Anlässlich seines Abschieds als Schirmherr des Kissinger Sommers war es Zeit für einen Rückblick. Wir sprachen mit Hans Maier über seine Erinnerungen.


Wie fing das Ganze für Sie an? Wie sind Sie überhaupt zum Kissinger Sommer gekommen?
Hans Maier: Ich kannte die Gegend natürlich, weil ich als Kultusminister viel in Bayern herumgekommen bin, und mit dieser Gegend um Bad Kissingen war ich verbunden hauptsächlich durch die Denkmalpflege. Das Kloster Maria Bildhausen wurde in dieser Zeit restauriert und wieder hergestellt. Das war so ein Musterprojekt. Und da bin ich, wie ich glaube, früher als nach Bad Kissingen ein paar Mal hingekommen, habe dann auch die Schwestern kennengelernt, die wiederum mit den Schwestern in meinem Stimmkreis in Günzburg, in Ursberg zusammenhingen. Und das nächste war: Ich habe die Hammelburger Bundestagsabgeordnete Maria Probst bei einer langen Bahnfahrt zwischen Bonn und München kennen gelernt. Wir sind gleich aneinandergeraten - Thema: Franz Josef Strauß. Sie war eine heftige Strauß-Anhängerin, ich damals Professor, es muss so in den Jahren 1968/69 gewesen sein, ich war eher kritisch. Aber ich habe sie sehr geschätzt. Sie war eine kulturell interessierte und gebildete Frau und wir haben dann doch ein ganz freundsch aftliches Verhältnis gehabt.


Und welches sind die lokalen Bezugspersonen?
Nummer 3 war Georg Straus, der Bürgermeister. Der vierte war Eduard Lintner. Der hat entdeckt, dass man für eine so gefährlich am Zonenrand liegenden Landkreis wie Kissingen Bundesmittel bekommen könnte. Es gab da sogenannte Zonenrandmittel, und er hat, glaube ich 200 000 DM zusammengebracht und suchte nun nach einem Konzept. In dieser Frage nahm er Verbindung mit mir auf. Dann kommt als fünftes natürlich das Erlebnis des Regentenbaus. Der Regentenbau ist ja der letzte holzgetäfelte Bau in Deutschland, der erhalten geblieben ist, Frankfurt, Leipzig und München wurden zerstört. Kissingen stand, und Kissingen war eine Art Geheimtipp für Schallplattenfirmen. Man hat dort Aufnahmen gemacht, aber das musikalische Leben war erloschen. Nicht im Kurbetrieb, da lief es so einigermaßen, aber es fehlte ein die Stadt und die schönen alten Säle ausfüllendes Gesamtprogramm.

Fehlt eigentlich nur noch die Intendantin.
Ja, und dann kommt sechstens Frau Wolfsjäger, die damals noch Steff-Wolfsjäger hieß. Die kannte ich über Johannes Groß von "Capital". Ich glaube, sie hat damals auch schon ein paar Interviews mit mir gemacht. Wir fuhren einmal, das muss 1985 gewesen sein, von Bonn mit meinem Dienstwagen nach München. Sie redete unaufhörlich - das war ja ihre Stärke. Ich glaube, sie hat manche Leute auch erst nach Kissingen gebracht, weil sie so intensiv und unaufhörlich im wörtlichen Sinne tätig war. Sie hat dann den Gedanken ins Spiel gebracht, ob nicht das Kultusministerium und überhaupt die Staatsregierung sich einschalten könnten, damit man das Ganze über Kissingen hinaus zu einem bayerischen Festival machen könne. Diese Rechnung ist ja voll aufgegangen. Es hat nur einige Jahre gedauert, dann wurde Kissingen Mitglied der Association Européenne des Festivals in Genf. Bis heute hat und hatte Bayern nur drei solche Eisen im Feuer, nämlich München, Bayreuth und Kissingen. Ich glaube, das ist auch die Probe für die Zukunft, dass es diesen Anschluss und dieses Niveau behält.

