Wird sie gebraucht, die Höchstspannungsleitung P43 von Dipperz nach Bergrheinfeld? Der Bund und der Übertragungsnetzbetreiber TenneT sagen "Ja", Politiker und Bürgerinitiativen aus der Region "Nein". Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hingegen glaubt, dass sich der Beschluss zum Bau der Leitung nicht mehr verhindern lässt. Das hat er nach Angaben des Bayerischen Rundfunks gegenüber Vertretern der betroffenen Regionen beim Gespräch im Landtag eingeräumt.

Gleichzeitig habe er bei dem Versuch die Hoffnung genährt, dass die P43 sich langfristig doch als unnötig herausstellt. "Es sei nicht ausgeschlossen, dass man in ein paar Jahren die Dinge anders sehe", wird Aiwanger vom BR indirekt zitiert. Seine Einschätzung basiert auf der Annahme, dass sich bis dahin mögliche Energieeinsparungen oder neue Wege, Strom zu importieren, ergeben könnten.

Der Bundestag soll noch 2020 darüber entscheiden, ob die Fulda-Main-Leitung in die aktuelle Fortschreibung des Bundesbedarfsplangesetzes eingearbeitet wird. Im Untersuchungsraum dafür liegen die Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, aber auch die Landkreise Schweinfurt und Main-Spessart. Varianten für die ein Kilometer breiten Trassenkorridore hat TenneT noch nicht vorgestellt.

Bad Kissingens Landrat Thomas Bold berichtete im Kreisausschuss vom aus seiner Sicht enttäuschenden Besuch in München. "Mehr war nicht zu erreichen", habe Aiwanger bei dem jüngsten Gespräch mit den Landräten gesagt. Das Thema sei in Berlin bereits entschieden worden, so der Minister weiter. Die Landräte seien verärgert darüber, dass vom Freistaat aus offenbar keine Initiative mehr ausgehen wird, noch einmal über den Bau der P43 zu diskutieren, sagte Bold im Ausschuss.

Genervt zeigte er sich davon, dass man sich in Berlin und München offenbar gegenseitig den Schwarzen Peter zuschiebe. In München heiße es, Minister Aiwanger könne nichts am Bundesbedarfsplangesetz ändern, so Bold. In Berlin höre man aber, dass Aiwanger der P43 ja nun mal zugestimmt habe. "Da kann sich jetzt jeder denken, was er will", sagte Bold.

Die Landräte haben in München eingefordert, dass die Alternativen, also die P43 mod von Dipperz nach Urberach bei Frankfurt, weiter geprüft werden, sagte Bold. "Wir haben auch deutlich gemacht, dass wir uns notfalls mit juristischen Mitteln wehren werden." Sich auf die Entscheidungsträger in Berlin und München zu verlassen, sei offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt.

"Wir müssen unseren Standpunkt selbst vertreten", so der Landrat mit Blick auf das bundesweit agierende Hamelner Bündnis, dem die von der Stromtrasse betroffenen Landkreise und auch etliche Kommunen angehören. Dort wird das Genehmigungsverfahren für den Südlink und jetzt die P43 kritisch begleitet.

Auch Roland Limpert (PWG) fand den von Bold dargestellten Sachverhalt "sehr irritierend". Man habe das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Er ermunterte dazu, gemeinsam am Ball zu bleiben.

Stellvertretender Landrat Gotthard Schlereth (Freie Wähler) warnte davor, "zum Spielball der Großen" zu werden. Seine Devise: Man muss in der Diskussion die hiesige Region als "Naturraum" in die Waagschale werfen, denn schließlich gibt es diesbezüglich hier etliche Schutzprojekte, allen voran das bedeutende Biosphärenreservat Rhön.

Auf die Aussagen Aiwangers hat auch die Bürgerinitiative "Der Gegenstrom" aus Elfershausen in einer Pressemitteilung reagiert. Deren Vorsitzender Markus Stockmann: "Hubert Aiwanger braucht nichts zu beschönigen; er hat schlecht mit seinen Amtskollegen aus Bund und den Nachbarländern verhandelt. Der Minister hat damit einen guten Kompromiss aus 2015 kaputt gemacht."

Hubert Aiwanger weist derartige Vorwürfe zurück. Es habe schon 2015 im Bund ausdrückliche Beschlüsse für die Trasse gegeben, sagte er dem Bayerischen Rundfunk.

Die Aussagen des Ministers, dass es noch Jahre dauere, bis gebaut werde und es noch genug Beteiligungsmöglichkeiten gebe, hält Markus Stockmann für Augenwischerei. "Ist das Netzvorhaben erstmal mehrfach bestätigt worden, wird keiner der Nutznießer mehr an eine Streichung des Projektes denken."

Die Prüfung von Alternativen hätten Initiativen immer wieder vorgeschlagen. Es gelte, endlich die Stromnetzte zu optimieren und dies auf allen Spannungsebenen. Parallel müssten die Power-to-X-Technologie, wie zum Beispiel Power-to-Gas, gefördert und ausgebaut werden.

Stockmann fordert den erneuten gemeinsamen Einsatz von Landkreisen, Kommunen, Bürgerinitiativen und Bewohnern aus der Rhön, um vor allem die Schutzwürdigkeit des Biosphärenreservates zu wahren. "Denn 'Unser Land der offenen Fernen' ist wieder in Gefahr."

Für den 25. Oktober rufen die Rhöner Bürgerinitiativen in ihren jeweiligen Gemeinden zu einer Protestaktion auf. In Bad Brückenau, Schondra und Elfershausen werde es unter Rücksicht auf die Corona-Bestimmungen kleine Kundgebungen zum Thema Ausbau des Stromnetzes geben. "Die Veranstaltungen am Boden werden durch eine Aktion am Rhöner Himmel unterstützt", so Stockmann.

Unterdessen hält sich TenneT bedeckt, wann die öffentlichen Info-Märkte gestartet werden, auf denen die Trassenkorridore vorgestellt werden sollen. Pressesprecherin Ulrike Hörchens schreibt auf Anfrage: "Die nächsten Veranstaltungen planen wir voraussichtlich für das letzte Quartal diesen Jahres. Zeitpunkte und Veranstaltungsformen hängen dabei von der Entwicklung der Covid-19-Situation ab. Sobald wie möglich werden wir unsere Ansprechpartner in den Regionen sowie die breite Öffentlichkeit und auch die Presse darüber informieren." Isolde Krapf/Steffen Standke