Ja oder Nein zu einem behinderten Kind: Das ist eine Entscheidung, die niemand einer Mutter oder einem Vater wünscht. Birgit und Richard Kestler aus Arnstein mussten sie nicht treffen. Als ihr Kilian geboren wurde, dachten sie erst, es sei alles in Ordnung. Zwei oder drei Tage nach der Geburt luden die Ärzte die Eltern zum Gespräch ein. "Im ersten Moment war es ein Schock. Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen", erinnert sich die Mutter. "Dann dachte ich mir: Das schaffen wir schon."

23 Jahre später macht Kilian es sich auf dem Sessel im Wohnzimmer bequem. "Ich mag eigentlich alles", sagt er über seinen Musikgeschmack. Er hört viel Musik. Dann schaut er schräg hinüber zu seinem Vater, der auf der Couch sitzt. "Auch Rammstein, manchmal. Das mag der Papa nicht so." Der junge Mann wirkt freundlich und aufgeschlossen. Er arbeitet in der Werkstatt der Lebenshilfe in Hammelburg, liest gerne Kinderbücher, spielt mit Inbrunst den Nikolaus am 6. Dezember und schreibt Gedichte. Jeder Verwandte wird mit ein paar Zeilen bedacht.

Carmen Dorn erging es anders. Mit 35 Jahren erwartete sie ihr erstes Kind. Als Spätgebärende legte der Arzt ihr Untersuchungen nahe, mit denen Rückschlüsse auf die Gesundheit des ungeborenen Kindes gezogen werden können. Sie lehnte ab. "Meine Hebamme hat die Frage gestellt: Was macht man mit dem Wissen?", erzählt sie. Auch beim zweiten Kind hielt sie es so. Rosalie kam mit Down-Syndrom zur Welt. Vor wenigen Wochen wurde sie sechs Jahre alt.