"Ich hatte große Lust, mich auszuprobieren": 2017 übernahm Tilman Schlömp die Intendanz des Kissinger Sommers. Nun verlässt er die Kurstadt wieder, um sich neuen Aufgaben zu widmen. In einem Gespräch mit unserer Redaktion blickte er auf seine Erfahrungen, Erlebnisse, Hoffnungen und Wünsche in diesen Jahren zurück.

Wenn fünf Jahre der Intendanz Kissinger Sommer zu Ende gehen, denkt man dann in der Rückschau eher an das erste oder das letzte Jahr?

Tilman Schlömp: An das letzte Jahr. Es ist tatsächlich ein Jahr, das mich emotional sehr berührt hat, weil man bei allen Künstlern merken konnte, dass es ihnen ein Herzensbedürfnis war, wieder auf der Bühne zu stehen und mit dem Publikum zu kommunizieren. Da war auf beiden Seiten ganz viel Freude, auch ganz herzlicher Applaus. Das war das, was ich aus diesem Sommer mitgenommen habe, auch wenn es nur 25 Programme waren, 29 Konzerte insgesamt. Im Nachhinein denke ich, dass wir dafür belohnt wurden, dass wir im Herbst immerhin den Mut hatten, dieses reduzierte Programm auf die Beine zu stellen. Das war damals nicht selbstverständlich. Ich sage ehrlich, dass ich am liebsten alle 52 ursprünglich geplanten Konzerte ins Programm genommen hätte. Das hätte natürlich ein finanzielles Risiko bedeutet.

Wenn Sie alle 52 Konzerte gemacht hätten: Wäre das finanziell nicht doch aufgegangen? Die Nachfrage war ja sehr groß.

Vielleicht schon. Aber finanziell funktioniert es nur, wenn wir den Saal zu einer gewissen Dichte besetzen können, und das war nach den geltenden Beschränkungen nicht möglich. Wir hatten von vornherein sehr konservativ kalkuliert, danach wären diese 52 Konzerte unter Normalbedingungen machbar gewesen, und es war wirklich nur Corona geschuldet, dass wir reduzieren mussten. Insofern war das Programm ein guter Kompromiss. Als sich abgezeichnet hatte, dass wir an anderen Stellen etwas einsparen, konnten wir doch noch das Wochenende mit dem Goldmund-Quartett, der Jazz-Matinee, der LiederWerkstatt und dem Beethoven-Abend einplanen. Ein klein besetztes Wochenende, das nicht viel gekostet, uns aber viel Ansehen gebracht hat.

Und wie war das erste Jahr?

2017, als ich nach Bad Kissingen kam, war der Kissinger Sommer vielleicht programmatisch ein bisschen einseitig. Es war viel Tschaikowsky und Brahms dabei. Meine Idee war, das große Spektrum der abendländischen Musik den Festivalbesuchern nahe zu bringen - zumindest alles, was seit Monteverdi bis heute passiert ist. Da gibt es so viel zu entdecken. Und ich wollte ein Motto als roten Faden nehmen, mit der Freiheit natürlich, dass sich einige Konzerte davon auch völlig loslösen, und mit diesem Motto jedes Jahr eine bestimmte Region der Musikgeschichte erkunden. 2017 war der Ankerpunkt das Jahr 1830, "Romantische Revolution". Es war das Jahr, als Hector Berlioz die "Sinfonie fantastique" komponierte. Beethoven war drei Jahre tot, und sofort hat sich die Musikgeschichte total gedreht. Und auf der anderen Seite...

Vielleicht ein Aufatmen? Bei Schubert bestimmt. Wenn auch nur noch ein Jahr.

Bestimmt. Da ist ganz viel in Gang gesetzt worden. Daneben war das auch ein Startpunkt für den professionellen Kurbetrieb in Bad Kissingen. Ab 1834 wurde der Arkadenbau mit dem Rossini-Saal, damals noch Conversations-Saal, gebaut.

Und 2018?

Für mein zweites Jahr hatte ich die Idee, gleich ins kalte Wasser zu springen und zurückzublicken auf 1918, wo nicht nur ein Krieg zu Ende ging, sondern tatsächlich auch die Moderne geboren wurde. Wir haben versucht, diese Moderne nicht überzustrapazieren, aber es gab einige Schlüsselwerke aus dieser Zeit. Das kam zum Teil sehr gut bei den Kissingern an, zum Teil aber auch nicht, weil man dieses Repertoire hier noch nie gehört hatte. Aber dafür, finde ich, ist ein Festival da, es muss eine inhaltliche Handschrift tragen.

War das angesichts des relativ konservativen Kissinger Publikums nicht ein sehr mutiges Konzept?

Das kann man so sehen, denn 2018 war auch das Jahr, in dem ich merkte, dass es nur mit einem progressiven programmatischen Ansatz nicht funktioniert. Aber ein großes Festival ist ein Tanker, kein Rennboot. Die Planung braucht zwei Jahre Vorlauf. Als wir 2017 sahen, dass die Auslastung nicht gut genug war, haben wir für 2019 gegengesteuert.

2019 ist aber doch aufwärts gegangen. Da war doch sogar der Rossini-Saal immer mal ausverkauft, der sich von den Programmen her oft etwas schwerer tut.

