Nicht sie kamen zu den Bienen, die Bienen kamen zu ihnen. Heute nennt es Nicole Wehner aus Wartmannsroth Schicksal. Es war Anfang Mai, als sie mit einem Blick aus dem Fenster einen Bienenschwarm entdeckte. Der flog in diesem Moment am Giebel ihres Hauses vorbei und machte es sich auf dem Apfelbaum der Nachbarn gemütlich. Gerade an dem Tag, als die Familie einen "Termin zum Stechen" hatte.

"Wir waren schon immer fasziniert von Bienen", sagt die 35-Jährige. Ein eigenes Volk: hatte sich nie ergeben. Bis jetzt. Familie Wehner plante an diesem Tag, mit dem neunjährigen Julian zu einem befreundeten Imker zu gehen. Der sollte ihm einen Bienenstich verpassen, um zu sehen, ob Julian allergisch reagiert. Danach wollte sich die vierköpfige Familie ein Volk anschaffen. "Bienen sind interessant", sagt Julian. Seit er den Tieren bei einem Stand auf einem Markt näher gekommen war, ließen sie ihn nicht mehr los. Der Neunjährige wünschte sich Bienen. Zu dem geplanten Stich beim Imker kam es nicht. Stattdessen kam das Bienenvolk. Der Imker fing die Tiere ein und übergab sie Julian - sein erstes Volk. Inzwischen hat er schon drei Mal Honig geschleudert und im Garten hinter dem Haus drei Beuten mit Bienenvölkern stehen.

"Bienenweide" statt Rasen

Julian verschlingt Bücher und Zeitschriften - er saugt alles zum Thema Bienen auf. So wie der Rest der Familie, der inzwischen nicht nur Fachwissen gesammelt hat, sondern auch seine Sichtweise geändert hat. Einen penibel angelegten Garten mit kurzem, grünem Rasen? Für Nicole Wehner längst nicht mehr das Nonplusultra eines schönen Gartens. Sie überdenkt die Pläne für die Außenanlage hinter dem Neubau, in dem die vierköpfige Familie lebt. "Wir haben jetzt einen anderen Blick. Wir gehen alle mit einem anderen Bewusstsein durchs Leben", sagt die Mutter von Julian und seinem jüngeren Bruder Jonas. Die beiden Brüder haben den Nachbarn darum gebeten, nicht mehr zu spritzen - bisher hält er sich daran, erzählen sie stolz.

Fachliche Unterstützung bekommt Julian und seine Familie von einem befreundeten Imker aus dem Ort und dem Imkerverein Hammelburg. Während der Ferien darf der Neunjährige zum Stammtisch mitkommen. "Die Älteren erklären viel", sagt er. Eine Erfahrung fehlte ihm aber noch: der Stich.

Schließlich war es so weit: Julian war ganz aufgeregt, erzählt Mama Nicole. "Ich hab mich gefreut, dass ich gestochen wurde", sagt er. Jetzt wusste er endlich, dass er nicht allergisch reagiert. So kann er ruhig weiter imkern und noch viele Gläser mit dem Honig seiner Bienen füllen.