Wer hat Sie dann damals gefragt, ob Sie Schirmherr werden wollen?
Das waren Georg Straus im Auftrag des Stadtrats und Frau Wolfsjäger, also beide gemeinsam.

Haben Sie sich schwer getan mit der Zusage, sich Zeit gelassen? Bedenkzeit erbeten?
Nein, nein. Das habe ich gerne und aus Überzeugung gemacht und dann ja auch 30 oder 31 Jahre lang durchgehalten. Mit 87 muss es ja erlaubt sein, sich zurückzuziehen. Ich weiß aber gar nicht, ob das Kuratorium die Absicht hat, einen Nachfolger zu bestellen.

Soweit ich weiß, arbeitet man daran. Was mach ein Schirmherr des Kissinger Sommers eigentlich?
Zunächst einmal äußert er sich. Meine kontinuierlichen Äußerungen waren meine Vorworte zu den jeweiligen Programmen. Das habe ich 31 Jahre durchgehalten. An den Vorworten habe ich immer sehr sorgfältig gearbeitet und versucht, auf das jeweilige Programm einzugehen. Das hat mir wiederum Frau Wolfsjäger leicht gemacht, weil sie vor allem in den ersten Jahren immer auch eine bestimmte Region bevorzugt hat, einmal Ungarn ganz am Anfang, Polen, dann Skandinavien, dann England/Amerika. Ein bisschen ist das bis heute geblieben, wenn auch nicht so ausgeprägt. Aber da konnte man dann immer einen Bogen spannen.

Das ist aber zunächst nur die Arbeit, die auch die Öffentlichkeit erkennt.
Das ist die erste Äußerung. Die zweite, da habe ich noch einen Brief hier, wo mich Frau Wolfsjäger auffordert, gewissermaßen beauftragt, zur Eröffnung jeweils zu sprechen. Anfangs war das sogar eine ganze Rede, später dann ein Grußwort. Auch das geht 30 Jahre durch. Das dritte sind natürlich Briefe, Interventionen, Gespräche, da drehte es sich vor allem um die Finanzierung. Der Freistaat Bayern ist ja von Anfang an auf meine Initiative hin eingestiegen, aber nicht besonders hoch. Also, die Zonenrandmittel reichten lange weit über den bayerischen Beitrag hinaus. Zur Erklärung oder Entschuldigung muss man sagen, dass das bayerische Kultusministerium viele musikalische Kinder hat. Die teuersten sind natürlich Bayreuth und München, aber auch Reichenhall, Bamberg, Regensburg. Es ist eine Fülle von Zuschüssen, und da reichte es für Kissingen zunächst nur etwa für 60000 bis 80000 DM, wenn ich mich recht erinnere.

Das hätte natürlich mehr sein dürfen, aber es hatte ja auch Signalwirkung.
J a, immerhin haben sich dann der Landkreis und der Bezirk Unterfranken angeschlossen, und eine kontinuierliche Beitragsleistung hat ja immer die Stadt vollbracht. Das muss man wirklich sagen: Ohne diesen Beitrag der Stadt ginge es auch nicht. Aber wie gesagt, es war dann ganz Bayern, das diesen Kissinger Sommer unter die Arme nahm, und so ist es noch heute. Leider ist es nicht gelungen, den Bayerischen Rundfunk so einzuspannen wie etwa die ARD, die den schleswig-holsteinischen Sommer zu ihrer Sache macht. Da hat ja sogar in den Anfängen die einleitende Bruckner-Sinfonie die kam da vollkommen in der ARD. Das haben wir trotz mehrfacher Besuche bei den Intendanten von Reinhold Vöth bis zu Ulrich Wilhelm eigentlich nicht geschafft. Der Hörfunk hat sehr viel übernommen. Und das ist ja für den Hörfunk auch eine attraktive Sache: Kissingen liefert, ohne dass der Hörfunk viel dafür bezahlen muss, und so viele neue Künstler, die anfangs noch unbekannt waren, sind dann auch über Kissingen hinaus durch den Bayrischen Rundfunk und durch die ARD bekannt geworden. Also, die Äußerungen und die Besuche, die schriftlichen Interventionen, die Versuche, Geld zu mobilisieren, das war die Aufgabe eines Schirmherrn.

