Auf den ersten Blick - und das wäre schon bedeutsam genug - war es der Abschluss des 10. Rhöner Orgelsommers, der in diesem Jahr corona-bedingt vom Umgang her reduziert werden musste. Regionalkantor Peter Rottmann und die Sopranistin Yvonne Düring hatten zu einem Konzert in die Wallfahrtskirche Mariae Heimsuchung (oder auch Mariae, Trösterin der Betrübten) auf dem Findelberg bei Saal a. d. Saale geladen. Aber tatsächlich war es viel mehr: Es war die Feier der Auferstehung der wunderschönen Orgel in der Kirche, die nach einer Sanierung zum ersten Mal in ihrer ganzen Pracht zu hören war.

Ein wahrer Orgelkrimi

Die Geschichte dieses Instruments fühlt sich an wie ein wahrer Orgelkrimi mit fast tödlichem Ausgang. Bis vor kurzem galt das Instrument als ein Bau des Ostheimer Orgelbauers Eduard Hofmann von 1913. Aber als es jetzt bis in seine Einzelteile zerlegt wurde, stellte sich heraus, dass Hofmann bereits ein Instrument vorgefunden hat, das der ebenfalls in Ostheim ansässige Johann Georg Markert 1891 gebaut hat. Es ist im Kern erhalten geblieben, wurde aber von Hofmann im Sinne einer romantischen Intonation etwas umgebaut und erweitert. Das ist nun 108 Jahre her, und seitdem ist nichts Wesentliches an dem Instrument gemacht worden. Der Blasebalg wurde löchrig, die Ledermembranen verhärteten, Pfeifen wurden verbogen oder sanken in den Gestellen ein - oder verschwanden ganz. Und wie lange ein toter Vogel seine letzte Ruhe in dem Orgelgehäuse verbracht hat, konnte niemand sagen. Über die ganzen Jahre konnte sich der Holzwurm ungestört gütlich tun.

Man kann verstehen, dass Peter Rottmanns Leiden nicht nur als Organist, sondern vor allem als Orgelsachverständiger immer stärker wurden, seit er vor 20 Jahren zum ersten Mal die Orgel in Augenschein nahm - damals produzierte sie noch Töne, aber das Ende zeichnete sich ab. Er erstellte Dokumentationen, zog damit durch die Instanzen, wies auf die Bedeutung der Kirche und ihrer Orgel für die Region hin, meistens begleitet von freundlichem Desinteresse. Aber irgendwann müssen seine Penetranz und seine Argumente obsiegt haben. Denn vor gut einem Jahr fasste die örtliche Kirchenverwaltung den durchaus mutigen Entschluss, die Sanierung in Angriff zu nehmen. Sparen wir uns Fragen der mühsamen Finanzierung der letztendlich 120 000 Euro teuren Maßnahme, die gesichert zu sein scheint. Die Restaurierung scheint für die Nachfolgefirma Hoffmann & Schindler so etwas wie Ehrensache zu sein. Und so musste der gefräßige Holzwurm fluchtartig weiterziehen, sonst wäre die wertvolle Orgel in absehbarer Zeit unwiderruflich in die Knie gegangen. So harmoniert sie jetzt wieder optisch und klanglich mit dem wunderbaren Kirchenraum im Empire-Stil mit seiner angenehm verschlankten Barockausstattung. Und die Freude war nicht nur bei Peter Rottmann zu spüren, sondern auch bei den überraschend zahlreichen Besuchern.

