Die jüngste Stadtratssitzung in Untererthal hatte laut Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) eine historische Dimension: "50 Jahre nach der Gebietsreform ist es heute das erste Mal, dass eine Stadtratssitzung in einem Stadtteil stattfindet." Weil in der Kernstadt eine große Halle für Sitzungen mit vielen Zuhörern fehlt, hatte der Bürgermeister die Beratung zur Zukunft des Bürgerspitals in die Erthalhalle verlegt. Rund 50 Zuhörer, darunter Mitglieder des Sanierungs- und des Seniorenbeirats, verfolgten die Sitzung. Am Ende sprach sich der Stadtrat - bei nur einer Gegenstimme - für eine Zusammenarbeit mit der Carl-von-Heß-Sozialstiftung aus.

Warmuth stellte in der Diskussion mehrfach klar, dass es zunächst nur um "den grundsätzlichen Weg" und eine "Absichtserklärung" gehe. "Wir dürfen uns nicht in Details verfranzen", kommentierte er deshalb auch Fragen zu Kosten und späteren Mietpreisen. Ihm sei wichtig gewesen, möglichst bald eine möglichst breite Öffentlichkeit mitzunehmen. "Es geht um den Einstieg in die Diskussion, wie eine Nachnutzung des Bürgerspitals aussehen könnte."

Im Frühjahr 2021 hatte der Stadtrat den Beschluss gefasst, die stationäre Pflege im Bürgerspital zu beenden, Ende Oktober 2021 zogen die letzten Bewohner aus. Seitdem steht das Gebäude in der Innenstadt weitgehend leer, lediglich das Corona-Testzentrum ist dort untergebracht.

Erster Ansprechpartner für die Stadt war von Anfang an die kreiseigene Carl-von-Heß-Stiftung. Wenige Stunden vor dem Stadtrat wurde das Thema im Stiftungsrat diskutiert. Warmuth berichtete, dass sich das Gremium einstimmig zur eine Zusammenarbeit mit der Stadt Hammelburg ausgesprochen hat. Nach der Sitzung seines Stiftungsrates stieß Vorstand Marco Schäfer zur Stadtratssitzung dazu. "Wir werden in nächster Zeit nicht in stationäre Pflege investieren, weil uns das Personal fehlt", stellte Schäfer unmissverständlich klar und verwies auf die vorübergehende Schließung des Seniorenhauses Euerdorf in dieser Woche.

Ohne große Eingriffe in die Bausubstanz

"Wir haben uns gefragt, was wir tun würden, wenn das Bürgerspital unser Eigentum wäre", erklärte Schäfer. Ergebnis der ersten Überlegungen: Das Erdgeschoss könnte laut Architekt Stefan Buttler mit geringem Aufwand für die Nutzung zur Tagespflege umgebaut werden, auch hier allerdings nicht im Eigenbetrieb. "Hammelburg ist bei der ambulanten Pflege gut aufgestellt", verwies Vorstand Schäfer auf den Pflegedienst Nolte als möglichen örtlichen Partner. In die beiden oberen Geschosse des ehemaligen Seniorenheimes könnte die Verwaltung der Carl-von-Heß-Sozialstiftung einziehen. Eine solche Nutzung sei ohne große Veränderungen der Bausubstanz möglich, weil lediglich die Vorgaben des Wohnungsbaus einzuhalten wären. Dagegen wäre ein Umbau zur Pflegeeinrichtung sehr aufwendig, verwies Architekt Buttler auf Untersuchungen, die er bereits 2016 und 2020 für die Stadt erarbeitet habe. Vor allem der Einbau von Nasszellen würde einen Umbau unrentabel machen, zudem gebe es in der engen Bebauung keine Möglichkeit, Balkone anzubauen oder Stellplätze zu schaffen.

Die Verwaltung der in Hammelburg gegründeten Heß-Stiftung ist aktuell zum Teil im ehemaligen Hausmeisterhaus am Hammelburger Krankenhaus und zum Teil in Münnerstadt untergebracht. "Im Bürgerspital könnten wir alles wieder in Hammelburg zusammenführen", sagte Schäfer. "Die Stiftung in Hammelburg zu halten, muss unser ureigenstes Interesse sein", sagte auch 3. Bürgermeister Christian Fenn (Junge Liste). Aus seiner Sicht ist der Einzug der Verwaltung der Sozialstiftung auch mit dem ursprünglichen Zweck der Bürgerspital-Stiftung vereinbar, denn: "Zur Altenpflege gehört auch eine Verwaltung." CBB-Stadtrat Reimar Glückler brachte sogar den früheren Vorschlag einer Zustiftung der Bürgerspital-Stiftung zur Carl-von-Heß-Sozialstiftung ins Spiel. "Wir stehen auch einer Zustiftung offen gegenüber", betonte Schäfer. Bislang sei allerdings mit einem Erbbaurecht mit einer Laufzeit von 33 Jahren für das Bürgerspital selbst geplant worden. Das Waisenhaus-Grundstück dagegen will die Stiftung komplett übernehmen, wenn eine Lösung für das Gebäude gefunden wird.