Gab es auch eine Einflussnahme nach innen, in einer Zusammenarbeit mit dem Kuratorium?
Ja, da kenne ich natürlich Herrn Kreile (Reinhold Kreile, von 1986 bis 2016 Vorsitzender des Kuratoriums Kissinger Sommer) gut aus früheren Zeiten, der war ja immer ein Verbindungsmann, oft mit weiter Spreizung zwischen der CSU - da war er unentbehrlich als Finanzexperte - und auf der anderen Seite den Künsten, der Literatur. Das reichte ja bis zur Gruppe 47 zurück, der er angehörte. Da wissen wenige, und es gibt bis heute nicht viele Leute in der CSU, die diese Spreizung haben. Also mit dem habe ich eng zusammengearbeitet und dann auch mit anderen, die ins Kuratorium kamen. Aber im Ganzen hat natürlich Frau Wolfsjäger das Programm gemacht und frühzeitig vorgelegt und es gab eigentlich, wenn ich mich an Kuratoriumssitzungen erinnere, gelegentlich mal Kritik in Einzelfällen, aber im großen Ganzen hatte sie doch immer das Kuratorium hinter sich. Da war sie einfach zu stark, als dass sich da Gegenmeinungen, Gegenrichtungen bilden konnten. Die Frage war nur: Hat der Kissinger Sommer als musikalisches Festival auch einen Kontext politischer Art, literarischer Art, historischer Art.

Wie haben Sie diese Frage beantwortet?
Ich habe gleich zu Anfang Wladyslaw Bartoszewsky , den damaligen Außenminister Polens, nach Kissingen gebracht, und ich habe auch mitgewirkt, die deutsch-sowjetische Komponistenunion zustande zu bringen. Gleich am Anfang kam der ungarische Kulturminister nach Kissingen, und später habe ich Richard von Weiszäcker nach Kissingen gelockt - er ist glaube ich der einzige Bundespräsident, der bisher beim Kissinger Sommer war.

Nein, Roman Herzog war auch da.
Ja, stimmt. Und mit Johannes Rau habe ich auch einen Briefwechsel gehabt, ganz freundschaftlich. Der hat dazu beigetragen, dass Kissingen in diesen von der Bundesregierung geförderten kulturellen Austausch mit Russland kam, also Deutschland-Russland. Da flossen auch Zuschüsse. Weniger erfolgreich waren wir auf dem Gebiet Literatur und Geschichte. Ich habe mal zu später Stunde diese Tagung zustande gebracht über die Prinzregentenzeit, über die Musik in der Prinzregentenzeit. Das ist inzwischen auch in dem Bayernheft gedruckt. Das wären alles sehr ergiebige Themen gewesen, aber es ist uns da nicht recht gelungen, ein dauerhaftes Publikum beizubringen. Barthold Witte - lebt der eigentlich noch?

Ja, der lebt noch im Hunsrück und wird am 18. Mai 90 Jahre alt. Aber er kommt schon länger nicht mehr.
Der hat sich immer sehr bemüht, ein kulturelles Programm aufzubauen. Ich erinnere mich noch an eine Skandinavien-Tagung, dann über Kierkegaard, über Don Juan und verschiedenes andere.

Höchst eindrucksvoll war sein Symposium über die italienische Musik im Faschismus und ihre Einflüsse.
Der war immer sehr interessiert, aber diese Beiträge wirken auf die ganzen 30 Jahre hin wie eine Beigabe, aber nicht als ein Kontinuum.

