Der Trend ist eindeutig: 32 Menschen haben im Januar 2022 beim Hammelburger Standesamt einen Kirchenaustritt beantragt, im Januar 2021 waren es gerade einmal acht, also nur ein Viertel davon. "Der Trend wird sich wohl auch im Februar fortsetzen, da viele Bürgerinnen und Bürger schon für diese Woche einen Termin für den Austritt vereinbart haben", berichtet der Hammelburger Standesbeamte Dieter Densch auf Nachfrage. In Hammelburg werden die Kirchenaustritte für Hammelburg selbst sowie für die Nachbargemeinden Elfershausen und Fuchsstadt beurkundet. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 180, der überwiegende Teil aus der katholischen Kirche. "Für mich persönlich ist das nicht der richtige Weg, aber ich verstehe Menschen, die diese Kirche nicht mehr mit verantworten können", kommentiert der aus Hammelburg stammende Pfarrer Burkhard Hose die aktuelle Lage seiner Kirche.

Viele positive Rückmeldungen

Burkhard Hose outete sich vor rund zwei Wochen im Rahmen der Initiative "#OutInChurch - für eine Kirche ohne Angst" als homosexuell. "Ich bin sehr beeindruckt von der enormen positiven Reaktion", fasst er die bisherigen Rückmeldungen zusammen. Ihn hätten "viele positive und ganz wenige negative Zuschriften" erreicht. Vor allem gebe es viele Signale, dass queere Mitarbeiter der katholischen Kirche in Zukunft ohne Angst vor Diskriminierung leben könnten: "Das kirchliche Dienstrecht soll nicht mehr angewandt werden", nennt er als Beispiel und hofft langfristig darauf, dass diskriminierende Regelungen ganz gestrichen werden.

Natürlich werde er auch immer wieder gefragt, weshalb er überhaupt noch Mitglied der katholischen Kirche bleibe. Auf diese "Diskriminierungslogik" lasse er sich aber gar nicht erst ein: "Ich möchte ja nicht rausgehen, sondern etwas verändern", sagt der Würzburger Hochschulpfarrer, und: "Wir wollen uns dafür einsetzen, dass sich die Kirche wieder mehr auf die Botschaft Jesu besinnt." Aus seiner Sicht geschehe in der Kirche viel Gutes, sagt Hose und verweist unter anderem auf seine Arbeit in der Katholischen Hochschulgemeinde: "Wir begleiten hier viele junge Menschen in einer wichtigen Lebensphase." Allerdings sieht Hose auch die Grenzen seines Handelns: "Das hier ist meine Kirche, aber ich kann nicht die Augen vor der großen Kirche verschließen", betont er, und: "Man kann nicht das Gute aufwiegen gegen die begangenen Verbrechen."

Pfarrer Thomas Eschenbacher, Moderator des Pastoralen Raums Hammelburg, gibt auf Nachfrage keine konkreten Zahlen aus dem Hammelburger Pfarrbüro bekannt: "Die Austrittszahlen lediglich einer Pfarreiengemeinschaft sind nur bedingt aussagekräftig, da bei uns zum Beispiel ein großer Teil der Ausgetretenen gar nicht mehr hier in der Pfarrei wohnt, sondern hier nur getauft ist", sagt er zur Begründung. Kontakte zu Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, gebe es nur selten: "Ganz selten kommt eine Reaktion auf unseren Brief, den alle nach dem Austritt bekommen", erzählt Eschenbacher. Der Brief enthalte ein Gesprächsangebot und kläre über mögliche Folgen des Austritts auf. "In den allermeisten Fällen wissen wir aber, dass nicht die Arbeit der Kirche vor Ort am Austritt schuld ist, sondern eher die kirchliche Großwetterlage oder die Finanzen", fasst Eschenbacher die wenigen Rückmeldungen zusammen.

