Eine fulminante Singstimme, gnadenlose Direktheit, sprühender Charme und messerscharfe Beobachtungsgabe zeichnen sie aus. Sie spricht wie Nena, bewegt sich wie eine geschmeidige Haremstänzerin, singt wie Max Rabe und ist ein Unikat: eine echte Nessi Tausendschön eben. Kulturbunt machte den Abend mit der preisgekrönten Kabarettistin möglich, die ihr Programm "Die wunderbare Welt der Amnesie" präsentierte.
Nessi erinnert an das sagenhafte schottische Ungeheuer, Tausendschön an eine märchenhafte, wunderschöne Gestalt oder an ein liebliches Gänseblümchen. Sie zückt ihre Kamera und fotografiert das Publikum, man vermutet eine Vorher-Nachher-Dokumentation. Zurecht. "Ich starte lieber mit Erwartungen, die ganz unten sind, dann habe ich eine Chance", teilt sie den Zuhörern mit.
Ihren ersten eigenen Anfall von Amnesie hat Tausendschön bereits bei der Vorstellung des Kollegen, der sie begleitete: Der Musiker und Komiker William Mackenzie sei aus Australien, von weit her, setzt sie an. "Kanada", korrigiert er. Weit weg eben. Für seinen Namen hat sie sich eine Eselsbrücke gebaut: "Ich kenn Sie, Herr Mackenzie."
Verdrängen und Vergessen sei auch ein deutsches Thema, sagt sie und fährt fort: "Vergessen-vergaßen-vergasen". Stille im Publikum. "Kabarett muss auch weh tun und lapidar sein", schiebt Tausendschön nach.
Gewolltes und Ungewolltes Vergessen scheinen omnipräsent: Steuer-Amnesie, Jubiläums-Amnesie - die Möglichkeiten scheinen endlos. Muttertags-Amnesie ist ihr aus eigener Erfahrung noch gegenwärtig und zeigt, wie trickreich sie aus dieser misslichen Lage herauskam.

Vertauschte Rollen

Nessi Tausendschön lässt die Zuschauer an ihren Kindheitserinnerungen teilhaben: zum Beispiel an die liebevoll von der Mutter offerierten Weintrauben. Die Mutter musste wohl so handeln, da Tausendschön offenbar schon als Kind sehr direkt war. So bekam die Mama zu hören: "Solange du den Tisch über meine Füße stellst, musst du machen, was ich will."
Ihr Gesang erfüllt den Raum. Schließt der Zuhörer die Augen, meint er, Max Rabe stehe auf der Bühne und singe mit rollendem R. So kann man auch die in der folgenden Talkshow-Szene parodierten Künstler wie Nena, Lena und Nina Hagen vor dem geistigen Auge sehen.
Tausendschön besingt orientierungs- und antriebslose Deprimierte, wobei sie sich mit einem schwingenden und jaulenden Sägeblatt begleitet. Auch eine Quietsche-Ente, ein Xylophon und eine muhende Box dienen ihr als Instrumente.
Als Wutbürgerin wettert sie: "Politiker sind wie Tauben. Wenn sie unten sind, fressen sie dir aus der Hand. Sind sie oben, scheißen sie dir auf den Kopf." Trauer, Wut, Freude - Nessi Tausendschön lässt ihr Publikum an ihren Emotionen teilhaben. "Ich habe, was den Anspruch an mein Publikum betrifft, unten angesetzt, und das ist heute noch unterschritten worden", macht sie ihrem "Publikümmer" Luft. Sie besteht aber auf ein Wiederkommen des Publikums: "Nach der Pause kommen Sie zurück, Sie sind abgezählt", ordnet sie an.

Schutzengel eingesperrt

Ihr bekannter und dem Alkohol zusprechende Schutzengel sei heute nicht dabei, erklärt sie: "Dieser hat leider jetzt das Komasaufen angefangen, und ich habe ihn ins Auto gesperrt.". Mit melancholischer Stimme besingt sie ihren dienstunfähigen Engel, musiziert mit dem Sägeblatt und wirft Glitzerstaub am Ende des Liedes.
Rasant geht es weiter: Sie geht auf die Mutterqualitäten deutscher Politiker ein, wechselt dann zu sinnlichen Liedern. Mit Slapstick überbrückt ihr musikalischer Begleiter William Mac Kenzie gekonnt eine Pause, bis Tausendschön als heimwehkrank-melancholische "Ludmilla aus Kasachstan" wieder die Bühne betritt.
In geblümten Kostümen, begleitet von Gitarre und Ukulele, setzt Tausendschön ihren mitreißenden Ohrwurm "Fahr zur Hölle, Ariane" ins Zuhörerohr, und das Publikum singt mit. Mit den Worten "Ich glaube nicht, dass Sie noch weitere Zugaben aus uns herausleiern können", will sich Tausendschön verabschieden, erzählt aber dann noch von Urzeitmännern und findet den Ursprung des Vergessens: beim Mann.

Brandneues Lied

Sie stimmt dann noch in ihr "Testosteron-Lied" ein und schließt den fulminanten Kabarettabend mit einem brandneuen Lied ins tägliche Paradies. Dieses Lied stammt aus ihrem neuen Programm - und die Amnesie wirkt. Was der genaue Inhalt dieses Liedes ist, ist entfallen. Aber die Zuschauer können sich darauf freuen, von Nessi Tausendschön im kommenden Jahr wieder erinnert zu werden, der Amnesie zum Trotz.