemängelt zudem die fehlende Logik mancher Entscheidungen: "Urlaub auf Mallorca ist möglich, ein Besuch in unseren Betrieben nicht. Wer versteht das noch?"

Forderung: virtueller Runder Tisch

Mit vergleichbarem Inhalt wandte sich am selben Tag der bayerische Landesverband schriftlich an Ministerpräsident Markus Söder mit der ausdrücklichen Forderung, einen virtuellen Runden Tisch mit Gesamtvorstand und Kreisvorsitzenden einzurichten, "damit Sie aus erster Hand erfahren, wie dramatisch die Situation landauf, landab ist".

Das Gastgewerbe habe keine Perspektive, die Lage sei äußerst verzweifelt. "Die Betriebe ringen trotz Wirtschaftshilfen um ihre Existenz." Private Rücklagen der Gastronomen seien aufgebraucht. "Die Nerven liegen blank".