Die Einrichtung hieß im Volksmund einfach nur "die Anstalt". "Niemand sagte, er gehe in den Kindergarten. Wir sagten immer, wir gehen in die Anstalt", erzählt Bernhard Pfennig. "Die Anstalt", die Kinderbewahranstalt, prägt bis heute die Kindheitserinnerungen vieler Hammelburger. Daher sind beim Geschichtsabend "erlebt & erzählt" der Stadtbibliothek nicht nur den drei Gästen Bernhard Pfennig, Carola Gartenmeister und Waldemar Göhl viele Erlebnisse noch sehr präsent.

Viele davon teilen die Zuhörer mit den drei Erzählenden, die in den 1950er Jahren den Kindergarten besuchten. So gehört Schwester Hartwiga zu den bekanntesten Betreuerinnen. "Manche sagen, sie sei eine strenge Frau gewesen. Ich halte sie für eine herzensgute Frau", sagt Pfennig. Nicht nur ihn beeindruckte immer wieder, dass die Schwester sich Jahre später, schon im hohen Alter noch an jeden Namen erinnerte.

Und dann gab es das berühmte "schwarze Loch": Eine kleine Kammer unter der Treppe - ohne Licht. Dort, wo der Teufel wohnte, kamen manche Kinder zur Strafe hinein. Rüge, Schimpfe, "schwarzes Loch", so sah die Eskalationsstufe bei Fehlverhalten aus. Pfennig erläutert: "Wenn du frech warst, gab es eine auf die Backe." Wer brav war, den belohnten die Schwestern mit einem Heiligenbildchen.

Die älteren Kinder mussten nachmittags im Sitzen schlafen, die Arme verschränkt auf den Tischen. Keiner durfte aufschauen. Spielsachen gab es nicht viele. "Wir machten viele Zählspiele mit den Fingern", sagt Carola Gartenmeister. Die Kleidung? Ganz einfach: Die Jungen trugen Lederhosen - im Sommer kurze, im Winter lange, antwortet Waldemar Göhl.

Nicht nur das, sondern auch die Theaterspiele im Sommer und zur Weihnachtszeit sind Erinnerungen, die alle damaligen Kindergartenkinder verbinden. Darüber entstehen während des Abends immer wieder kleinere Diskussionen im Publikum.

Moderator Ernst Stross muss nicht viel zutun, um die Gespräche anzuregen. Er gibt nur einige Rahmeninformationen: Die Kinderbewahranstalt entstand im Jahr 1876. Grundlage war eine Testamentsverfügung von Carl von Heß. Die Franzisaknerinnen des Klosters Maria Stern aus Augsburg führten die Einrichtung bis 1980. Zunächst waren Waisenhaus und Kinderbewahranstalt in einem Gebäude zusammen untergebracht, später folgte die Trennung auf zwei Häuser.

So gehört die Geschichte des Waisenhauses zur Historie des Kindergartens dazu. Heinrich Roßberg und Udo Schmitt tragen an dem Abend diesen Teil der Erzählung bei. Im Waisenhaus lebten viele Jahrgänge unter einem Dach. Alle mussten aber zusammen um 20 Uhr im Bett sein, erzählt Roßberg. Freitags war Badetag. Dann gab es auch frische Hosen und Unterhosen. Auch wenn es Unterschiede zwischen den Einrichtungen gab, decken sich viele Erinnerungen Roßbergs an die Sternschwestern mit denen der anderen Hammelburger.