Das 100. Wiegenfest, das ein Mensch begeht, gilt als besonderes Ereignis und wird vom Jubilar und seiner Familie als Gnade empfunden. Ein Jahrhundert erlebt zu haben ist schließlich noch immer eine Ausnahme. Vereine oder Gesellschaften würdigen den 100. Geburtstag mit Stolz, Freude und einem Traditionsfest. Doch manchmal wandelt sich der Freudentag in das Ende einer Ära.

Dies widerfährt derzeit der MGV-Chorgemeinschaft Hammelburg, die sich nach einer Mitgliederbefragung schweren Herzens auflöst und ihr Vereinsheim in der Alten Volksschule an die Stadt zurückgibt. Hundert Jahre Chorgesang, ungezählte Proben und Konzerte, Gastauftritte, Patenschaften aber auch Geselligkeit und gemeinsame Feiern verfallen in die Vergangenheit. Die Pandemie-Situation verhinderte zudem einen letzten, gemeinschaftlichen Abschluss.

Was war geschehen? Dem unseligen Virus alleine die Schuld zu geben wäre unrichtig. Doch Fakt ist, dass - coronabedingt - seit März 2020 keine Singstunde mehr stattfinden konnte. Auch sonstige, gemeinsame Treffen im Sängerheim und die Jahreshauptversammlungen konnten nicht mehr wahrgenommen werden. Damit entfielen die ohnehin knappen Einnahmen, während die festen Ausgaben weiterliefen, was die MGV Chorgemeinschaft an die Grenze des Machbaren führte. Nicht verhehlt sei die sinkende Zahl aktiver Sängerinnen und Sänger, die inzwischen keinen geregelten, sinnvollen Chorbetrieb mehr zulässt.

"Der Schritt fiel uns sehr schwer vor allem deshalb weil der Vorstand weiß, dass dieser Entschluss für viele von uns einen tiefen Einschnitt bedeutet. Wir sind uns auch bewusst, dass damit ein wichtiges Kapitel für das kulturelle Leben der Stadt, die uns großzügig unterstützte, abgeschlossen ist", betont Vorsitzender Klaus Wüstner. Für die Sängergruppe und den Sängerkreis immer ein vielbeachtetes Mitglied, etablierte sich die Chorgemeinschaft auch als Flaggschiff Hammelburgs im Sinne des Chorgesangs, das zahlreiche, feierliche Anlässe flankierte. Vorbei, das letzte Lied ist verhallt.

Man schrieb den 19. Februar 1921 als sich 16 Freunde des Gesangs auf Anregung von Hans Münster im Gasthaus Schnabel versammelten, in dem der "Männergesangverein Hammelburg" gegründet wurde. Eine Woche später fand bereits die erste Probe mit 26 Sängern statt und eine Vorstandschaft wurde gewählt. Schon bald fuhr der Gesangverein die ersten Ehrenpreise bei Sänger-Wettbewerben ein, so in Poppenroth, Aura, Reiterswiesen, Mainberg und Burkardroth, was vorrangig dem damaligen Chorleiter, Lehrer Bühl aus Westheim, zu verdanken war. Die Mitgliederzahl stieg von Jahr zu Jahr und zählte im Januar 1924 bereits 142 Sänger. Während des Zweiten Weltkriegs ruhte die Vereinsarbeit. Ab 1947 waren es wieder ewa 40 Sänger. Nach mündlicher Überlieferung fanden bis 1960 zahlreiche Gesangs-Veranstaltungen, Konzerte und "Bunte Abende" statt.

Seine Blütezeit erlebte der Männerchor Hammelburg unter Dirigent Hubertus Müller, der den Chor 1961 übernahm und 24 Jahre führte. In dieser Ära verfügte die Sängergemeinschaft über drei Abteilungen, den Männerchor mit rund 70 Sängern, den 1963 gegründeten Frauenchor mit 66 Stimmen und den 90-köpfigen Kinder- und Jugendchor. Insgesamt eine opulente Sangesmacht von 226 Stimmen. Der Jugendchor löste sich nach drei Jahrzehnten im Jahr 2000 auf. Elf Jahre später benannte sich der ehemalige Männergesangverein in Chorgemeinschaft Hammelburg e. V. um.

Die Abteilungen traten sowohl selbstständig, wie auch gemeinsam auf. Konzerte, Liederabend, die Mitwirkung bei benachbarten Chor-Veranstaltungen, das Singen bei kirchlichen Anlässen und Gedenkfeiern, bei kulturellen Veranstaltungen der Stadt und monatliches Singen in den Seniorenheimen und bei Jubiläen der Vereinsmitglieder füllten den Terminkalender der gern gehörten, heimischen Sängerinnen und Sängern.

Breitgefächertes Repertoire

Die fünf zurückliegenden Jahre beinhalteten in den wöchentlichen Chorproben das Einstudieren neuen Liedguts für Auftritte. Das breitgefächerte Repertoire umfasste klassische Stücke, Lieder, Opern- und Operettenteile, Volkslieder sowie geistlichen und fremdsprachlichen Gesang. Besonders verdiente Dirigenten wie Hubertus Müller und Wolf-Dieter Bogner ernannte der Verein zu Ehrenchorleitern. Vorsitzender Frieder Barth wurde 2008 für seine Verdienste um das kulturelle Leben mit dem Kulturehrenbrief des Landkreises gewürdigt.

Natürlich hofft die Sängergemeinschaft noch auf eine gemeinsame Abschiedsfeier - und damit verbunden die 100-Jahr-Feier - innerhalb der Liquidationsfrist von einem Jahr. Denn nur mit einer Träne im Knopfloch wollen die Getreuen nicht auseinandergehen. Ergibt sich eine Möglichkeit, informiert der Vorstand die Mitglieder über die Modalitäten.