Bad Kissingen — "Tenorissimo" ist eine Konzertreihe überschrieben, die eng mit zwei Namen verbunden ist: mit Dmitry Korchak und Semion Skigin. Vor zwei Jahren traten der Tenor und der Pianist das erste Mal unter diesem Label im Rossini-Saal auf, als der junge Sänger aus Russland international gerade groß herausgekommen war. Im letzten Jahr kehrten beide zurück.
Und heuer ...
Dieses Mal kamen sie zu dritt, mit der Sopranistin Felicitas Fuchs, die die Kissinger kennen, seit sie hier 2006 den BR-Gesangswettbewerb "La Voce" gewann. Natürlich kann Dmitry Korchak sein Publikum auch zwei Stunden allein unterhalten. Aber zwei Stimmen bringen einfach mehr Abwechslung, und gerade Duette haben einen großen Reiz.
Vielleicht passten die beiden gerade deshalb so gut zusammen, weil sie so unterschiedlich sind, vor allem stimmlich. Dmitry Korchak ist ein Sänger, der seine Stimme weit vorne führt, der gerne weit aufmacht und den Klang im Raum wirken lässt. Das mag in mancher Situation befremdlich sein, nicht nur bei Liebeserklärungen, die ja eigentlich eine intime Sache sind. Aber das bringt der Opernbetrieb so mit sich. Und mit seinem klaren Timbre kann er sich das auch leisten.
Felicitas Fuchs hat ihre Stimme weiter nach innen gezogen, singt mit einem etwas dunkleren Timbre, kann dadurch den Tonansatz leichter kontrollieren, aber auch die Emotionalität besser differenzieren. Es sind zwei Stimmen, die sich entgegen kommen (müssen).

Die Darstellung mitdenken

Andererseits ist sie eine Sängerin, die, auch ohne auf der Opernbühne zu stehen, die Schauspielerin immer gleich mitdenkt. Wenn sie als Gräfin Almaviva auf die Bühne kommt, um "Porgi amor" zu singen, dann drückt sich ihre Frustration über ihren Mann nicht nur in der Stimme aus, sondern auch in ihrer Haltung. Wenn sie Gounods Juwelenarie singt, dann sieht man ihr ihre verwirrte Begeisterung auch an. Und das "Ave Maria" der Desdemona aus Verdis "Otello" ist stimmlich und körpersprachlich gleichermaßen bewegend.
Dmitry Korchak ist da - noch - ein bisschen sorgloser. Er richtet sich neben dem Flügel ein und setzt dann ganz auf die Strahlkraft seiner Stimme. Und hinterher freut er sich, dass es wieder so gut geklappt hat. So geraten seine Arien immer grandios, aber auch ein bisschen gleich von "Il mio tesoro" über "Salut, demeure chaste et pure" bis "La donna e mobile" - großartig gesungen, aber losgelöst aus dem Kontext.
Bei den Duetten beflügelten sich allerdings beide auf ihrem Gebiet. Sehr gut war schon "Fra gli amplessi" ("Cosi"), aber hochdramatisch "Ton coeur n'a pas compris le mien" ("Perlenfischer") und "Signor nè principe". Da sangen die beiden aufeinander zu, machten beide deutlich, wie sich die Ablehnung in Zuneigung wandelte wie bei Nadir und Leila - Momente, in denen man den Eindruck bekommen konnte, das Singen sei die selbstverständlichste Form der Kommunikation.
Semion Skigin hatte durchgehend zu tun. Er musste am Flügel nicht nur ein Orchester ersetzen, was er mit gewohnt präsentem Zugriff tat, sondern er musste auch seine beiden Sänger führen. Er tat das geschickt, indem er sie forderte, aber nie unter Druck setzte.
Die Zugabe war klar: Verdis "Brindisi".