Am anderen Ende der Leitung herrscht plötzlich Stille, dann ist nur noch ein Schluchzen zu hören. Rabina M. weiß nicht mehr weiter. Die Verzweiflung der jungen Frau ist durch den Telefonhörer trotz der räumlichen Distanz nahezu greifbar. Rabina ist aus Afghanistan. Dem Land, das die Taliban in den vergangenen Tagen nach dem Abzug der internationalen Truppen überfallartig zurückerobert haben.

Rabina selbst lebt seit 2015 in Deutschland. Bis vor Kurzem wohnte die 34-Jährige in Nüdlingen im Landkreis Bad Kissingen. Aber ihre Familie lebt zum Teil noch in Afghanistan. Ein Neffe, zwei Tanten und zwei Onkel. "Ich habe gestern mit meiner Familie telefoniert", erzählt Rabina. Nachts habe sie kein Auge zu getan. "Alle sind zuhause. Sie dürfen nicht nach draußen", berichtet sie.

Taliban rückten in Afghanistan schneller vor als gedacht

Wie es in den nächsten Tagen für Rabinas Familie weitergeht, weiß niemand. Die Menschen in Afghanistan hätten erwartet, dass so etwas passieren würde und die Taliban das Land zurückerobern. "Das war geplant", sagt sie. Überrascht worden seien die Menschen vor Ort aber von der Schnelligkeit, mit der die Taliban Meter um Meter, Stadt um Stadt vorrückten.

Rabina erzählt, dass ihr Neffe in Kabul lebt. Er habe in der Türkei studiert und jetzt an der Universität in seinem Heimatland arbeiten wollen. "Die Menschen haben gedacht, dass es jedes Jahr besser wird. Dass sie in ihrer Heimat alles neu machen können", sagt sie mit Blick auf die vergangenen Jahre.

Rabina meint junge Leute wie ihren Neffen, die in der Heimat etwas bewegen wollten, für sich und die Menschen vor Ort. Jetzt sitzt ihr Neffe, wie viele andere Afghanen, fest, in seiner Wohnung in Kabul.

Flucht über die Grenze zum Iran nicht möglich

Kein Entkommen auch an den Grenzen zu den Nachbarländern. "Viele Menschen wollen in den Iran", berichtet Rabina. "Aber die Grenze ist zu, und Pakistan ist mit den Taliban. Es ist eine wirklich schlimme Zeit."

Zum zweiten Mal fällt das Land am Hindukusch in die Hände der Taliban. Als die Terroristen das erste Mal kamen, flohen Rabinas Eltern mit ihrer damals dreijährigen Tochter in den Iran, wie die junge Frau erzählt.

Für Frauen sei es in Afghanistan sowieso schon schwer, die Herrschaft der Taliban aber sei eine Katastrophe. "Es ist besser, tot zu sein", sagt Rabina. Mädchen dürften die Schule nur bis zur achten Klasse besuchen. In den Schulen werde zudem streng nach Mädchen und Jungen getrennt. Kopftuch sei Pflicht, auch schon für Mädchen ab sechs Jahren, berichtet Rabina. Zudem müsse das Gesicht verhüllt werden.

Hilfe für die Menschen in Afghanistan von der Politik gefordert

Was die junge Afghanin angesichts der Lage in ihrer Heimat am meisten verzweifeln lässt, ist die eigene Hilflosigkeit. "Ich weiß nicht, was ich sagen oder machen soll. Ich kann nichts machen, ich kann nicht helfen. Ich kann nur gucken, hören und weinen."

Sie wünscht sich, dass die Politik nicht einfach wegsieht. Wenn keiner etwas unternehme, wären die Menschen vor Ort am Ende. "Die afghanischen Leute sind auch nur Menschen. Viele Kinder, viele Frauen. Die Politik darf nicht ruhig sein, darf nicht die Augen zumachen."