Im Pastoralen Raum gibt es nur noch in Hammelburg und Oberthulba Standesämter. Die Gemeinde Oberthulba meldet für ihren eigenen Bereich 62 Kirchenaustritte für das Jahr 2021, zudem wurden 14 für die Nachbargemeinde Wartmannsroth bearbeitet. Von Januar 2021 auf Januar 2022 hat sich für Oberthulba die Zahl der Kirchenaustritte von vier auf acht verdoppelt, wobei im vergangenen Monat sieben Oberthulbaer aus der katholischen und einer aus der evangelischen Kirche austraten. Wartmannsroth verzeichnet einen umgekehrten Trend: Dort gab es im Januar 2021 keinen Austritt, im Januar 2022 traten zwei Protestanten aus der Kirche aus.

Keine eigenen Zahlen für die VG Euerdorf

In der Gemeinde Elfershausen gab es nach Angaben der Verwaltungsgemeinschaft im vergangenen Jahr 27 Kirchenaustritte (25 katholisch, zwei evangelisch). Im Januar 2021 war es lediglich einer, heuer bereits acht. In Fuchsstadt traten im vergangenen Jahr 17 Bürger aus der katholischen Kirche, drei aus der evangelischen und einer aus der Pfingstgemeinde aus. Auch in Fuchsstadt gab es im Januar-Vergleich einen anderen Trend als insgesamt: 2021 waren es drei, heuer bislang kein Kirchenaustritt.

Insgesamt hat das Hammelburger Standesamt in diesem Jahr bisher 32 Kirchenaustritte für Hammelburg, Elfershausen und Fuchsstadt beurkundet. "30 waren Katholiken, zwei sind aus der evangelisch-lutherischen Kirche ausgetreten", berichtet Standesbeamter Dieter Densch. Ein Vergleich der Vorjahre sei schwierig: Für 2020 stehen nur 66 Kirchenaustritte in der Statistik, allerdings übernahm die Stadt Hammelburg erst am 1. Januar 2021 das Standesamt der VG Elfershausen. Im Jahr 2021 wurden dann für die drei Kommunen 180 Austritte beurkundet. Eine Aufschlüsselung nach Religion sei für die Vorjahre nicht möglich. Der Pastorale Raum umfasst somit aktuell insgesamt 15 308 Katholiken, das sind 66,5 Prozent der 23 023 Einwohner (siehe Info-Kasten).

Für die VG Euerdorf, die zwar zum Altlandkreis Hammelburg gehört, aber dem Pastoralen Raum Bad Kissingen angegliedert ist, gibt es keine aktuellen Zahlen der Kirchenaustritte. Zuständig ist das Standesamt Bad Kissingen, das jedoch die Kirchenaustritte nicht nach Kommunen aufschlüsselt. Insgesamt habe sich die Zahl der Austritte gegenüber dem Vorjahr mehr als vervierfacht. Alleine in den vergangenen beiden Wochen seien insgesamt 54 Kirchenaustritte für die Standesamtsbezirke Bad Kissingen, Nüdlingen, Euerdorf, Oerlenbach und Bad Bocklet beurkundet worden.

Übersicht

Der Pastorale Raum Hammelburg umfasst fünf politische Gemeinden mit ganz unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten: In Elfershausen sind aktuell 2056 der 2825 Einwohner (72,8 Prozent) katholisch, lediglich 19 Einwohner (0,7 Prozent) evangelisch. Ähnlich ist das Verhältnis in Fuchsstadt: 1401 von 1882 Einwohnern (74,4 Prozent) katholisch, vier Einwohner (0,2 Prozent) evangelisch. Die höchste Anteile haben die beiden großen christlichen Kirchen in Oberthulba: Von den 5183 Einwohnern dort sind 3769 (72,7 Prozent) als katholisch und weitere 526 (10,2 Prozent) als evangelisch gemeldet. Einen ähnlich hohen Wert an Christen erreicht im Pastoralen Raum nur Wartmannsroth, allerdings in anderer Zusammensetzung: Von den 2117 Einwohnern dort bekennen sich 1216 (57,2 Prozent) zur katholischen und 516 (24,3 Prozent) zur evangelischen Kirche. In Hammelburg mit aktuell 11 008 Einwohnern sind 6866 Katholiken (62,4 Prozent) und 1216 Protestanten (11,1 Prozent) mit Erst- oder Hauptwohnsitz gemeldet.