Donnerstag, 12.55 Uhr, Kissinger Straße, Höhe Hausnummer 16: Ein Rentner-Ehepaar fährt mit E-Bikes stadtauswärts. Die Tagestouristen sind in Oberthulba gestartet, fuhren durchs Thulba- ins Saaletal, jetzt haben die offiziellen Schilder sie in die Kissinger Straße gelotst. Die ist für Autos, die stadteinwärts fahren, Einbahnstraße. Wegen parkender Autos wird es oft eng. Der Ehemann weicht auf den Gehweg aus, gefährdet dort Fußgänger, seine Frau (75) stürzt an der Bordsteinkante, verletzt sich schwer, wird laut Polizei mit Verdacht auf gebrochene Schulter ins Krankenhaus gebracht.

Ausweichen oft schwierig

Unmittelbar nach dem Unfall kamen Bianca und Willy Volkert dazu. "Wir sind gerade stadteinwärts gelaufen", berichtet Bianca Volkert. Sie habe sich noch darüber geärgert, dass der Ehemann ihr auf dem Gehweg entgegen kam. "Er hat es mit dem Rad über den Bordstein geschafft, die Frau leider nicht", fasst sie den Unfall zusammen. Als sie dazu kam, lag die Frau unter ihrem schweren E-Bike.

Bianca und Willy Volkert leisteten Erste Hilfe, auch ein Lkw hielt an. "Der Fahrer und andere Passanten haben sich auch gleich um die Frau gekümmert." Das Ehepaar Volkert betreute das Unfall-Opfer und half später dem Ehemann: Sie brachten den Schweinfurter und die E-Bikes zurück zum Auto, das das Paar in Oberthulba abgestellt hatte.

Schon mehrfach habe sie Unfälle in der inneren Kissinger Straße beobachtet, erzählt Bianca Volkert. Einmal sei eine Frau gegen eine Schaufenster-Scheibe geknallt. Längst nicht alle Unfälle würden aktenkundig: "Man schämt sich ja, da holt man doch nicht auch noch die Polizei." Eine Unfall-Ursache steht für Bianca Volkert fest: "Durch das dunkle Pflaster sieht man den Absatz ganz schlecht", weiß sie aus eigener Erfahrung: Die Hammelburgerin ist auf dem linken Auge blind und hat rechts nur noch ein eingeschränktes Sichtfeld. "Wenn jemand sehbehindert ist, kann er das gar nicht erkennen."

Und selbst wenn dem Radfahrer der Absatz zum Gehweg bewusst sei, könne er nicht immer richtig darauf reagieren: "Wenn Gegenverkehr ist, kann man halt nicht ausweichen", betont Bianca Volkert, also würden viele in zu spitzem Winkel auf den kleinen Bordstein zusteuern, wegrutschen und stürzen. Außerdem würden die Radler unbewusst Fußgänger gefährden. Sie persönlich sei zudem schon von einem Kleintransporter gestreift worden, obwohl sie auf dem Gehweg lief: "Da ich links blind bin, konnte ich das Fahrzeug nicht sehen."

Thema für Seniorenbeirat?

Seit zwei Wochen ist Bianca Volkert eine der beiden Sprecherinnen des Senioren- und Behindertenbeirats der Stadt. Für sie steht fest, dass sich das Gremium auch mit dem Thema befassen sollte. Als Lösung schlägt sie vor, den Radverkehr aus der Einbahnstraße in die Gassen der Altstadt zu verlegen. Zudem befürchtet sie, dass die Bahnhofstraße als neuer Unfall-Schwerpunkt bereits vorprogrammiert ist. Dort gebe es zwar keine Absätze, sondern einen durchgehend ebenen Belag, aber: "Die Fahrbahn ist so schmal, dass bestimmt viele Autofahrer auf den Gehweg rüber ziehen."

Laut Ralf Peter, Sachbearbeiter Verkehr bei der Hammelburger Polizei, gab es heuer bislang zehn aktenkundige Unfälle in der inneren Kissinger Straße. Fünf waren kleinere Parkrempler, zum Teil mit Unfallflucht. Bei vier Unfällen waren Fahrradfahrer beteiligt und wurden jeweils verletzt: In zwei Fällen öffneten Autofahrer die Tür und Radler stürzten - einmal nach einem Aufprall gegen die Tür, einmal vor Schreck. Ende Juli verlor ein E-Bike-Fahrer seinen Strohhut und stürzte ohne fremde Beteiligung beim Versuch, den Hut zu fangen. Ob es weitere Unfälle gibt, kann die Polizei schlecht beurteilen: "Ein Unfall wird nur erfasst, wenn sich einer der Beteiligten bei uns meldet", sagt Christian Pörtner, Chef der Hammelburger Polizei.

Stadträte mahnen Lösung an

Bereits mehrfach wurde die innere Kissinger Straße in den vergangenen Monaten im Stadtrat angesprochen: 3. Bürgermeister Christian Fenn (Junge Liste) etwa werde regelmäßig von Bürgern auf Unfälle hingewiesen, auch auf den am Donnerstag. Im Stadtrat berichtete zudem von einem Unfall im Sommer, der aus seiner Sicht vor allem auf die zu enge Fahrbahn wegen parkender Autos vor dem EC-Automaten einer örtlichen Bank zurückzuführen war. Seine Vorschlag: "Wir sollten jedem, der dort parkt, einen Zettel an die Windschutz-Scheibe hängen, der auf die Gefahr aufmerksam macht." Der Sozialpädagoge setzt also auf die Einsicht der Autofahrer.

CBB-Stadtrat Alexander Stolz dagegen sprach sich deutlich für eine Verlegung des Radweges aus. Er schlug ebenfalls eine Beschilderung durch die Gassen vor. Ob das dann eine dauerhafte Lösung sei oder lediglich ein Provisorium, müsse noch geprüft werden. Auf alle Fälle sei es die schnellste Möglichkeit, Abhilfe zu schaffen. Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) war gestern bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.