Herma Klünspies hat eine große Anhängerschaft. Ihr Fankreis folgt ihr nicht nur zum Auftritten beim MGV Hammelburg. So kommt Bibliotheksleiterin Karin Wengerter ins Schwitzen, weil sie zusätzliche Stühle für die vielen Besucher der dritten Auflage der Geschichtsreihe "erlebt und erzählt" in den Lesesaal schleppen muss. Schon nach den ersten Minuten der mehr als zweistündigen Gesprächsrunde versteht jeder Zuhörer den Andrang.

Klünspies sitzt in der Mitte zwischen Ernst Stross als souveränem und bestens aufgelegtem Moderator und ihrer Freundin Martha Scherpf. Die Biografien beider Frauen unterscheiden sich und ergänzen sich zugleich zu einem charakteristischen Gesamtbild der Zeitgeschichte der Stadt.

Wenn zwei ältere Damen, beide Jahrgang 1928, über Kindheit und Jugend sprechen sollen, drohen meist schwermütige oder mit erhobenem Zeigefinger mahnende Berichte. Nicht so beim Duo Klünspies/ Scherpf. Die beiden Damen blicken mit viel Humor auf ihr Leben zurück.

Klünspies wuchs mit zwei Schwestern in Obererthal auf. "Ich war das erste und schönste Kind." Die meiste Zeit verbrachte sie mit ihrem Opa, einem Veteran aus dem Ersten Weltkrieg. Er trug immer einen Handschuh am linken Arm. So sah Klünspies nie die Kriegsverwundung ihres Großvaters, der als Versehrter nicht arbeiten und sich daher ihr widmen konnte.


Kindheit auf dem Gut

Obwohl Klünspies auf einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb lebte, habe sie sich immer geweigert, Kühe zu melken. Und sie habe sich geschworen: "Ich heirate keinen Bauer. Lieber gehe ich ins Kloster."

Scherpf dagegen stammt aus Grulich, einer kleinen Stadt im Sudetenland. "Wir sind zweisprachig aufgewachsen mit Tschechisch als Fremdsprache", erzählt sie. Ihre Familie wohnte auf einem kleinen Gut eines Wiener Grafen, der sich dort nur zur Jagd blicken ließ. Ihr Vater war als Kutscher angestellt. Es gab Wasseranschluss, aber keinen Strom. Nur Petroleumlicht - und von Oktober bis Mai Schnee. Die insgesamt acht Geschwister schliefen zu zweit in den Betten.

Als der Graf mal wieder zur Jagd anreiste und die Kinder bei seiner Ankunft Spalier stehen mussten, hatte Scherpf einen Märchenprinzen erwartet. Stattdessen erblickte sie einen Mann mit O-Beinen und Hakennase. "Das war die erste Enttäuschung im Leben. Das habe ich bis heute nicht vergessen."

Die zweite Enttäuschung im Leben war für Scherpf der Hammelburger Wein, den sie in den 1950er Jahren ebenfalls erwartungsvoll probierte. Sie war da schon als Vertriebene in der Region gelandet.

Nach dem Krieg musste Scherpf, wie sie berichtet, zunächst aber bei einem tschechischen Bauer Zwangsarbeit leisten, bevor sie mit ihrer Schwester per Zugtransport nach Deutschland ausgesiedelt wurde. Ihre Eltern folgten mit einem späteren Transport, allerdings in den Osten. So habe sich die Familie über ganz Deutschland zerstreut.

Die Endstation für Scherpf war Völkersleier. "Ich habe gedacht, ich bin im Ausland", kommentiert sie, und die Zuhörer quittieren es mit dem stärksten Gelächter des Abends. Scherpf zieht ein kleines Heftchen mit regionalen Dialektwörtern aus der Handtasche - ein altes Hilfsmittel.


Kindheit mit viel Religion

"Wir waren in Grulich auch nicht ganz so kirchlich, wie ich es hier erlebt habe", meint Scherpf. Denn zuvor hat Klünspies mit einem Griff an die Stirn erzählt: "Gebetet ist viel worden bei uns." Wobei sie als Kind einiges falsch verstanden habe. Die lateinische Verszeile "Genitori genitoque" aus dem Hymnus "Tantum ergo" habe für sie immer wie "geh' nicht dohin, geh' nicht dorthin" geklungen. Und als die Amerikaner in Obererthal waren, "haben alle nur noch mehr gebetet".

Die Jahre nach dem Krieg fasst Klünspies schnell zusammen. "Ich habe einen Mann kennengelernt, wir haben geheiratet und Kinder gekriegt - fertig war's. Das war nicht wie heute, dass man erst hier und dort probiert." Das Ehepaar zog 1951 nach Hammelburg. Auch Scherpf lernte einen Mann kennen, "der mich gewollt hat". Er war Büttner und Kellermeister bei der Winzergenossenschaft, sie arbeitete im Büro der Landmaschinenschule Deula. Hammelburg wurde so für Scherpf das neue Zuhause. Vor 20 Jahren lernten sich dann die beiden Frauen auf einer Reise des Rhönklubs kennen.