Sie sind ja nach dem Italien-Symposium, wenn ich mich recht erinnere, abgebrochen worden.
Man muss sich halt immer überlegen: Was ist in Kissingen gefragt und was ist in Kissingen möglich, finanziell, aber auch von den Wünschen und Bedürfnissen der Bevölkerung her. Und da ist glaube ich der Kissinger Sommer als musikalisches Ereignis inzwischen schon von einer breiten Mehrheit getragen, aber sozusagen das noch literarisch oderhistorisch auszuweiten, da fehlt ein bisschen der Antrieb.

Ich erinnere mich an eine Veranstaltung mit Ulla Hahn, die damals ein neues Buch vorgestellt hat. Da waren ziemlich viele Leute da. Auch bei Andrzej Szczypiorski und seinem Bestseller "Die schöne Frau Seidenmann"; auch da waren auch sehr viele Leute.
Den kannte ich wiederum aus meinen internationalen Beziehungen in der katholischen Laienschaft. Die katholischen Laien trafen sich jedes Jahr irgendwo in Belgien oder in Deutschland oder vorzugsweise in Rom. Und da habe ich Andrzej Szczypiorski kennen gelernt. Er war der Vertreter der katholischen polnischen Laien, bevor er mit seinem internationalen Erfolg über Frau Seidenmann berühmt wurde.

Reden wir mal davon was der Schirmherr Hans Maier musikalisch für den Kissinger Sommer getan hat
Da war ich, wenn die 30 Jahre überblicke, eigentlich sehr sparsam. Am Anfang war nämlich geplant, dass ich ein Orgelkonzert gebe - das habe ich auch in der evangelischen Kirche getan. Ich sollte aber auch teilnehmen an einem "Lieder- und Arienabend René Kollo, begleitet von Professor Hans Maier". Das war ein Plan von Frau Wolfsjäger und Herrn Ruzicka. Denen habe ich aber dann geschrieben: "Ich kann unmöglich zur Schirmherrschaftsteilnahme an der Eröffnungsveranstaltung hinzu zwei Konzerte übernehmen. Das Orgelkonzert schaffe ich gerade noch." Aber noch mehr, das ging nicht wegen der politischen Arbeit in München. Da war ich ja noch Kultusminister. Und jetzt hören Sie gut zu: "Ohnehin ist es einem bedeutenden Künstler wie René Kollo schwer zuzumuten, sich mit der Begleitung eines bloßen Liebhabers, der ich auf dem Klavier nun einmal bin, zufrieden zu geben. Er sollte sich frei entfalten können, auch ohne lange Proben, für die ich wiederum keine Zeit habe. Diese Absage ist endgültig! Ich bitte Sie sehr höflich um Verständnis."

Aber Sie haben dann doch auch mal in Bildhausen Cembalo gespielt?
Ja, das ist ganz lustig. Zehn Jahre später habe ich zunächst mit Regina Klepper in der Jakobuskirche einen Abend gemacht hauptsächlich mit Liedern aus ... schrecklich mit meinem Gedächtnis ... "Denkmäler deutscher Tonkunst" von Adam Krieger, einem der größten Liedkomponisten vor Haydn und Mozart und Beethoven. Und die Regina Klepper ist ja eine Opernsängerin. Sie hat ja auch bei der Uraufführung von "Goggolori" von Michael Ende und Wilfried Hiller am Gärtnerplatztheater in München die Titelrolle gesungen Unendliche Geschichte. Mit der Regina Klepper habe ich mich sehr gut verstanden, die hat ja eine gewaltige Stimme und große Bühnenausstrahlung. Sie singt jetzt nur noch selten. Das dritte war dann wieder mit Regina Klepper in Maria Bildhausen - da fanden Sie meine Klavierbegleitungskünste gewöhnungsbedürftig, was mich damals etwas getroffen hat. Ich habe danach auch keine musikalische Sache übernommen. Aber im Ganzen war ich doch dreimal dabei. Wir haben überlegt, ob ich zum Abschied noch mal ein Orgelkonzert gebe in Münnerstadt oder in Kissingen in der Jakobuskirche, denn was Orgel angeht, ist meine bescheidene Laienkompetenz doch immer anerkannt worden, auch von bedeutenden Organisten wie Franz Lehrndorfer. Dagegen ist ja richtig, und ich habe es auch in meinem ersten Brief, in dem ich für Kollo abgesagt habe, betont: Ich bin kein originärer Pianist. Und bei Organisten geht natürlich oft der Anschlag verloren. Das ist ganz klar, denn die haben eine andere Technik. Die produzieren auch nicht den Klang, sondern sie stellen ihn technisch durch Registerkombinationen her.

