Das ist eine Erfahrung, die man nicht nur beim Kissinger Sommer machen kann: Dass in Formationen und Gruppenzwänge gebundene Musiker - oder kurz: Orchestermusiker - den Rahmen eines Festivals nutzen, um sich in Kleingruppen zu treffen und das zu spielen, was sie schon immer gerne einmal spielen wollten, was aber der Orchesteralltag erschwert. Und da der musikalische Geschmack der Musiker sich nicht immer mit dem des Publikums deckt, stehen dann auch immer mal Werke auf den Programmzetteln, die man als Zuhörer noch gar nicht kennt oder schon lange nicht mehr gehört hat. Und erstaunlicher- und erfreulicherweise gibt es für diese Angebote einen wachsenden Markt.

Gut, Ludwig van Beethovens Quintett für Klavier, Klarinette, Oboe, Horn und Fagott Es-dur op. 16 gehört schon deshalb nicht zu den ganz großen Raritäten, weil es zahlreiche etablierte Bläserensembles gibt, die sich nur einen Pianisten dazukaufen müssen. Aber man muss auch bedenken, dass es häufiger in Beethovens Umarbeitung aufgeführt wird. Denn der hatte mit zunehmendem Alter eine wachsende Aversion gegen Bläser, die ihm zu ausdrucksschwach erschienen. Aber vielleicht hatte das zumindest zum Teil mit seiner schleichenden Ertaubung und dem Verlust von Frequenzen zu tun. Und so hat er später - die Streicher danken es ihm - die vier Bläser durch Violine, Viola und Violoncello ersetzt. Und diese Version ist relativ oft zu erleben. Natürlich wäre es am einfachsten, wenn man jetzt bei der "Jahrhundertwende" im Rossini-Saal Igor Levit am Flügel mit den Bläserkollegen Ramón Ortega-Quero (Oboe), Christopher Corbett (Klarinette), Marco Postinghel (Fagott) und Carsten Carey Duffin (Horn), allesamt Mitglieder des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, gehört hatte, zu sagen, dass Beethoven sich geirrt haben musste. Aber gerade weil so fabelhaft musiziert worden war, musste und konnte man Beethoven ein bisschen Recht geben: Am Ende musste sich niemand die Tränen aus dem Gesicht wischen.

Aber darum war es den fünf Leuten offenbar auch nicht gegangen, sondern um die Schönheit und die Ideen, die in dieser Musik stecken - und das in perfekter Dosierung. Das war ein engagiertes, aber auch unaufgeregten Musizieren, das der Musik eine hohe Natürlichkeit gab.

Zeit zum Zuhören

Schon der langsame und leise Beginn mit seinen starken Punktierungen war keine Spur pathetisch, sondern nutzte die ungleichen Notenlängen, um Spannung vor dem Beginn des Allegro-Hauptteils aufzubauen. Und auch der brach nicht plakativ los, sondern ließ, wie auch der Schlusssatz, genug Zeit zum Zuhören bei den vielen Stimmwechseln und zum Sich-Einschwingen. Und der langsame Mittelsatz brachte alle Instrumente zum solistischen Singen. Dazu kam, dass Igor Levit nicht glaubte, sich von hinten in den Vordergrund spielen zu müssen, sondern ein wohl kalkuliertes Fundament für die vier Bläser baute. So wurde das Quintett nicht zu einem Klavierkonzert, sondern entwickelte in langen Bögen eine wunderbare klassische Einheit.

Die Sonate Nr. 2 e-moll op. 36 a für Violine und Klavier von Ferruccio Busoni, ein echtes Mauerblümchen des Repertoires, hat Igor Levit vor ein paar Jahren schon einmal mit dem Geiger Feng Ning beim Kissinger Sommer gespielt. Dass sie so selten aufgeführt wird, liegt sicher nicht nur an den Agenten und ihren Interessensvorbehalten, sondern auch an den Musikern selbst. Wer sie anbieten will, muss erst einmal hart arbeiten. Denn das ist ein echter Brocken. Dadurch, dass sich Busoni beim Komponieren von der traditionellen Sonatenform in die frei-rhapsodische Form verabschiedet hatte - wie ihm das Franz Liszt mit seiner h-moll-Sonate vorgemacht hat - und ihn offensichtlich auch niemand zum Abendessen gerufen hat, dehnt sie sich ins schier Unendliche, musste jede Idee noch untergebracht werden. Das klingt vielleicht abschreckend, und das kann es durchaus auch sein. Aber Thomas Reif und Igor Levit pflügten mit virtuoser Unverdrossenheit und nicht enden wollender Kondition durch die Partitur und mit enormer darstellerischer Klarheit. Es wurde nachvollziehbar, wie sich Busoni den Aufbau des Werkes vorgestellt hatte, wie die einzelnen Teile einander bedingten und zusammenhingen, wie sich harmonische Strenge im Klavier und Belcanto in der Violine vereinen ließen. Und wie man trotz des hohen intellektuellen Anteils der Musik auch der Emotion viel Raum geben konnte. Herausragend war da die Verdeutlichung des Umgangs Busonis mit einem seiner Vorbilder: Da tauchte plötzlich das Lied "Wie wohl ist mir, o Freund der Seele" auf aus dem "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach", das allerdings vermutlich nicht von Bach stammt. Aber Busoni nutzte es für fünf Variationen, die er - und das wurde wunderbar deutlich - mit eigenen Themen verknüpfte.

Das letzte Werk war eine echte Entdeckung: Das Klaviertrio Nr. 2 e-moll op. 102 von Max Reger mit Igor Levit, Anton Barakhovsky (Violine) und Lionel Cottet (Violoncello). Dass Reger Kammermusik geschrieben hat, ist dank permanenter Nichtbeachtung in den Programmen so gut wie unbekannt.

Aber das Trio machte sehr schnell deutlich, dass das ein großer Fehler ist. Und das tat es mit sichtlichem Vergnügen. Man könnte sich jetzt auslassen über die unaufgeregte Vermittlung der (gefürchteten) Reger'schen intellektuellen Ausbrüche, über die Hintergründigkeiten des musikalischen Textes und ihren lockeren Umgang des Trios. Aber der wesentliche Grund, warum man beim Hören dieses Werkes so gute Laune bekam, war die Gerechtigkeit, die Reger hier endlich einmal widerfuhr. Dass es gelang, einen großen, manchmal durchaus derben Humor in diesem Werk nicht nur zu entdecken, sondern auch spielerisch zu zeigen. Da ging das Grinsen vom Podium bis in die letzte Reihe. Schade, dass das niemand aufgenommen hat.