2019 hatten wir deutlich weniger Konzerte, das verbesserte die Auslastung, aber immer noch nicht genug, wie ich finde. Thematisch ging in diesem Jahr der Sprung zurück ins 18. Jahrhundert, aber nicht zu den alten Bekannten Mozart und Beethoven, sondern in die Zeit davor, in die Zeit der Bach-Söhne und der Wiener Vorklassik. Eines der Schlüsselwerke war "Orpheus und Eurydike" von Gluck. Wir haben dieses Werk in die Moderne geholt. Mit dem jungen Komponisten Damian Scholl haben wir die Oper auf ein Monodrama reduziert mit Orpheus als einzigem Darsteller. Und mit Lena Belkina hatten wir einen wunderbaren Orpheus. Das hat sehr gut funktioniert: Wir hatten Standing Ovations bei einer Uraufführung! Ein weiterer Pluspunkt in 2019 war die wunderbare Julia Lezhneva als Artist in Residence. Mozarts c-moll-Messe mit ihr, den Bremern und Paavo Järvi, das war so ein Projekt, wie man es nur bei einem Festival verwirklichen kann.

Und dann die ganz große Enttäuschung: Die Beethoven-Feier zum 250. musste 2020 komplett ausfallen.

Mir war aus meiner Bonner Zeit klar, dass es von Beethoven so tiefgehende revolutionäre Werke gibt, die die Musikgeschichte so verändert haben, dass ich unbedingt in Bad Kissingen etwas davon zeigen wollte. Das war natürlich enttäuschend, dass das Festival komplett ins Wasser fallen musste. Wir haben versucht, einiges nach 2021 rüberzuretten. Das ist aber nur teilweise gelungen, weil 2021 schon fertig geplant war. Und manches ging gar nicht, zum Beispiel die Eröffnung mit der Neunten Sinfonie mit der Kammerphilharmonie Bremen. An Gesang und Chor war Anfang 2021 einfach nicht zu denken.

Kommen wir mal von der Geschichte des Festivals zur Geschichte der Intendanz. Wie sind Sie überhaupt nach Bad Kissingen gekommen?

Als ich erfuhr, dass Bad Kissingen einen Intendanten suchte, war ich schon zehn Jahre beim Beethovenfest in Bonn gewesen und hatte das Gefühl: Ich habe jetzt alles, was man bei einem Festival lernen kann, gelernt, und ich hatte große Lust, mich auszuprobieren. Ich habe nach einiger Abwägung eine Bewerbung hingeschickt und hatte Ideen skizziert. Der Stadtrat fand mein Konzept gut, und ich habe das, was ich in dieser Präsentation vertreten habe, mehr oder weniger eins zu eins umgesetzt.

Und was war das?

Ich wollte ein bisschen modernisieren, jüngere Künstler nach Bad Kissingen holen, ich wollte das ganze Spektrum der Musikgeschichte zeigen, nicht nur einen spätromantischen Ausschnitt, und ich wollte im Marketing einiges verändern. Das haben wir tatsächlich nach und nach alles gemacht, und das war speziell in der Außendarstellung, Internet, Printmedien, ein großer Kraftakt. Was uns tatsächlich nicht gelungen ist, ist eine komplette Neuaufstellung in der Vermarktung des Festivals. Dazu gehört ja nicht nur eine schön gedruckte Programmbroschüre, sondern sie muss auch auf den verschiedensten Wegen an die Kunden gebracht werden, und danach muss mit einer Rundum-Betreuung die Kundenbindung gestärkt werden.

Was wollten Sie für die Werbung tun?

Ich wollte zunächst das Team aufstocken, denn bei anderen Festivals gibt es eine ganze Marketing-Abteilung mit mehreren Mitarbeitern mit klar definierten Aufgabenbereichen. Das ist richtig viel Arbeit. Ich habe vom Beethovenfest die Erkenntnis mitgenommen, dass es tatsächlich eine Faustregel gibt: 12 Prozent des Gesamtbudgets - also inklusive künstlerischem Etat und Fixkosten - soll in Marketing, in Werbung investiert werden. Dafür war aber leider in Bad Kissingen nicht genug Geld da.

Wie war das mit Oberbürgermeister Kay Blankenburg. Er war derjenige, der Sie federführend geholt hat. Hatte er sich die Lösung der Probleme einfacher vorgestellt - zumindest kostentechnisch?

Ich möchte die Beziehung zum früheren Oberbürgermeister an dieser Stelle gerne komplett ausklammern. Wahrscheinlich habe ich nicht deutlich genug gemacht, dass es nicht primär ums Geld geht, sondern um ein Strukturproblem. Für mich war die Frage: Krempelt man das Festival noch einmal komplett um, lässt vielleicht Montag bis Mittwoch spielfrei, um das Angebot zu verknappen und professionelle Werbung zu finanzieren. Als Geschäftsführer einer GmbH hätte ich mir das zugetraut, als bloßer Impulsgeber für ein städtisches Referat konnte ich das nicht. Für tiefgreifende Veränderungen müssen alle Kräfte, auch die Stadtratsfraktionen, an einem Strang ziehen. Dafür gab es damals keine Signale aus der Politik.

Vielleicht noch zwei Sätze zum neuen Job?

"Landmusik" ist ein sehr spannendes Förderprogramm des Deutschen Musikrates. Es geht um die Förderung von Musikern und Veranstaltern in ländlichen Regionen. Meine Erfahrungen aus der Region um Bad Kissingen haben mir hier geholfen. Obwohl unabhängig von Corona entstanden, ist es gerade jetzt ein sehr sinnvolles Programm. Es ist sehr befriedigend, wenn man sieht, was wir da Gutes bewirken können, mit wie viel Enthusiasmus die Kulturschaffenden am Neustart in ihrer Region arbeiten.

Das Gespräch führte

Thomas Ahnert.