Haben Sie musikalischen Einfluss genommen auf den Kissinger Sommer?
Nein. Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe vielleicht mal bei Sitzungen des Kuratoriums vorgeschlagen: Da ist jetzt ein runder Geburtstag von Händel, davon müssen wir Notiz nehmen, aber richtungsweisend nicht. Ich habe sehr die Linie von Frau Wolfsjäger unterstützt, dass in jedem Kissinger Sommer eine oder zwei Uraufführungen sein sollten. Das war mir wichtig, das hat auch Ellen Kohlhaas von der FAZ immer sehr unterstützt. Die Süddeutsche hat ja anfangs kaum Notiz genommen, saß auf einem hohen Ross, aber die Frankfurter und der Rheinische Merkur haben uns sehr unterstützt, zeitweise auch mal die Zeit. Nein, musikalisch, kann ich sagen, habe ich das mitgetragen, aber ich habe da keine eigenen Akzente gesetzt. Das wäre mir ja auch nicht zugekommen. Ich bin ja kein Berufsmusiker. Ich bin zum Klavier gekommen, weil mein Vater für seine beiden Töchter ein Klavier abgestottert hat in Inflationszeiten und das fiel mir in die Hände und ich habe dann auch Klavierstunden genommen. Und dann kam unser Pfarrer im Krieg. Der Organist war eingezogen, und er brauchte einen Organisten. "Du kannst doch Klavier spielen, lerne Orgel", sagte er . Dann habe ich von 1942 bis 1949 - da kam der richtige Organist aus russischer Gefangenschaft zurück - fast alle Messen, Vespern und Andachten gespielt. Später habe ich dann etwa 100 Konzerte in ganz Europa bis in die Türkei und nach Israel gegeben. Dabei habe ich mir immer nur das zugemutet, was ich auch wirklich spielen konnte.

Sind Sie eigentlich der dienstälteste Schirmherr?
Ich habe das nie hinterfragt. Das weiß ich nicht. Schirmherr ist ja eine merkwürdige Wortbildung. Man stellt sich also jemanden vor, der wirklich Schutz und Schirm gewährt. Das habe ich schon damals ironisiert. Ich kann höchstens da und dort mal einen Anstoß geben oder irgendwo einspringen, aber ich kann nicht da drüber stehen wie so ein großer Bote oder Schirmer. Aber merkwürdigerweise verzichtet bis heute weder die Politik noch die Musik oder die Theaterszene auf Schirmherren.