Gespannt auf den ersten Akkord

Denn alle - wann hat man das schon? - waren gespannt auf den allerersten Akkord. Aber überraschenderweise hatte Peter Rottmann an den Anfang des Programms nicht eine Toccata gestellt, wie das der alte Johann Sebastian Bach bei seinen Orgelprüfungen zu tun pflegte. Da zeigte sich, was die neuen Orgeln konnten, da rannte er die Harmonieleitern rauf und runter, da haute er die härtesten Rhythmen raus, da zeigte sich auch, ob der Blasebalg und die Kalkanten - das waren junge Burschen oder der Mesner, die den Blasebalg bedienten - genügend Luft hatten. Sondern Peter Rottmann spielte das relativ ruhige Präludium G-Dur von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das war schon deshalb keine schlechte Idee, weil man sofort erkennen konnte, in welche Klangrichtung die Orgel künftig gehen wird: in die eines farbigen, warmen romantischen Tons. Und Peter Rottmann machte sehr deutlich, dass auch ein sangliches, ein bisschen tänzerisches Legato kein Widerspruch zu klaren Strukturierungen sein muss. Ansonsten konnte natürlich in einem Konzert an Mariae Himmelfahrt nur ein Thema das Programm beherrschen: das "Ave Maria", das Grundgebet der katholischen Kirche. So tauchte der Titel insgesamt sechsmal im Original und einmal in Abwandlung auf dem elf Werke umfassenden Programm auf. Denn das "Gebet der Desdemona" aus Giuseppe Verdis Oper "Otello", hier natürlich in Bearbeitung für Orgel und Stimme, ist auch nichts anderes. Siebenmal "Ave", siebenmal derselbe Text, das klingt nach Ermüdung. Aber genau das war es gerade nicht, weil jeder der Komponisten, die eine Zeitspanne von rund 170 Jahren abdeckten, stilistisch anders war und diese Eigenheiten sich auch im Spiel und in der Registrierung der Orgel spiegeln mussten.

Die Sopranistin Yvonne Düring mit ihrem erstaunlichen Tonumfang erwies sich einmalmehr als ideale "Orgelsängerin", nicht nur, weil sie ebenso blitzsauber intoniert und sich auch mühelos gegen stärkere Registermelangen durchsetzen kann, sondern auch, weil sie - man kann es nicht anders sagen - das Windladenprinzip der Orgel für ihre Stimme nutzbar gemacht hat. Sie kann bruchlos auch zu langen Crescendi ansetzen und lange Linien gestalten. Das kam den Kompositionen von Luigi Cherubini, Charles Gounod (obwohl der eigentlich nur Bach bearbeitet hat), Marco Enrico Bossi (überraschend farbenreich) und César Franck zugute.

Drei "Aves" fielen ein bisschen aus dem Rahmen des Üblichen: das "Ave" des Leningrader Gitarristen, Lautenisten und Komponisten Vladimir Vavilov (1925 - 1973), ein Werk mit reizvollen Klangfarben und kraftvoller Innigkeit. Dann das "Gebet der Desdemona", das seine Herkunft von der Oper mit einer starken Klangregie nicht verleugnen kann. Und es war schön, wie Stimme und Orgel die starken Stimmungsschwankungen bis zur Verzweiflung in Klänge fassten. Und schließlich, fast ein Kuriosum, ein "Ave Maria" von Astor Piazzolla. Da hätte man sich Yvonne Düring streckenweise ein bisschen leiser gewünscht, um besser hören zu können, wie der Altmeister des Tangos mit der introvertierten Version der Emotionen umgeht. Denn Peter Rottmann hatte eine sehr diskrete Registrierung gewählt.

Natürlich gab es auch reine Instrumentalsätze, die klangliche Aspekte besonders beleuchteten: dass die Orgel zwitschern kann wie ein aufgeschreckter Vogelschwarm, wenn man den Schlusssatz aus dem Flötenkonzert F-Dur des Thüringer "Barock-Romantikers" Christian Heinrich Rinck spielt. Oder dass die Orgel enorm viel repräsentative Kraft erzeugen kann in den Einzugsmusiken von Bossi und Jacques Louis Battmann, ohne ins Pathos zu rutschen.

Zugabe im Abendrot

Als Zugabe hatten Yvonne Düring und Peter Rottmann Franz Schuberts "Im Abendrot" vorbereitet. Das passte ausgezeichnet, denn als der letzte Ton verklungen war und sich die Türflügel öffneten, schienen die letzten Sonnenstrahlen durch die Kirche. Für die Fachleute der Orgelbaufirma war das Konzert die beste Gelegenheit, ihr Instrument unter realistischen Konzertbedingungen zu erleben. Sie werden noch an der einen oder anderen Schraube drehen und die Orgel für die nächste Ewigkeit fertig machen.

Das wunderschöne Ensemble rund um die Wallfahrtskirche auf dem Findelberg ist damit wieder komplett.