Was haben wir Kissinger doch für ein Glück, dass zumindest in Schweinfurt das Theater saniert wird - und dass das auch noch einige Zeit dauert. Denn deshalb mussten sich die Bamberger Symphoniker für ihre traditionellen Schweinfurt-Ausflüge ein Ausweichquartier suchen. Und sie fanden glücklicherweise das Nächstliegende: den Max-Littmann-Saal. Und so kamen die Konzertbesucher jetzt zu einem Erlebnis, mit dem sie vermutlich nicht gerechnet hatten. Obwohl, ganz überraschend war es nicht. Denn wenn der 94-jährige Herbert Blomstedt die Bamberger dirigiert, kann man durchaus Spannendes erwarten.

Aber spannend war zunächst einmal etwas anderes: Selten hat man ein Konzert mit zwei derart verschieden gewichtigen Teilen erlebt: vor der Pause Franz Schuberts 3. Sinfonie, eine seiner Jugendsinfonien, nach der Pause Anton Bruckners 4. Sinfonie, die "Romantische", in der Bearbeitung von 1878/80 - was für unterschiedliche Welten! Johannes Brahms hatte in seiner hanseatisch-wienerisch arroganten Art nicht absolut unrecht, als er bei der Redaktion der fünf Jugendsinfonien anmerkte, dass man diese zwar aufbewahren, aber nicht unbedingt drucken (und aufführen) müsse.

Denn in dem genauen, ein bisschen zerlegenden Dirigat von Herbert Blomstedt wurde deutlich, dass der damals 18-jährige Schüler eine Unzahl von melodischen und konstruktiven Ideen hatte bis hin zur Volkstümlichkeit des Tanzbodens, dass ihm für das, was Robert Schumann später "Schuberts himmlische Längen" nannte, aber wohl noch die Erfahrung oder vielleicht auch der Mut fehlten. Das Verdienst von Blomstedt und seinem Orchester war es, nicht lange über verborgene Geheimnisse zu grübeln, die nicht drinstecken. Sie spielten die Sinfonie als lockere, mitunter witzige Unterhaltungsmusik.

Überwältigt von Bruckner

Und dann die "Romantische"! Wir sind in Bad Kissingen in Sachen Bruckner ja durchaus verwöhnt durch die ihm gewidmeten Aktivitäten von Gerd Schaller und seinem Orchester. Aber eine derartige Überwältigung gab es noch nie. Man hatte plötzlich das Gefühl, dass viele Dirigenten mit dem gängigen Bruckner-Bild Probleme haben. Denn er gilt als schüchtern, höchst skrupulös, humorlos, streng katholisch, der eine Sinfonie auch schon mal dem lieben Gott widmet. Dass sie dann ins nicht sonderlich inspirierende und erhellende Zelebrieren ausweichen.

Herbert Blomstedt ließ den lieben Gott außen vor und ging die Partitur absolut - nein, nicht respektlos, aber ohne jegliche Berührungsängste an, konzentrierte sich auf das Musikalische. Mit einer absolut prägnanten Stimmführung zerlegte er sie in ihre einzelnen Teile, die plötzlich erkennbar wurden. Aber er schuf auch Verbindungen, die die innere Logik des Fortgangs nachvollziehbar machten. Und man begann, Bruckners Musik nicht als langdauerndes Ereignis, sondern als spannenden Fortgang zu begreifen.

Sensationell dynamisch

Zudem arbeitete Blomstedt mit starken Rhythmen und starken Kontrasten zwischen dem fünffachen Forte und dem fünffachen Piano und mit geradezu sensationellen dynamischen Abstürzen vom organisierten Krach in die Fast-Tonlosigkeit, dass man sich dieser Spannung nicht entziehen konnte. Und dadurch, dass auch harmonische Reibungen nicht verwischt waren, wurde deutlich, dass Bruckner alles andere als ein Hasenfuß war. Denn er wagte harmonische Abweichungen von den gängigen Regeln, die erst nach ihm zur Normalität wurden.

Die erfolgreiche Überwältigung war allerdings auch ein Verdienst des Orchesters, das an diesem Abend musizierte wie der Teufel, das sich nicht um die enormen virtuosen Anforderungen scherte. Das über eine Stunde hochkonzentriert an den Fingern von Herbert Blomstedt hing - mehr muss er bei dem Orchester und dem Einverständnis nicht bewegen, und das ist auch gut so. So wurde schon das Musizieren an sich zum Ereignis.

Natürlich war es eine Sensationsleistung des gesamten Teams. Aber in dem Fall darf man auch mal Christoph Eß und seine Hornistentruppe ruhmreichend hervorheben. Denn die standen besonders im Feuer. Die letzten Bravorufe verklangen, als die Musiker bereits das Podium verließen. Das kommt dabei raus, wenn ein Orchester nicht nur für die Musik, sondern auch für den Dirigenten spielt. Mancher nennt so etwas eine Sternstunde.