Um die 20 Personen sitzen dicht an dicht im Vereinslokal. Jeder hat ein Getränk vor sich stehen, der eine Bier, der andere Wasser. Es werden Reden gehalten, dann Urkunden überreicht, alle klatschen und gratulieren. Deutsche Vereinsgeselligkeit. Der TSV Bad Kissingen ehrt Sportler, die dieses Jahr ein Sportabzeichen in Gold, Silber oder Bronze erworben haben. Mohamed Alkasem ist einer von ihnen. Für ihn ist es ein besonderer Tag.

Der 26-jährige Syrer ist vor mehr als einem Jahr über die Balkanroute nach Deutschland gekommen und mittlerweile als Flüchtling anerkannt. Über die Unterkunft in der er untergebracht ist, hat er Norbert Paulus kennengelernt. "Mit ihm bin ich jeden Montag zum Sportplatz gefahren", sagt Alkasem. Zum freien Training für das Sportabzeichen. Ein bronzenes ist es am Ende geworden, für gute Leistungen im Weitsprung, Schwimmen und 3000-Meter-Lauf. Alkasem nippt nervös an seiner Apfelschorle und lächelt, als er die Urkunde entgegennimmt. Das Training, erzählt er, war für ihn sehr interessant, nicht nur weil er Sport machen kann, sondern weil er mit den Leuten ins Gespräch kommt. "Ich habe neue Freunde kennengelernt", sagt der junge Syrer stolz.


Sprache lernen beim Sport

Norbert Paulus engagiert sich als Deutschlehrer beim Helferkreis für Flüchtlinge in Reiterswiesen. "Er ist wissbegierig und fragt viel nach", beschreibt er Alkasem. Sportlich habe er ein paar Anläufe gebraucht, bis er die geforderte Zeit auf die 3000 Meter Distanz gepackt hatte. Paulus findet es aber nicht nur aus sportlicher Sicht gut, dass der Syrer sich unter die Leute mischt. "Es hilft, weil man gezwungen ist, deutsch zu sprechen", findet er.

Der Tag war für Alkasem nicht nur wegen der Ehrung etwas besonderes. Am Morgen wechselte er im bfz (Berufliche Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft) Bad Kissingen die Seiten, vom Schüler zum Seminarleiter. Das bfz bietet als Bildungsträger unter anderem für Jobcenter und Arbeitsagentur Kurse für Geflüchtete an. Alkasem war seit März in einem Kurs untergebracht, hatte Sprachunterricht, absolvierte Praktikas. Wegen seiner guten Leistungen hat ihm der Bad Kissinger bfz-Leiter Peter-Wolfgang Großmann eine vom Jobcenter unterstützte Stelle angeboten. "Er konnte kein einziges Wort Deutsch vorher, jetzt kann er sich problemlos unterhalten", ist er vom schnellen Lernfortschritt Alkasems begeistert. Dass er als Muttersprachler arabisch beherrscht und einen Fluchthintergrund hat, sei ein Vorteil für den Bildungsträger. "Wir brauchen solche Leute, um eine bessere Betreuung anzubieten", sagt Großmann. Sie hätten einen direkten Zugang zu anderen Flüchtlingen, außerdem dienten sie als Vorbild.


Deutsch lernen auf Youtube

Alkasem ist ein Positivbeispiel in Sachen Integration. Er hat einen akademischen Bildungshintergrund. Vor seiner Flucht hat er fünf Jahre Bauingenieurswesen an der Universität in Aleppo studiert und ein Jahr in seinem Beruf gearbeitet. In Deutschland will er ebenfalls arbeiten, täglich hat er deshalb acht Stunden Deutsch gelernt und sich zusätzlich in seiner Freizeit arabisch-deutsch Sprachkurse auf Youtube angeschaut. "Ohne Fleiß kein Preis", sagt Alkasem. Das Sprichwort gefällt ihm.


Hoher Anteil an Syrern

Alkasem steht für einen großen Teil der Menschen, deren Flucht vor Krieg und Zerstörung in den vergangenen Jahren in der Rhön geendet hat. Rund jeder achte Ausländer im Landkreis Bad Kissingen hat die syrische Staatsangehörigkeit. Vermutlich wird aber nur einem kleinen Teil die Integration so leicht fallen, wie dem Mann aus der Nähe von Aleppo. "Manche Flüchtlinge haben hohe Bildungsniveaus, manche sind Analphabeten. Auch bei den Syrern gibt es Defizite", sagt Stefan Seufert, Asylkoordinator am Landratsamt. Je nach individuellen Fähigkeiten gehe es schneller oder dauere es länger, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Wenn es gelingt. Oft werde die Erfahrung gemacht, dass Flüchtlinge praktisch gut für einen Beruf qualifiziert sind, aber schulische Probleme haben.

Mit der Integration der Menschen beginne jetzt die eigentliche Herausforderung. "Wir versuchen, alle Flüchtlinge in Bildungsmaßnahmen reinzubekommen", berichtet Seufert. Falls noch nicht geschehen. Die Beschulung richtet sich nach Altersgruppen. Für Erwachsene sind nach der Anerkennung Integrations- und Sprachkurse Pflicht. Jugendliche werden in zehn Integrationsklassen an der Berufsschule auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Schulpflichtige Kinder sind in entsprechenden Einrichtungen untergebracht. "Die Kinder haben keine Probleme sich zu integrieren. In den Schulen wird hervorragende Arbeit geleistet", sagt Stefan Seufert.