Ein eindrucksvolles Zeichen gegen das Vergessen setzten die katholische und die evangelische Kirche sowie die Stadt anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht. Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) stellte in seiner Gedenkrede heraus, "dass wir mit aller Kraft und Entschiedenheit dem Aufkommen und Auswüchsen von Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt entgegentreten müssen - auch und gerade 80 Jahre danach. Auch und gerade in einer Weltlage in der menschenverachtende, chauvinistische und hetzerische Positionen immer mehr die Oberhand gewinnen. Auch und gerade in einer Zeit in der rechtsradikales Gedankengut in allen deutschen Landesparlamenten und im Bundestag Einzug gehalten hat".

Die Zusammenkunft zum Gedenken an die verfolgten, gefolterten und ermordeten Opfer des NS-Regimes mache die Verantwortung und die Verpflichtung bewusst, die aus den Ereignissen des 9. Novembers und der "schrecklichen Geschichte des Nationalsozialismus" für uns alle entstandenen sind. Sich zu erinnern um mitzuleiden, um nachzudenken über die Vergangenheit, mahne weiterzudenken in die Gegenwart. Um die Geschehnisse der Pogromnacht ins Gedächtnis zu rufen, bat Warmuth die Namen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu verlesen, die seinerzeit deportiert wurden. Die Namen sind auch auf einer Tafel eingraviert. Dazu wurden die in Form eines Davidsterns erstellten Kerzen entzündet. Anwesende verlasen die Namen, das Geburtsdatum, den Wohnort in Hammelburg und den des Vernichtungslagers sowie das Todesjahr.

Die Erinnerungsstunde umrahmten Musiker und Sänger, die sich auf Bitte von Pastoral-Referent, Markus Waite, spontan zur Verfügung gestellt hatten. "In Hammelburg gibt es keine Juden mehr doch nach jüdischem Verständnis sind sie in dieser Stunde gegenwärtig. Dies ist ein Tag der Ehrfurcht und des Vergebens - auch für die Kirchen, die nicht energisch genug diesen furchtbaren Taten die Stirn boten", so Waite.

Der evangelische Pfarrer, Robert Augustin, spann diesen Faden weiter mit der Frage: "Wie hätte ich mich als Pfarrer damals verhalten? Auch die Kirche hat seinerzeit geschwiegen und wurde zum Mitläufer ebenso wie zahlreiche Bürger", gestand er. Am Beispiel eines Mitbruders der in diesen Jahren den Widerstand gegen die mörderischen Taten des NS-Regime von der Kanzel predigte - er wurde abgesetzt und verschwand - forderte er zur mehr Mut statt stillschweigender Gleichgültigkeit auf.

Bürgermeister Warmuth führte seine Rede mit Augenzeugenberichten aus Hammelburg und der näheren Umgebung weiter. Demnach begann die Barbarei am Morgen des 10. November als die Türen jüdischer Bewohner eingetreten, das Mobiliar zerstört und Kleidung aufgeschlitzt oder zum Fenster hinausgeworfen wurde. In Westheim brachen die Schlägertrupps den Toraschrein auf und warfen die Tora-Rollen mit anderen jüdischen Kultgegenständen ins Feuer. Ähnliche Verwüstungen geschahen in den jüdischen Wohnungen und der Synagoge von Untererthal.

Die Hammelburger Synagoge wurde am 11. November durch NS-Horden geplündert, geschändet und ausgeraubt, die Gesetzestafeln von der Wand geschlagen. "Nein, es waren nicht nur ein paar Scherben, die zu Bruch gingen sondern eine durchorganisierte Zerstörungswut mit unfassbaren Ausschreitungen, die in die NS-Vernichtungslager führten".

"Wir sind heute hier um zu verhindern, dass sich unsere Augen jemals verschließen vor dieser ungeheuerlichen Wahrheit, die zeigt, was ideologische verblendete Menschen anrichten können. Wer hätte ernsthaft geglaubt, dass Rechtsradikalismus in der Welt, in Europa und bei uns in Deutschland wieder auf dem Vormarsch sind. Ausgrenzung von Minderheiten, völkisches Denken, eine Radikalisierung der Sprache und des Handelns versuchen das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft zu zersetzen", sagte der Bürgermeister.

"Lassen wir uns die Augen öffnen, nehmen wir die Verantwortung an für ein Land einzutreten, das den einzelnen Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt stellt, das Vielfalt will und unterstützt, das Zivilcourage und solidarisches Engagement stärkt, das sich der Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit immer wieder bewusst wird und Angriffe darauf niemals schweigend und gleichgültig hinnimmt. Die immerwährende Erinnerung an die Shoa (Vernichtung) sei uns Verpflichtung beim Erkennen, wie wir die Zukunft unseres Landes gestalten können", endete der Bürgermeister.