Natürlich war es die Topmeldung, dass Diana Damrau einspringt für das BBC Symphony Orchestra, das wegen Corona auf seiner Insel angekettet ist. Wobei das mit dem Einspringen so eine Sache ist, denn ihr Programm ist ja doch etwas anders.

Aber die heimliche Topmeldung war eine andere: dass ihr Partner am Klavier Helmut Deutsch sein würde. Der müsste doch jetzt auf die 90 zugehen, denkt man sich überrascht. Denn er war jetzt schon einige Jahre nicht mehr beim Kissinger Sommer. Und als er in der zweiten Hälfte der 80er Jahre beim Festival auftauchte, hatte man nicht unbedingt den Eindruck, einen jungen Mann vor sich zu haben. Er hat ja schon immer etwas älter ausgesehen, als er tatsächlich war. Das lag zum einen an der Aura des Seriösen, die er verbreitete, aber auch an seiner Unaufgeregtheit. Also: Nachschauen im Internet! Er ist tatsächlich erst 75, stellt man erleichtert fest. Er kann also noch oft kommen.

Vertreter der Eigenständigkeit

Helmut Deutsch hat vom Klavierschemel aus die Entwicklung des Kunstliedes geprägt wie kaum ein anderer und dabei hohe Maßstäbe gesetzt wie am singenden Ende Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier oder Christoph Pregardien. Er war von Anfang an ein Vertreter der Eigenständigkeit und Gleichberechtigung des Klaviers gegenüber der Stimme.

Wer sich auf Helmut Deutsch einließ und einlässt, muss ihm künstlerisch und partnerschaftlich etwas entgegenzusetzen habe. Auf der anderen Seite kann er sich auf eine absolute Sicherheit verlassen, die ihn musikalisch und konzeptionell trägt und trotzdem auch Spontanität gestattet. Wenn Helmut Deutsch ein Lied spielt, braucht man die Stimme nicht unbedingt dabei. Aber sie passt halt immer verdammt gut dazu. Und das ist kein Zufall.

Eröffnung mit den Schumanns

Das komponierende Ehepaar Clara und Robert Schumann eröffnete das Programm. Claras Vertonung der Heine'schen "Lorelei" oder "Lore-Ley" ist vermutlich die beste der rund 100 Bearbeitungen - nicht, weil sie vom Standpunkt einer Frau gesehen wird, sondern weil die Irritationen um die Figur, die Dramatik und das böse Ende in der Musik schon vorweggenommen sind und so das altbekannt-ausgeleierte Lied wirklich spannend machen. Und weil die Schlussstrophe nicht als unverbindliches Fazit begriffen ist, sondern als der dramatische Höhepunkt der Entwicklung.

Wie sehr Diana Damrau und Helmut Deutsch sich auf das Ausloten und Darstellen von Stimmungen verstehen, zeigte auch das Lied "Sie liebten sich beide" mit seiner starken Konfrontation des Liebens und des Nicht-Eingestehens bis ins Grab hinein.

Schon der Heine'sche Text ist einigermaßen gruselig, aber der sich ständig wandelnde Tonfall von Diana Damrau und die stockende, vergeblich Einhalt suchende Klavierbegleitung von Helmut Deutsch machten dieses Kleine Lied zu einem großen Drama. Und in Roberts "Widmung" an Clara machten die beiden deutlich, wie viele Stimmungsumschwünge bis zur kontrollierten Euphorie am Ende die zwölf Zeilen enthalten.

Herausgeholt, was ging

Dass Robert Schumanns Zyklus "Frauenliebe und Leben" nicht der ganz große Brüller wurde, lag bestimmt nicht an den beiden Interpreten, sondern am Material. Es ist nicht Schumanns spannendster Zyklus. Wenn man etwa an die "Dichterliebe" denkt, dann ist das eine Folge von Liedern, in denen eine ganze Menge passiert, die untereinander stark kontrastiert sind und die Interpreten in ihrer Gestaltung auch entsprechend fordern.

Aber bei "Frauenliebe und Leben"? Da ist eine junge Frau, die mit ihrer Liebe zu einem Mann ewig nicht aus den Puschen kommt. Und als sie endlich den ersehnten Ring an ihrem Finger trägt, stirbt der Kerl: "Nun hast du mir den ersten Schmerz getan", ist das ziemlich euphemistisch umschrieben.

