Die Matinee classique gibt es beim Winterzauber ja schon länger. Aber seit einigen Jahren hat sie eine interessante Entwicklung genommen, als Thomas Friedrich, der Leiter der Schlagzeugklasse an der Städtischen Musikschule, die Leitung übernahm. Durch seine Kontakte zur Würzburger Musikhochschule bietet er in jedem Festival zweimal jungen Studentinnen und Studenten die Möglichkeit, sich im Rossini-Saal dem Publikum vorzustellen.

Für die jungen Leute ist das eine ihrer noch seltenen Auftrittsmöglichkeiten, die ihnen die Gelegenheit gibt, sich einzuschätzen und sich dem Vergleich zu stellen. Und das Publikum kann sehen, was da in den nächsten Jahren so alles an künstlerischem Nachwuchs heranwächst.

Jetzt war es mal wieder ein junger Pianist: Philipp Johannes Hubert wurde 2003 in Würzburg geboren und griff zunächst zur Geige, um seinen musikalischen Ambitionen Ausdruck zu verleihen. Erst mit elf Jahren wechselte er zum Klavier. Das mag manchem spät erscheinen - andere haben da bereits seit sieben Jahren Klavierunterricht.

Aber es gibt genügend Beispiele, dass das funktionieren kann, zumal Philipp Huberts Ausbildung konsequent angelegt war. 2014 kam er als Jungstudent an das Precollege der Würzburger Musikhochschule. Ab 2019 wurde er von Bernd Glemser unterrichtet, bei dem er nach seinem Abitur im letzten Sommer jetzt auch im ersten Semester studiert. Und seine bisherige Wettbewerbskarriere spricht für sich.

Profilaufbahn eingesschlagen

Man durfte also gespannt sein, wie sich der junge Mann präsentieren würde, obwohl man allerdings auch gewisse Erwartungen und Voreinstellungen hatte. Denn Hubert ist an einer interessanten Stelle seiner Karriere angekommen. Durch den Beginn seines Studiums hat er sich entschieden, die Pianisten-Profilaufbahn einzuschlagen. Und jetzt muss er verständlicherweise beweisen, dass die Welt auf ihn gewartet hat.

Da erinnerte er genau an den jungen Lars Vogt, als der zum ersten Mal vor vielen Jahren beim Kissinger Sommer gastierte (heute ist er Klavierprofessor in Hannover als Nachfolger von Karl-Heinz Kämmerling!). Auch Lars Vogt trat den Beweis unter zwei Aspekten an: zum einen mit einem sehr hohen Griff in das Notenregal. Es konnte einem fast angst und bange werden bei der Lektüre des Programms: Beethovens alles andere als harmlose Klaviersonate Nr. 3, jenes "Klavierkonzert ohne Orchester", dann die Paganini-Variationen op. 35 von Johannes Brahms, natürlich Heft 1 und 2, die sechssätzige Partita Nr. 2 BWV 826 von Johann Sebastian Bach, die abgrundschweren drei Etüden op. 18 von Béla Bartók, und, als würde das alles noch nicht reichen, noch die 4. Sonate von Alexander Skrjabin. Ziemlich schwere Kost für eine Matinee. Zum anderen wollen die jungen Leute ja gehört werden und neigen (wie damals Lars Vogt) zum möglichst lauten und möglichst schnellen Spiel. Das kann für einen kurzen Moment spektakulär sein, aber zielführend ist es nicht.

An die Grenze getrieben

Denn Philipp Hubert trieb sich trotz seiner fabelhaften Griffsicherheit ohne Not das eine oder andere Mal an die Grenze (oder auch darüber hinaus) und der Überraschungseffekt nutzt sich halt auch sehr schnell ab. Denn was dadurch ins Hintertreffen gerät, ist die Gestaltung, etwa die thematischen Beziehungen bei Beethoven oder der differenzierte, mitunter durchaus humorige Umgang Brahms' mit dem paganinischen Thema. Schließlich heißen die Einzelteile Variationen; da sollten sie nicht allzu ähnlich klingen. Vor allem im Bereich des Leisen hätte es viele Möglichkeiten gegeben.

Bei Bachs Partita war es schön, dass Hubert nicht "einen auf Cembalo machte", sondern vom modernen Flügel ausging, den Bach sicher auch genutzt hätte. Aber auch hier hätte er mit den reichen Anschlagsmöglichkeiten des modernen Instruments mehr machen können, hätte sich mehr Zeit lassen können für die Gestaltung von Übergängen, für die Beatmung der Musik.

Bei Bartóks Etüden blitzte kurz auf, wie man diese Musik geistreich gestalten kann, geriet dann aber unter den Druck des hohen Tempos. Und für den Schluss hätte man sich ein bisschen mehr von dem Skrjabinschen Klangfarbenbewusstsein gewünscht.

Enorme technische Fähigkeiten

Sorgen muss man sich nicht machen um den jungen Mann, wirklich nicht. Er ist gerade mal 18 und hat eben mit seinem Studium begonnen. Er hat die nächsten vier Jahre Zeit, seine enormen bereits erworbenen technischen Fähigkeiten zu nutzen, um Freiräume für jetzt zu entdeckende strukturelle und emotionale Gestaltungen zu nutzen, auch die leisen, introvertierten Seiten und Saiten des Flügels zu entdecken, die Musik atmen zu lassen und vom mechanischen zum persönlich gestalteten Ereignis werden zu lassen. Vielleicht muss er nur mal unglücklich verliebt gewesen sein, um seelische Erfahrungen in Töne zu fassen. Dann kann er losziehen, dann wartet die Welt.