Gab es etwas in den 31 Jahren, das sie gerne geändert hätten?
Ja, aber vielleicht nicht geändert, sondern intensiviert. Ich hätte gerne eine dauerhafte Verbindung zu den Schulen geschaffen mit regelmäßigen auch Gratiseinladungen an die Schüler. Das ist mir nicht gelungen. Wahrscheinlich hängt das aber nicht nur an den Lehrern, sondern auch an den Schülern, die heute einfach anders sozialisiert werden als wir. Wir sind ja noch mit klassischer Musik sozialisiert worden. Wenn man in den 40er, 50er, 60er Jahren mit Musik angefangen hat, dann war ganz klar, man hat mit Bach und mit Mozart und mit klassischer Musik angefangen. Heute ist das sehr durchwachsen, obwohl ich in letzter Zeit wieder eine gewisse Öffnung zur Klassik hin feststelle. Aber mindestens zwei Generationen sind abseits der Klassik aufgewachsen, und das wirkt sich natürlich stark aus in der Nachfrage nach klassischen Festivals. Wenn ich so auf das Publikum schaue beim Kissinger Sommer, dann fällt mir vor allem eines auf, mich eingeschlossen: Es sind alle weiß. Es schneit. Das müssten die künftig Verantwortlichen mal intensiv angehen, dass man die junge Generation wieder stärker gewinn. Aber das ist leicht ausgesprochen und schwer realisiert.

Da hat sich aber jetzt bei Kissinger Sommer doch schon einiges getan mit Education Projekten über die Bremer Kammerphilharmonie und das BBC Symphony Orchestra. Da konnten Schüler im Orchester sitzen und mitspielen. Da tut sich mehr als bisher.
Sie hätten Ihr Amt vermutlich schon viel eher abgegeben, wenn Sie nicht auch eine Bedeutung für sich selbst gesehen hätten?

Also, wenn ich sagen soll, was mir die letzten 30 Jahre und die Tätigkeit als Schirmherr gebracht haben: die Bekanntschaft mit einer großen Zahl bedeutender Musiker, Komponisten, aber auch darstellender Künstler. Das rechne ich zu meinem großen Gewinn, wenn ich an die Gespräche etwa mit Alfred Schnittke denke - ich erinnere mich noch, wie er fast polemisch gesagt hat: "In meinen Adern fließt kein Tropfen russisches Blut." Da hat er wohl drauf angespielt, dass er Jude war und Wolgadeutscher, vertrieben von Stalin. Aber er wollte doch in Russland begraben sein, weil er doch einer der letzten großen russischen Komponisten ist. Also den kennen gelernt zu haben, und das konnte man fast nur in Kissingen, das ist allein schon ein großer Gewinn. Aber auch im Vorfeld der Einigung, an die damals noch niemand glaubte, in den späten 80er Jahren: Ludwig Güttler, Burkhard Glaetzner, die Dresdner Chorknaben und viele andere, das waren für mich solche Gewinne, auch die Begegnungen mit den Russen: Edison Denissow habe ich selber dann in Russland zweimal besucht, der junge Alexander Tschaikowski, die nicht genug zu schätzende Sofia Gubaidulina, eine große Mystikerin. Also ich könnte jetzt wirklich, wenn mir die Namen einfielen, einige hundert aufzählen. Das hätte man so in München nicht erleben können, denn in München tauchen die Leute auf wie aus dem Hubschrauber und verschwinden wieder. Aber in Kissingen gehen sie auch spazieren, und man kann sie anreden und sie fühlen sich so in einer Gemeinschaft aufgenommen.

Die Idylle hat aber doch wohl einen ziemlich herben Bruch erfahren, Stichwort: Steigenberger.

Leider, da muss ich jetzt wieder was Negatives sagen, ist ja das Haupthotel ausgefallen. Da hat man früher alle beim Frühstück sehen und ansprechen können. Und da bahnt sich ja keine Lösung an. Herr Söder sagt, er hat seine Hausaufgaben gemacht. Was der Staat machen kann, sei gemacht. Aber es findet sich kein Investor. Das ist sehr schade, und ich glaube, das hat auch zu einem Rangverlust beigetragen, denn der Kissinger Sommer war auch so eine Mischung von hoher künstlerischer Darbietung und, ja wirklich, einer alten Erinnerung an das Wohlleben. Das fehlt heute, die Spitze. Und wenn man durch Kissingen geht: Das ist ja auch beängstigend, wie viele Hotels und Pensionen leer stehen. Die Russen haben viele Häuser gekauft, machen aber nichts, weil ja schon unter Jelzin ein Verbot ergangen ist in Russland: Die dürfen zwar Sachen kaufen, aber nicht renovieren.