Man muss jetzt nicht unbedingt eine Diskussion eröffnen über das - damals vollkommen übliche - Frauenbild des Dichters Adelbert von Chamisso. Aber man kann feststellen, dass der Text Schumann nicht unbedingt zu kompositorischen Höhenflügen mitgerissen hat. Diana Damrau und Helmut Deutsch holten heraus, was herauszuholen war. Aber es wäre im Übrigen nicht erstaunlich, wenn sich Diana Damrau nicht so gerne mit dieser Frauenfigur identifizieren würde.

Auf nach Spanien

Dann die Abteilung Spanien. Das war Vergnügen pur, und nicht nur deshalb, weil in Spanien und seinen Liedern die Liebe nicht immer tragisch oder tödlich endet, sondern erfunden wurde, um gelebt zu werden. Das war ein Stoff, der Diana Damrau liegt, die sich in ihren Programmen gerne auch außerhalb der deutschen Sprache bewegt. Und die wieder einmal zeigte, wie viel schöner das vokalbetonte Spanisch im Vergleich zum konsonantenbetonten Deutschen zu singen ist und klingt. Wie will man denn "schtzngrmm" vertonen - obwohl: Johannes Schachtner hat das 2004 für Solotrompete gewagt.

Hier war es eine bunte Mischung mit Liedern von Joaquin Rodrigo, Enrique Granados, Joaquin Turina und Fernando Obradors und mit unterschiedlichen Einflüssen wie bei Rodrigos "Vos me matásteis" über einen jungen Mann, den die Liebe zu einem Mädchen in den Fluss getrieben hat (also doch auch Tod), bei dessen tiefer Ernsthaftigkeit, wie Helmut Deutsch zeigte, das Deutsche Kunstlied Pate gestanden hatte mit einer einfachen Begleitung in langen Bögen. Und auf der anderen Seite Obradors "El vito" ein schnelles Tanzlied wie Rossinis "La Danza", das Diana Damrau mit dem Zugriff eines feurigen Flamencos sang.

Aber es gab auch Lieder, bei denen die Gestaltung in die geradezu intime Tiefe ging wie bei Obradors "Con amores, la mi madre" oder Turinas "Tu pupila es azul", einer Liebeserklärung mit starken expressiven Stimmungswechseln.

Auswahl mit Vergnügen

Und zum Schluss Richard Strauss. Dessen Fähigkeit, Texte in die Stimme hineinzukomponieren und von einem autonomen, immer wieder überraschenden Klavier begleiten zu lassen, schafft eine Herausforderung, der sich Diana Damrau und Helmut Deutsch immer wieder gerne stellen.

Und die Auswahl machte Vergnügen. Etwa "Das Rosenband", das ein Paar vom Frühlingsschatten ins Elysiums führt, sehr romantisch und trotzdem mit einem Schuss Nüchternheit gestaltet. Oder das "Ständchen", vom ungeduldig perlenden Klavier befeuert und wunderbar kokett gesungen, immer mit einem Fuß in der Tür zur Innerlichkeit.

Ein Musterbeispiel einer konsequenten Gestaltung des Stimmungswandels war "Allerseelen". "Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, die letzten roten Astern trag herbei", klang bei beiden noch nüchtern organisierend. Aber der Stimmungsumschwung ist radikal: Das letzte "Komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe, /Wie einst im Mai." ist absolut sehnsuchtsvoll verklärt, gesungen und gespielt mit größter Delikatesse.

Dass sich Diana Damrau bei der "Zueignung" zu einem fulminanten Schluss hinreißen ließ, kam nicht überraschend. Aber verblüffend war, wie deutlich Helmut Deutsch mit dem langen Klaviervorspiel zeigte, wie raffiniert Strauss' Konzeption war. Denn er spielte, als hätte er mit dem Text nichts zu tun. Plötzlich wurde klar, dass sich bei ihrem späten Einsatz eine trösten wollende Stimme in ein in sich gekehrtes Grübeln hineindrängt.

Drei Zugaben spendierten Diana Damrau und Helmut Deutsch zum Schluss, weitere drei Lieder von Richard Strauss. "Einerlei", "Nichts" und schließlich sein schönstes, stimmunsinnigstes Lied: "Morgen". Da hatten die beiden plötzlich alle innige Zeit der Welt.