Eng verbunden mit dem Bürgerspital sind die Pläne der Carl-von-Heß-Sozialstiftung, betreutes Wohnen in der Innenstadt anzusiedeln. Im Umfeld des früheren Seniorenheims sieht Architekt Buttler wegen bereits bestehender oder bevorstehender Leerstände etliche Entwicklungsmöglichkeiten. Konkret stellte er im Stadtrat eine Wohnanlage auf dem Gelände des ehemaligen Waisenhauses und des dahinter liegenden Schafhofes vor. 46 Wohnungen in einer Größenordnung von 36 Quadratmetern Wohnfläche könnten dort entstehen. Vom denkmalgeschützen Vierseithof würden das Hoftor, ein Nebengebäude und die Scheune erhalten. Die Wohnhäuser dagegen müssten laut Buttler abgerissen werden. Durch einen Innenhof und Balkone entstehe dort ein hoher Wohnwert. Konkrete Miethöhen nannte der Planer auch auf Nachfrage nicht, die kleinen Wohnungen sollten jedoch bezahlbar bleiben. "Unser Ziel ist, dass sich das möglichst viele Menschen leisten können", versicherte Stiftungsvorstand Marco Schäfer. Das Stiftungskapital dürfe nicht belastet werden, aber die gemeinnützige Stiftung erwarte auch keine hohe Rendite.

"Wir werden keinen sozial gerechteren Partner finden", freute sich CSU-Fraktionssprecher Martin Wende über das Engagement der Carl-von-Heß-Sozialstiftung. Bürgermeister Armin Warmuth berichtete, dass sein Münnerstädter Amtskollege ihn ermuntert habe, mit der Stiftung zusammenzuarbeiten - "auch wenn er die Verwaltung sicher gerne nach Münnerstadt holen würde". Warmuth schloss auch aus, dass die Stadt Hammelburg selbst auf absehbare Zeit eine andere Lösung für das Bürgerspital finanzieren kann. Am Ende stimmt lediglich Stadtrat Thomas Reuter (Bürgerliste) gegen die Zusammenarbeit mit der Carl-von-Heß-Sozialstiftung .

Dazu schreibt Redakteur Ralf Ruppert:

Historische Chance

Auch wenn am Marktplatz gleich zwei Baukräne in den Himmel ragen und die Bahnhofstraße rausgeputzt wird, strotzt die Hammelburger Innenstadt nicht gerade vor Aufbruchsstimmung: In den Nebengassen gibt es etliche Leerstände, bei weiteren Gebäuden zeichnen sich tiefgreifende Einschnitte ab. Hammelburg muss aufpassen, dass die Kernstadt nicht von innen heraus ausgehöhlt wird.

Da kommt das Angebot der Carl-von-Heß-Sozialstiftung gerade zur rechten Zeit: Die Stiftung mit fast 500 Pflegeplätzen an sieben Standorten, hunderten Mitarbeitern und betreutem Wohnen ist der ideale Partner. Die aus dem Nachlass des Gutsbesitzers und Hoteliers Carl von Heß entstandene Stiftung arbeitet auch 150 Jahre nach der Gründung gemeinnützig und hat beste Referenzen im Bereich Pflege und betreutes Wohnen.

Die Pläne für die Hammelburger Innenstadt sind für beide Seiten ein Gewinn: Betreutes Wohnen ist ein Zukunftsmarkt. In einer alternden Gesellschaft steigt der Bedarf an kleinen Wohnungen für Senioren mit der Option einer ambulanten Pflege stetig. Die Carl-von-Heß-Sozialstiftung kann den Mietern zudem eine vollstationäre Pflege anbieten, wenn es irgendwann nicht mehr alleine in den eigenen vier Wänden klappt.

Umgekehrt sind die kleinteilig aufgebauten Wohnanlagen eine ideale Nutzung für Leerstände in der Innenstadt: Wenn es gelingt, die zum Teil vor sich hin gammelnden Häuser aufzukaufen und zusammen zu fassen, könnte eine Keimzelle für seniorengerechtes Wohnen in zentraler Lage entstehen, durch das die gesamte Altstadt belebt wird. Der Schafhof muss dabei kein Einzelfall bleiben, sondern könnte ähnliche Projekte nach sich ziehen. Aus meiner Sicht ist das eine Symbiose, die vermutlich auch Stifter Carl von Heß gefallen hätte.