Wenn sie die 31 Jahre Revue passieren lassen: Gab es da in irgendeiner Weise eine Entwicklung? Unterscheidet sich der Kissinger Sommer 1986 vom Kissinger Sommer 2016?
Ich glaube, die Kontinuitäten sind stärker als die Unterschiede und auch stärker als die Entwicklungen. Natürlich war 1986 ein Beginn und schon quantitativ viel kleiner als das, was heute angeboten wird. Aber für mich ist Kissingen eigentlich eine erstaunlich gleichmäßige Entwicklung, die im Prinzip nichts Maßgebliches geändert hat. Nach wie vor kommen auch die bedeutendsten Komponisten und darstellenden Künstler dorthin. Die Anziehungskraft ist gleich geblieben. Das Hauptproblem ist eben, dass man nicht alle Generationen in Kissingen hinter der Musik versammeln kann, sondern im Wesentlichen die Älteren, aber das war bei der klassischen Musik wohl schon immer so.

Auch die Alten müssen halt nachwachsen. Wie haben sie den Wechsel in der Intendanz erlebt?
Also im Großen und Ganzen ging es ohne Bruch vor sich. Herr Schlömp wird sicher eigene Akzente setzen - er hat ja mit der Verpflichtung des Bremer Orchesters schon einen markanten Akzent gesetzt. Auch die Form der Darbietung in den Heften, in der Ankündigung, ist anders geworden. Aber ich empfinde es nicht als Bruch, sondern als eine kontinuierliche Fortsetzung.

31 Jahre Schirmherr Hans Maier waren für Kissingen ein Glücksfall. Sind diese 31 Jahre ein Wert an sich?
Ich glaube schon. Jeder Mensch hast ja verschiedene Leben: ein Familienleben, ein Berufsleben, bei mir würde ich sagen: ein Berufsleben, das sich aufteilte in Wissenschaft und 16 Jahre Politik. Ich habe überall viel gelernt. Das dritte neben Wissenschaft und Politik war die Musik, das Vierte die Kirche. Und alle hängen miteinander zusammen. Und ich lobe sehr die Menschen, die nicht nur auf einem politischen oder wissenschaftlichen Bein stehen, sondern bei denen man eine gewisse Weite spürt.

Sind Sie in die Suche nach Ihrem Nachfolger eingebunden? Oder haben Sie vielleicht eine Wunschkandidatin oder einen Wunschkandidaten?
Ich habe schon vor Jahren mit dem Oberbürgermeister ein Gespräch geführt. Er hat mich gefragt, und ich habe ihm auch Auskunft gegeben. Ich bin aber dann nicht mehr drauf zurückgekommen. Was jetzt entschieden wird, ist eine Sache, die ganz vom Oberbürgermeister und vom Intendanten zu beantworten ist. Ich möchte mich da auch zurückhalten und keinen Namen nennen.

Was muss so jemand mitbringen?
Neugier. Neugier nenne ich an erster Stelle. Er muss sich dem Kissinger Sommer nähern mit einem Interesse für das, was war, für die Vergangenheit, für die Tradition, aber auch für das, was gegenwärtig ist und was werden könnte. Ich glaube, diese Neugier ist ganz wichtig, und die hilft auch, aus den jeweiligen Fachgehäusen und Zwängen herauszufinden, ob man nun aus der Politik oder aus der Wissenschaft kommt oder aus der Musik. Ohne eine Beziehung zur Musik kann man sich das nicht vorstellen. Die muss allerdings nicht professionell sein. Bei mir war es ja auch nur eine Liebhaberbeziehung.

Das Gespräch führte
             Thomas Ahnert