Das ist ein fast typischer Werdegang. Nein, so hatte sich Barbara W. ihre letzten Lebensmonate nicht vorgestellt: Die 88-Jährige musste sie in einem Heim verbringen, in dem sie sich, trotz aufmerksamer Betreuung, nie wohl gefühlt hat.
20 Jahre wohnte sie nach dem Tod ihres Mannes allein in ihrem Haus. Dann wurde sie immer gebrechlicher, war immer mehr auf Hilfe angewiesen, erhielt Pflegestufe zwei. Schließlich musste sie sich aus gesundheitlichen Gründen doch in ein Pflegeheim begeben. Dort ist sie im Beisein ihrer Familie gestorben.

Umfangreiches Angebot

Anders Max M.: Der 90-Jährige ist seit einer Knieoperation auf Rollator oder Rollstuhl angewiesen und hat deshalb Pflegestufe 1. Geistig ist er aber so fit, dass er noch Liedtexte reimen kann. Außerdem unterhält er seine Mitbewohner gerne und oft mit flotten Melodien auf dem Akkordeon. Ins Pflegeheim ist der Senior gezogen, weil er sich daheim nicht alleine versorgen konnte. Er fühlt sich wohl in seinem nagelneuen, hellen und gemütlichen Einzelzimmer mit Flach-Fernseher und Telefon.

Das Landratsamt verfügt über keine Zahlen der pflegebedürftigen Einwohner im Landkreis, sagt Behördensprecher Stefan Seufert. Aber es gibt auf der Homepage (www. lkkissingen.rhoen-saale.net) eine Internetpflegebörse. Hier sind über 20 Einrichtungen gelistet. Sie werde von den jeweiligen Einrichtungen gepflegt. Manche Eintragungen sind aber längst nicht mehr auf dem neuesten Stand. Auf der Homepage der Stadt Bad Kissingen (www.badkissingen.de) findet sich ferner eine lange Liste mit ambulanten Alten- und Pflegediensten.

Ganz wichtig für Leistungen aus der Pflegekasse ist die Eingruppierung in eine der drei Pflegestufen. Denn nur die wenigsten können ein Heim aus eigener Tasche bezahlen. Ursula Kerschensteiner, selbst Krankenschwester und Lehrerin für Krankenpflege, koordiniert die rund 2500 Begutachtungen potenzieller Pflegefälle pro Monat in der Region. Dazu sind für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) 34 eigene Experten und externe Fachkräfte im Einsatz. Das verlaufe in aller Regel sehr sachlich. Von negativen Vorkommnissen könne sie nicht berichten. Auch habe sie keine deutliche Zunahme bei der Schwere der Einstufungen festgestellt. Denn die Kriterien dazu hätten sich nicht geändert. Wenn es bei Pflegebedürftigen eine Zunahme von drei bis fünf Prozent pro Jahr gebe, sei das auf den demografischen Faktor zurückzuführen, so Ursula Kerschensteiner.

Ambulant vor stationär

Bei der mobilen Pflege ist im Kreis die Caritas führend. 180 Mitarbeiter betreuen etwa 700 Patienten, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Daniel Schäfner. Viele hätten Pflegestufe 2. Die Nachfrage sei, regional unterschiedlich, gestiegen. Genaue Zahlen wisse er aber nicht.

Auch Schäfner verwies auf den demografischen Wandel. Es sei auch von der Politik - Grundsatz: "Ambulant vor stationär" - so gewollt, dass viele daheim gepflegt werden, so lange es geht. Das kommt den Wünschen vieler Senioren entgegen und ist auch günstiger als eine Heimbetreuung, Deshalb würden die Sozialstationen weiter wachsen. Die Kreiscaritas betreibt vier.

Marktführer im Landkreis ist mit 394 Betten in vier Pflegeeinrichtungen die Carl von Heß'- sche Stiftung. Sie seien zu rund 98 Prozent ausgelastet, sagt Vorstand Marco Schäfer. Nach seiner Feststellung kommen die Bewohner immer später in die Heime, auch weil flächendeckend ambulante Dienste angeboten werden. Außerdem gebe es Alternativen wie zum Beispiel betreutes Wohnen.

Oft reicht die Rente nicht mehr

Vor zehn, 15 Jahren, so Schäfer, seien die Klienten noch wesentlich rüstiger gewesen. Heute läge der Schwerpunkt auf Pflegestufe zwei oder drei, immer mehr litten an Demenz. Gerade hier gebe es großen Zustrom. Dann gebe es keine Alternative zu den klassischen Heimen, da diese Patienten sehr hohen Bedarf an intensiver Pflege hätten.
Ein Problem: Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 seien deren Leistungen nicht oft und auch dann nur gering erhöht worden. Bewohner müssten einen immer höheren Anteil der Heimkosten bezahlen. Etwa 20 Prozent von ihnen seien auf Sozialhilfe angewiesen; für viele sei das bitter. Aber auch sie bekämen - "selbstverständlich" - dieselbe Pflege wie Selbstzahler.

