Also, das muss man schon mal sagen: Zum ersten Mal seit 1999 wäre der Auftakt zum Kissinger Winterzauber ziemlich versaut gewesen. Da näherte man sich einigermaßen wohlgelaunt dem Regentenbau, um sich vom Jugendmusikkorps (JMK) der Stadt in das "Festival zur 4. Jahreszeit" geleiten zu lassen. Und dann das: Plötzlich war das, was man bisher nur von hässlichen Bildern aus Dresden oder Schneeberg kannte, vor der eigenen Haustüre angekommen. Da zog eine Gruppe von Demonstrierenden vor dem Regentenbau in Richtung Ludwigsbrücke vorbei, deren Anführer irgendetwas brüllten. Vermutlich ging es um Corona, aber die skandierten Texte waren unverständlich bis auf einen Begriff: Freiheit. Ausgerechnet Freiheit! Die kann man öffentlich nur fordern, wenn man sie wie in Deutschland hat. Man ließ die Querdenker-Karawane passieren und betrat den Regentenbau - mit deutlich gesunkener Stimmung.

Aber dann passierte etwas, was die Demonstranten zutiefst enttäuscht hätte, wenn sie es erfahren hätten: Nach nur wenigen Takten des Orchesters waren sie so was von vergessen, wie sie es sich nie hätten träumen lassen. Denn der Auftakt mit dem Konzertmarsch "Arsenal" von Jan van der Roost setzte ein absolutes Ausrufezeichen. Man wäre ja zu Abstrichen in seinen Erwartungen bereit gewesen. Denn immerhin war das Konzert der erste öffentliche Auftritt im Max-Littmann-Saal seit gut eineinhalb Jahren. Umso erstaunlicher war es, wie gut das Orchester diese lange Durststrecke überstanden hat, in die auch noch ein Dirigentenwechsel fiel: Für Bernd Hammer übernahm Matthias Zull die Leitung. Deshalb war es so überraschend, mit welcher Präzision die jungen Leute musizierten - offenbar hatte die lange Durststrecke die Bereitschaft erhöht, genau aufeinander zu hören, sich der Nachbarn zu versichern. Aber es war nicht nur die Konturenschärfe - es war ein durchaus kraftvolles, aber nicht aggressives, sondern vergnügtes Musizieren, ein souveränes Spiel mit der Dynamik, das viele Differenzierungsmöglichkeiten eröffnete, und mit rhythmischen Übergängen. Man gewann den Eindruck, dass jeder Einzelne, immer genau Bescheid wusste über seine Funktion im Gesamtgefüge und dadurch auch vorausschauend spielen konnte.

Bunte Mischung aus Film- und Musicalmelodien

Ein bestimmtes und damit letztlich auch einengendes Thema hatte Matthias Zull nicht ausgesucht, sondern eine bunte Mischung aus Film- und Musicalmelodien, in denen das JMK seine Stärken bestens ausspielen konnte. Wie etwa in "Oregon" von Jacob de Haan, in dem man, so Zull, sehr gut hören könne, wann der Zug von Banditen überfallen wird, und wann die Kavallerie um die Ecke fegt. Aber das war so lebhaft musiziert, dass man plötzlich überall Banditen und Kavallerien hörte und das Verorten aufgab, um sich einfach nur dem genüsslichen Hören zu widmen. Natürlich durfte ein absoluter Evergreen, Leonard Cohens "Hallelujah" in der Version für Blasorchester, nicht fehlen, in dem das tiefe Blech ein ruhiges Einschwingen eröffnete und die Basis lieferte für viele schöne Klangfarbschichten. Und es gab ein Kuriosum: "La storia", eine Filmmusik von Jacob de Haan, zu er es noch gar keinen Film gibt. Matthias Zulls Aufforderung, sich selbst ein Drehbuch dazu zu denken, gab man schnell auf. Es war schöner, einfach nur zuzuhören.

Keine Filmmusik war die Polka "Der böhmische Traum" von Norbert Gälle, höchst elastisch musiziert, aber eben auch rhythmisch so pointiert, dass das Publikum immer heftiger mitklatschte. Das Stück war, wie Matthias Zull betonte, eine Premiere: "Drei Generationen in der Trompete": der Frank (Brixel), der als ehemaliger JMKler seit vielen Jahren Trompete an der Musikschule unterrichtet, der Robin, der wegen Krankheit aushilft, und der Felix, der an dem Abend seinen allerersten öffentlichen Auftritt hatte.

Ungetrübter Genuss

Als ein buntes Potpourri erwies sich die Abteilung Musical mit Nummern aus dem "König der Löwen" mit seinen wunderschönen Soli, bei denen plötzlich auffiel, dass Hans Zimmer bei seiner Komposition ein bisschen bei Leonard Bernstein und seinem "I Like to Be in America" abgekupfert (oder zitiert) hat. Oder "Pirates oft he Caribbean" mit seinen rhythmisch höchst raffiniert strukturierten Wellenmetaphern, Oder Peter Maffays "Ich wollte nie erwachsen sein" aus seinem "Tabaluga"-Musical. Und natürlich "Mamma mia" von ABBA, immer wieder gerne gehört. Aber bei so manchem Werk zeigt sich der Nachteil der so klaren und entlarvenden Spielweise. Da konnte man plötzlich hören, dass manche Komponisten ein bisschen mehr hätten bieten können. Den Genuss konnte das nicht trüben.

Vergnügliche Interpretation

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das JMK trotz der Corona-Behinderungen und Pausen seine Entwicklung im sinfonischen Bereich bruchlos weitergetrieben hat, dass zum einen die Expressivität weiter gewachsen ist, weil die Klanggestaltung noch souveräner geworden ist. Eine platte Schmissigkeit, an der sich Blaskapellen gerne entlanghangeln, hat dieses Orchester schon lange nicht mehr nötig - auch nicht in der originalen Marschmusik wie beim traditionellen Hoch- und Deutschmeistermarsch, der in seiner vergnüglichen Interpretation natürlich zum Mitklatschen, aber sicher nicht mehr zum Abmarschieren in den Krieg motiviert.

Perkussionisten schufen ein fabelhaftes, zuverlässiges Fundament

Man sollte aus so einem homogenen Team nicht Einzelne herausheben. Aber die Perkussionisten des JMK, deren Einsatz gerne als selbstverständlich erachtet wird, weil sie ja nicht Musik, sondern nur Geräusche machen, sollte man schon mal erwähnen. Es war höchst eindrucksvoll, mit welcher Konzentration und Genauigkeit die jungen Leute die mitunter höchst komplizierten und unbequemen Rhythmen mit einem guten Gespür für die erforderliche Lautstärke gestalteten und ihren Bläserkollegen ein fabelhaftes, zuverlässiges Fundament schufen. Mit einem der größten Weihnachtsohrwürmer, "Feliz Navidad", schickten Matthias Zull und seine Truppe die Besucher wieder in die dunkle Nacht. Ganz weit weg mischen sich in diese Klänge noch einmal die Rufe der Demonstranten - aber auch nur ganz kurz.