Jetzt also noch Trifonov. Daniil mit zwei i. Der 24-Jährige aus Nishni-Nowgorod, dem Berlin und München seit seinem Deutschlanddebüt 2013 zu Füßen liegen, hatte dem Kissinger Sommer noch gefehlt in der Phalanx der jungen Klavierstars. "Ein Pianist für den Rest unseres Lebens", schrieb vor zwei Jahren der englische Kritiker Norman Lebrecht. Superlativiger geht's nicht mehr.
Da musste man ja neugierig werden, aber auch ein bisschen skeptisch angesichts des Hypes um den jungen Mann.
In den Großen Saal war er gekommen, um mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters (auch mit zwei i) aus St. Petersburg unter der Leitung seines Generalmusikdirektors und Intendanten Valery Gergiev das e-moll-Klavierkonzert Nr. 1 von Frédéric Chopin zu spielen. Und es war geradezu beruhigend: Aus der Nähe betrachtet, wurde aus dem geradezu übermenschlichen Tastenmagier ein ziemlich normaler Mensch.
Trifonovs Technik ist brillant, das muss man durchaus anerkennen. Aber das ist kein Alleinstellungsmerkmal, die haben andere junge Leute auch, die auf dem Musikmarkt nach vorne kommen wollen. Und sie ist ja auch noch nicht die Kunst an sich, sondern nur die Voraussetzung, um gute Musik zu machen.
Und macht er die? Nach dem Beifall zu urteilen, müsste man sagen: ja. Aber wenn man's recht bedachte, war Trifonov in seinem Anschlag ausgesprochen monochrom. Er hatte eine Klangfarbe: sehr weich pedalisiert, ein bisschen silbrig überglänzt, meistens leise, nie wirklich laut. Und sie änderte sich auch nicht, wenn er doch einmal dynamisch anzog. Man konnte diese Klänge natürlich mögen und auch die fließenden, mitunter weit ausholenden Bewegungen ihrer Erzeugung. Man konnte sie, zumindest zum Teil, aber auch für Posen halten. Und sie nutzten sich ab. Es macht die Musik nicht besonders spannend, wenn man beim ersten Satz schon weiß, wie der dritte klingen wird.

Kein Kontakt zum Partner

Die Klanggebung war natürlich Ausdruck einer Interpretationshaltung. Sie signaliserte eine starke Introvertiertheit, und die passt nicht allzu gut zu einem Konzert, bei dem ein Orchester hintendran sitzt und auf die Zusammenarbeit wartet. Und die fand in der Tat nicht statt. Von Trifonov gingen keinerlei Impulse aus, die das Orchester hätte aufgreifen können, er spielte keinerlei Übergabe, schaute nicht einmal hin. An einer Interaktion war er nicht interessiert.
Gut, Chopins Konzert ist nicht gerade eine konfliktträchtiger Musik, aber so sehr hätte Trifonov das Orchester nicht zum musikalischen Hintergrundlieferanten machen müssen. Valery Gergiev hatte viel zu tun, um Solisten und Orchester einigermaßen zusammenzuhalten.Als Zugabe spielte Daniil Trifonov einen Satz aus Nikolai Medtners "Vergessenen Weisen" op. 38. Da war er alleine, da passte der introvertierte Klang wunderbar.
Das sehr solide musizierte Vorspiel zu Wagners "Lohengrin hätte eigentlich das Startsignal zu einem spannenden Konzert werden können. Das lange Crescendo aus dem Nicht bis zu dem gewaltigen Gipfel und das Abschwellen bis in das Verschwinden war sehr konzentriert musiziert. Man kann es auch nüchterner, durchsichtiger, weniger romantisiert spielen, aber die Konzeption in sich war stimmig.
Aber bei der 6. Sinfonie, die Peter Tschaikowsky übrigens mit diesem Orchester vor 122 Jahren uraufgeführt hat, gab es ein Hindernis, das diesen Eindruck immer wieder störte: Das Mariinsky-Orchester, das für sich in Anspruch nimmt, das beste Orchester Russlands zu sein, leistete sich erstaunlich viele handwerkliche Fehler: unpräzise Einsätze an empfindlichen Stellen, einmal sogar ein zu früher einiger Ungeduldiger, Verstimmungen, die bei der Übergabe eines Tones an ein anderes Instrument natürlich besonders auffallen. Das waren alles Gründe, warum auch der Gesamtklang, wenn es Richtung Fortissimo ging, undurchhörbar und mulmig wurde. Da hörte man noch das Musikvollzugsorchester der 70er Jahre. Da hätte einiges biegsamer und geheimnisvoller gespielt werden können. Wenn man nur bedenkt, wie elegant andere Orchester das walzerartige Intermezzo spielen!

Zielstrebig auf den Schluss zu

Das war sehr schade, denn Valery Ger giev hatte eigentlich ein Konzept, das auf Durchsichtigkeit, nicht auf den Gesamtklang zielte. Und im ersten Satz schaffte er es auch, ganz überraschende Strukturen freizulegen. Und es gelang ihm auch zu zeigen, wie sehr die ganze Sinfonie, zusammengehalten durch das immer wieder anders beleuchtete Seitenthema des ersten Satzes, auf den langsamen, von Trauer und kurzem Aufbegehren geprägten Schlussatz zusteuert.