Immer mehr Menschen werden immer älter und immer mehr von ihnen sind auf ambulante oder stationäre Pflege angewiesen. Dieser Trend wird sich noch verstärken, da es immer mehr Demenz-Patienten geben wird.
Davon geht Marco Schäfer, der Vorstand der Carl von Heß'schen -Stiftung aus, die im Landkreis mehrere Häuser hat. Zahlen geben Schäfer recht. 2003 gab es im Landkreis Bad Kissingen 3165 Pflegebedürftige (davon 2044 Frauen). 2007 waren es 3479 (2280), 2009 schon 3698 (2421), Vor zehn Jahren wurden 1073 (765) in Heimen versorgt. Ihre Zahl ist bis 2009 auf 1233 (868) gestiegen. Ähnlich sieht es bei der ambulanten Pflege aus. 580 Menschen wurde so 2003 geholfen, 869 waren es 2009. Die Zahl der Pflegegeldempfänger ist im selben Zeitraum von 1512 auf 1596 gestiegen. In Bayern wurden 2009 318 479 Menschen betreut (2003: 297 781). Diese Angaben stammen aus den Statistiken des Bundes und der Länder sowie vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK).

Der ist ganz entscheidend, denn seine Experten - Ärzte oder besonders qualifizierte Pflegekräfte - entscheiden auf Antrag über die Einstufung in eine von drei Pflegekategorien. Das entscheidet sich nach dem Umfang der benötigten Hilfe. Dabei wird unterschieden zwischen Grundpflege (Körperpflege, Ernährung, Mobilität) und der notwendigen hauswirtschaftlichen Versorgung.

Alles ganz genau geregelt

Die MDK-Fachleute kommen dazu ins Haus oder Heim. Sie machen sich ein umfassendes Bild vom Zustand und den Bedürfnissen der jeweils Betroffenen. Das geschieht in aller Regel sachlich und ohne Probleme. Berücksichtigt werden dabei laut MDK, so vorhanden, das Pflegetagebuch, Bericht der betreuenden Ärzte und die Dokumentation eines Pflegedienstes.

Auf Grundlage des MDK-Gutachtens entscheidet die Pflegekasse über die Einstufung. Dabei wurde vom Gesetzgeber alles ganz genau geregelt:
Erheblich pflegebedürftig - Stufe 1 - ist jemand, der mindestens 90 Minuten täglich Unterstützung braucht. Davon müssen 45 Minuten auf die Grundpflege entfallen.Mehrmals pro Woche muss außerdem eine Haushaltshilfe kommen.
Schwerpflegebedürftige haben - Stufe 2 - einen Hilfebedarf von täglich drei Stunden oder mehr. Zwei Stunden davon müssen auf die Grundpflege entfallen. Diese Hilfe muss mindestens drei Mal täglich notwendig sein.Auch hier muss mehrmals in der Woche eine Haushaltshilfe benötigt werden.
Schwerstpflegebedürftige - Stufe 3 - müssen bei vier oder mehr Stunden für die Grundpflege rund um die Uhr betreut werden. Der tägliche Zeitaufwand dafür muss fünf Stunden oder mehr betragen. Dazu kommt dann noch eine regelmäßige Haushaltshilfe.

Die Pflegekasse beteiligt sich

Die Betreuung in einem Heim ist nicht billig. Die Preise differieren von Einrichtung zu Einrichtung, da sie individuell ausgehandelt werden. Ein großes Haus verlangt bei Pflegestufe 1 in einem Einzelzimmer pro Monat 2500,28 Euro (Doppelzimmer: 2405,38 Euro). Bei Pflegestufe 3 beträgt das Entgelt 3255,50 (3118,66 Euro) . Davon übernimmt die Pflegeversicherung bis zu 1550 Euro (Stufe 3). Damit ergibt sich eine monatliche Eigenleistung von 1663,56 Euro. Viele Ältere können sich das nicht leisten. Sie sind - oft ist das sehr bitter - auf Sozialhilfe angewiesen. Dan können die Angehörigen in die Pflicht genommen werden. Für die Senioren ändert sich dadurch nichts: Sie werden weiterhin in gewohnter Weise Betreut und versorgt.