Gerd Schmitts Fahrschülerin hat ihren Führerschein schon vor 55 Jahren gemacht. Trotzdem sitzt der Fahrlehrer an diesem Vormittag neben ihr. Auf dem Beifahrersitz ihres Autos. "Achtung, hier ist verkehrsberuhigter Bereich", sagt er in ihre Richtung und guckt auf die Straße. "Schrittgeschwindigkeit." Ertappt. Für genau solche Tipps macht die 74-Jährige die sogenannte "Fahrsicherheitsstunde" der Kreisverkehrswacht Bad Kissingen.
Die will, dass die Senioren aus dem Landkreis möglichst lange mobil sind. Und das sicher - für sich und andere.

Nachts fährt sie nicht mehr so gern, erzählt Anne-Lore Roeser. Ansonsten ist sie überall unterwegs: in der Stadt, auf der Landstraße und der Autobahn. 6000 Kilometer fährt sie im Jahr. Ihr Auto braucht sie jeden Tag. Sie hat sich für die Fahrstunde angemeldet, um sich selbst zu kontrollieren. "Ich will meine Defizite aufspüren", sagt die 74-Jährige. "Die Leute wollen eine Bestätigung", meint Gerd Schmitt. Attestiert der Lehrer, dass sie noch fahrtüchtig sind, schafft das mehr Selbstvertrauen. Schließlich soll der Kurs auch Menschen ansprechen, die nicht so oft hinter dem Steuer sitzen und eine Auffrischung nötig haben. "Der Verkehr und die Autos sind heute ganz anders als noch vor 50 Jahren", sagt Edgar Kast von der Kreisverkehrswacht. Er hat die Fahrstunden für Senioren initiiert. Fast 20 Damen und Herren waren mit einem Fahrlehrer schon unterwegs. Der älteste Fahrschüler war 92, der jüngste 59.

"Viele haben Angst, dass es peinlich werden könnte, oder dass man ihnen etwas wegnehmen will", sagt Gerd Schmitt. Vielmehr will der Fahrlehrer ihnen Tipps geben. Er erklärt, woran man sich orientieren kann, wenn das räumliche Sehen im Alter zum Problem wird. "Gewisse Dinge kann man ausgleichen", meint er. Zum Beispiel mit einer Einparkhilfe, die per Piep in die Lücke hilft. Was aber, wenn er während der Fahrstunde merkt, dass sein Schüler reichlich unsicher unterwegs ist? "Ich würde ihm den Rat geben, genau darüber nachzudenken, ob er seinen Führerschein vielleicht nicht doch abgeben will", sagt Gerd Schmitt.

Im Landkreis haben in diesem Jahr zwei Menschen ihren Führerschein freiwillig abgegeben. Beide waren um die 80 und dement. Im Jahr zuvor haben die Zulassungsstellen drei Führerscheine zurück genommen. Die Besitzer waren von 79 bis 88 Jahre alt und entweder dement oder aufgrund ihres Alters anders eingeschränkt. Dass es nicht mehr sind, wundert wenig.


Selbstständigkeit bewahren

"Ohne Führerschein ist man nur ein halber Mensch", sagt Lothar Manger von der Polizeiinspektion Bad Kissingen. Besonders auf dem Land bleibt die Sorge, die Unabhängigkeit zu verlieren. Der Polizeihauptkommissar hält die Kontroll-Fahrstunde der Kreisverkehrswacht für sinnvoll. Selbst wenn sie Menschen anspricht, die sich ohnehin kritisch mit ihrer Fahrtauglichkeit auseinandersetzten: "Es nimmt anderen die Angst davor und es ist kein Tabuthema mehr."

Anne-Lore Roeser will solange fahren wie es geht. Von ihren Bekannten wurde sie belächelt, als sie ihnen von der bevorstehenden Fahrstunde erzählt hatte. Ihr ist das egal. Ölstand messen, Reifendruck checken, Spritzwasser nachfüllen - sie will selbstständig bleiben. Damit sie nicht aus der Übung kommt, sucht sie sich regelmäßig Strecken, die sie fordern: "Ich fahre extra durch die Theresienstraße, weil es da besonders eng ist", sagt sie und lacht. Richtig so, meint Gerd Schmitt. "Wenn man Dingen ausweicht, ist das das erste Anzeichen dafür, dass man sich mal wieder kontrollieren sollte."

Unfälle passieren bei der Altersgruppe ab 65 Jahren am häufigsten wegen Vorfahrtsverletzungen und Fehlern beim Abbiegen und Einfahren. Laut Statistik gilt das für alle anderen Altersklassen im Landkreis aber genauso. Beim Rückwärts einparken braucht Anne-Lore Roeser zwei Anläufe. Auch das ist ihr egal. "Mich darf keiner hetzen. Es dauert vielleicht ein bisschen länger", meint sie, dafür steht sie dann "besonders ordentlich" in der Lücke.