Der Altersschnitt Bad Kissingens liegt über dem bayernweiten Durchschnitt. Etwa jede achte Person im Kreis ist über 75 Jahre. Doch die Versorgungssituation Schwerkranker ist ausbaufähig. Daran arbeiten unter anderem Reinhard Höhn und Rita Hillenbrand vom Hospizverein Bad Kissingen und Antje Rink, unter anderem Koordinatorin für Seniorenfragen im Landratsamt.

In einem vorhergehenden Bericht ging es darum, wie die Versorgung geregelt ist. Es gibt vier Bereiche:

  • Ambulant palliativ (über aufsuchende Palliativ-Teams zweier Firmen geregelt)
  • Stationär palliativ (=Palliativstation)
  • Ambulant hospizlich (Ehrenamtliche aus dem Landkreis)
  • Stationär hospizlich (= Hospiz)

Die palliative Versorgung ist ärztlich geleitet, Hausärzte verschreiben sie Menschen, die schwerstkrank sind und eine kurze Lebenserwartung haben. 

Hospiz: Wenige Plätze, viel Fahrzeit

Anlaufstelle für Schwerstkranke, die zu Hause nicht gepflegt werden können, ist das Hospiz. Die Kosten hierfür übernimmt zum großen Teil die Krankenkasse. Nach einem Schlüssel stehen dem Landkreis rechnerisch eineinhalb Plätze zur Verfügung - viel zu wenig. Weil in dieser ländlichen Region nicht in jedem Landkreis ein Hospiz mit ein bis zwei Betten aufmachen kann, sind sie in Würzburg (zwölf) und Alzenau (zehn) für Unterfranken zusammengefasst.

"Aber Familie und Freunde wollen ja noch zu Besuch kommen", sagt Antje Rink. Was der Schlüssel auch nicht abbilde: die Demografie. Die Deutschen werden im Schnitt immer älter, in Bad Kissingen schreitet diese Entwicklung noch schneller voran. "Mit steigendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit zu schweren Krankheiten und damit die Anzahl an schwer erkrankten Menschen."

"Über 70 Prozent gefährdet"

Rita Hillenbrand sagt: "Wir haben auch nicht mehr die Versorgungsstruktur, diese familiäre Eingebundenheit gibt es nicht mehr. Viele leben allein, haben keine Verwandtschaft hier, die sich kümmert." Viele kämen ja erst im Alter in die Kurstadt.

Reinhard Höhn ergänzt: "Über 70 Prozent der Bevölkerung im Landkreis Bad Kissingen über 60 Jahren sind Ein- oder Zwei-Personen-Haushalte. Das heißt, wenn da einer schwer krank wird, gibt es ein Problem. Sie laufen Gefahr, dass es am Ende des Lebens zu Schwierigkeiten kommt."

Altenheime sind keine Alternative

Es gebe zwar Altenheime, aber "wenn ich sterbend bin, haben die da keine Zeit für mich", sagt Höhn. Sie hätten zwar versucht, Personal zu qualifizieren, "aber wenn eine Person im Spätdienst ist, kann sie sich überlegen: Ich teile Essen aus oder setze mich zu dem Menschen ans Bett." Einen Teil decken die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfer ab, aber bei weitem nicht alles.

"Das Altenheim ist ja der Platz, wo gestorben wird, dann braucht es da auch eine angemessene Struktur. Die muss auch personell stimmen", so Höhn. Außerdem sei die Versorgung und Ausstattung dort nicht auf Schwerstkranke spezialisiert. Und: Im Gegensatz zum Hospizplatz wäre der im Altenheim selbst zu zahlen.

Dramatisch bei jungen Schwerstkranken: nur Altenheim bleibt

Noch etwas dramatischer ist die Situation bei jüngeren Menschen. Höhn erzählt von einem 38-Jährigen mit Lungenkrebs, um den sich bisher die Ex-Frau kümmerte. "Ihm geht es jetzt schlechter.

Die Frau kam zu mir und hoffte, ich kann ihn auf eine Palliativstation bringen, aber das geht ja nur etwa zwei Wochen. Als ich ihr das erklärte und sagte, auch Hospizbetten seien sehr schwer zu bekommen, sagte sie zu mir, sie könne ihn doch jetzt nicht mit in ihre neue Familie nehmen."

In diesem Fall wäre dem Mann laut Höhn nur geblieben, in ein Altenpflegeheim zu gehen. "Und das ist ethisch ein riesiges Problem: Mit 38 in ein Altenpflegeheim zu gehen, für die letzten Wochen, Monate - weil wir keine Strukturen hier haben." Dieser Fall ging jedoch gut aus, weil die Mutter des Mannes aus Baden-Württemberg stammt und dort das Netz der Hospizversorgung sehr gut ist. "Bayern hat pro Kopf die wenigsten Hospizplätze", weiß Antje Rink.

Mit Anfang 50 im Altenpflegeheim: "total isoliert"

Und Rita Hillenbrand erzählt: "Wir haben aber einen Menschen in Begleitung, der ist schwerstkrank, Anfang 50 und in einem Altenpflegeheim. Er gehört da nicht hin, hat keine Ansprache da, kann mit den Angeboten nichts anfangen. Er ist da total isoliert und zahlt sogar Geld dafür."

Plakativ könne man laut Rink die Problematik so zusammenfassen: "Wenn man alt ist und Pflegebedarf hat, ist ein Pflegeheim da, wenn man jung ist und Pflegebedarf hat, ist es problematisch, und beides ist problematisch, wenn man sterbend ist."

Sprechstundenangebot

Welchen Amtsweg braucht es für ein Bett im Hospiz? Bei welchem Krankheitsstadium wird SAPV genehmigt?  Auf diese und andere Fragen antwortet Reinhard Höhn an jedem letzten Montag des Monats ab 14 Uhr in seiner kostenfreien Sprechstunde in den Räumen des Hospizvereins (Kapellenweg 3, Bad Kissingen), Tel.: 0971/ 7858 856.