In Unterfranken gab es im Jahr 1932 genau 109 jüdische Gemeinden. "Unterfranken hatte ja die größte Dichte an jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland", berichtet Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Interview mit dieser Zeitung. Er ist Mit-Initiator des Projektes "Denkort Aumühle", das an die Deportation der unterfränkischen Juden erinnern soll: 1795 Menschen mussten in den Jahren 1941 und 1942 am ehemaligen Güterbahnhof Aumühle in die Todeszüge steigen. Andere Transporte starteten am Hauptbahnhof oder in Kitzingen. Von 2068 direkt aus Unterfranken deportierten Juden überlebten nur 60 den Holocaust.
In der jüngsten Bürgermeister-Dienstbesprechung stellte die Würzburger Grünen-Stadträtin Benita Stolz das Projekt ausführlich vor: Architekt und Künstler Matthias Braun lieferte das Konzept für den Denkort. Der Impuls dafür kam durch ein altes Foto, das die Gepäckstücke der deportierten Juden auf dem Bahnsteig zeigt (siehe Foto oben). Auf einem "Erinnerungsband", einer Unterkonstruktion auf dem historischen Pflaster, sollen stilisierte Koffer, Rucksäcke oder Decken aus Stein, Metall oder anderen Materialen die historische Situation nachstellen: "Es soll eine ordentliche Unordnung darstellen", beschrieb es Benita Stolz.


"Trauriger Teil der Geschichte"

Die Detail-Gestaltung der Gepäckstücke soll den Kommunen mit jüdischer Vergangenheit überlassen werden. Dazu gebe es bereits Ideen, etwa dass die örtliche Berufsschule das Objekt fertigt. Und: Ein "Zwilling" des jeweiligen Kunstwerks soll in der Gemeinde bleiben. "Über diese Gepäckstücke werden die Gemeinde und das Denkmal miteinander in Beziehung gesetzt", heißt es in der Beschreibung. "Das kann im Rathaus sein, das kann im Freien sein, je nach den örtlichen Gegebenheiten", ergänzt Schuster.
"Angesichts der Zunahme rassistischer Anschläge ist das Thema sehr aktuell", betont Benita Stolz. Aufgerufen seien nicht nur die Kommunen mit jüdischer Tradition, demnächst würden alle unterfränkischen Gemeinden angeschrieben. Landrat Thomas Bold (CSU) würdigte das Projekt als "Erinnerung an einen traurigen Teil der Geschichte."
"Ich finde das sehr gut", sagt auch die Bad Brückenauer Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU). Sie habe das Thema bereits vor Ort besprochen: "Wir haben ja aktuell das Thema Stolpersteine", verweist sie auf ein P-Seminar des Bad Brückenauer Gymnasiums. Sie könne sich vorstellen, dass die Gemeinde auf beide Arten an die Geschichte der jüdischen Gemeinde erinnere: mit Stolpersteinen und einem Gepäckstück. Auch eine Gestaltung durch Schüler sei denkbar. "Bei uns würde sich Stein anbieten", hat Meyerdierks sogar bereits Vorstellungen zum Material. Voraussichtlich im Mai werde sich der Stadtrat mit beiden Themen befassen.


Bereits jetzt aktives Gedenken

"Das Thema ist offiziell noch nicht bei der Stadt Bad Kissingen gelandet", teilt der Bad Kissinger Rathaus-Sprecher Thomas Hack mit. Grundsätzlich sei die Stadt Bad Kissingen aber "in diesem Themenfeld ja sehr aktiv". Hack verweist etwa darauf, dass Stadt und Landkreis heuer die Jüdischen Kulturtage veranstalten, die "eine pluralistische Themenvielfalt um jüdische Kultur in Vergangenheit und Gegenwart bieten".
"Ich finde das ein tolles Projekt", betont auch Cornelia Mence, die sich als Heimatpflegerin schon seit vielen Jahren mit dem jüdischen Leben in der Region beschäftigt. In dieser Funktion arbeitet sie auch beim Arbeitskreis "Wir wollen uns erinnern" in Würzburg mit. "Der Denkort Aumühle ist Fortführung und Endpunkt des Gedenkens an die Deportation", verweist sie auf weitere Aktionen.


"Weg der Erinnerung"

Im Jahr 2011 gingen mehr als 3000 Menschen aus ganz Unterfranken den "Weg der Erinnerung" vom Platzschen Garten bis zum Bahnhof Aumühle. Viele hielten Schilder mit den Namen deportierter und ermorderter Juden in den Händen. "Damals liefen auch viele Menschen aus dem Landkreis mit", erinnert sich Cornelia Mence.
Das jetzt geplante Denkmal sieht Mence als "einmaliges Projekt", gerade weil sich so viele einbringen könnten. "Es gibt schon viele Gemeinden, die etwas gemacht haben, aber viele haben auch noch gar nichts gemacht: Für die ist das jetzt eine einmalige Chance", erhofft sich Mence einen Impuls auch für den Landkreis Bad Kissingen. Sie selbst helfe auch gerne, aber: "Die Beteiligung soll natürlich aus der Bevölkerung kommen." Weitere Infos zum Projekt gibt es am 26. September im jüdischen Kulturzentrum "Shalom Europa" in Würzburg.