Natürlich war es außerordentlich schade, dass Sir András Schiff wegen einer Erkrankung sein Kissinger-Sommer-Recital absagen musste (er will es aber unbedingt nachholen). "Carte blanche" sollte sein Konzert heißen. Das bedeutete: Das Programm kannte vorher nur er. Das Publikum hätte sich überraschen lassen müssen. Und der hätte seine eigene Auswahl nicht nur gespielt, sondern auch moderiert und damit begründet. Das macht er gerne. Es hätte ein musikalisch spannender und vergnüglicher Abend werden können.

So eine Art Wundertüte wurde der Abend trotzdem. Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard, kaum weniger international bekannt als Sir András Schiff, hatte seinen Urlaub unterbrochen, um das Konzert im Max-Littmann-Saal zu retten. Aimard ist ja dafür berühmt-berüchtigt, dass er gerne Werke von verschiedenen Komponisten verknüpft. In diesem Fall waren es Franz Schubert und György Kurtág, zwei Komponisten aus zwei Jahrhunderten, was interessante Perspektiven versprach.

Ein bisschen unfair

Allerdings konnte die Dimension verschrecken. Denn Aimard hängte 43 (!) Schubert-Walzer und Ländler und 14 Kurtág-Miniaturen in wechselnder Reihenfolge aneinander. Das war Kurtág gegenüber ein bisschen unfair, denn das hieß, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Denn Kurtágs kleine Sätze sind personalisiert, wenden sich in aller Regel an bestimmte Leute aus seiner Umgebung, denen er auf diese Weise mit seiner Musik etwas mitteilen wollte und die deshalb eine starke Gestaltung erfordern. Schuberts Walzer sind - vielleicht überspitzt ausgedrückt - Schnipsel aus Gelegenheitsproduktionen, zur Unterhaltung der Freunde und um ein paar Taler zu verdienen. Es sind Sätze, die in zwei oder drei Systemnotenzeilen passen, flüchtige und austauschbare Aphorismen, die keiner vergrübelten Interpretation, sondern nur einer ausgeprägten, aber standardisierten Tempogestaltung bedürfen.

Wenn Pierre-Laurent Aimard zeigen wollte, dass es doch gewisse Gemeinsamkeiten gibt, dann ist ihm das gelungen. Denn durch eine geschickte Auswahl der Schubert-Sätze konnte er "verschleiernde Übergänge" schaffen, etwa in einer harmonischen Übereinstimmung. Und wenn er dann Schubert wie Kurtág spielte und Kurtág wie Schubert, dann konnte er einige Verblüffungen auslösen. Aber eine etwaige Beeinflussung des einen durch den anderen ließ sich so nicht zeigen. Und dieses Pasticcio-System funktioniert auch mit allen anderen zumindest europäischen Komponisten.

Eines dieser "Funzelkonzerte"

Eine gewisse Zeit lang war das ja nicht unspannend, weil man schon manchmal genau hinhören musste, wo die Übergänge waren. Aber hätten es wirklich 57 Sätzchen seien müssen. Bei Kurtág hätte Aimard nicht sparen dürfen, den da spielte er ausgesprochen expressiv und schaffte auch mit wenigen Tönen Spannung. Aber nach einer Viertelstunde kam vom Methodischen her nichts Neues. Aber Schluss war erst nach einer Dreiviertelstunde mit Kurtágs wunderbar verklingendem "Spiel mit dem Unendlichen".

Dazu kam allerdings, dass es mal wieder eines dieser "Funzelkonzerte" war. Das Licht war so stark gedimmt, dass man in seinem Programm nichts mehr erkennen konnte. Das ist eigentlich ein "No-Go" bei 57 Einzelteilen. Wer sich nur berieseln lassen wollte, was ja legitim ist, war bestens bedient. Wer sich auch inhaltlich darauf einlassen wollte - genauso legitim - schaute in die Röhre.

Womit niemand gerechnet hatte, war, dass die Verbinderei nach der Pause weiterging. Und da konnte man nun wirklich keinen Grund dafür erkennen, Béla Bartók und Franz Liszt zusammenzuspannen - abgesehen davon, dass beide Ungarn waren. Denn Bartóks "Mikrokosmos" ist von der Absicht her ein Etüdenwerk für Klavierschüler, in dem in 153 Einzelsätzen mit progressivem Schwierigkeitsgrad spezielle technische Probleme behandelt werden. Aimard spielte natürlich sieben Sätze aus dem dreistelligen Bereich - mit Ausnahme von Nr. 99: "Gekreuzte Hände"! Und er machte das durchaus interessant, zeigte nicht nur das Übungsproblem, sondern auch, dass man aus Etüden auch Musik machen kann.

Durchgehende Klangwurst

Wer weiß, wie Bartóks letzter gespielter Satz "Perpetuum mobile (Nr. 135)" endet, war trotz des Titels überrascht, dass es nahtlos weiterging, und konnte nach einer gewissen Schrecksekunde feststellen, dass jetzt Liszt verhandelt wurde, und dann auch noch mit zwei wenig bekannten Sätzen aus den "Historischen ungarischen Bildnissen" ("Petöfi" und "Mosonyi"). Und man fragte sich, warum auch noch "Les Jeux d'Eaux à la Villa d'Este" und "La Vallée d'Obermann" aus den "Années de Pèlerinage III und I" übergangslos zu einer durchgehenden Klangwurst angehängt wurden.

Interpretation bedeutet ja auch Individualisierung. Und vor allem die beiden letzten Sätze haben sehr eigene Charaktere. Aber so gab's vor allem Nivellierung. Das einzige, was klanglich herausstach, waren die Wassertropfenspielereien in der Villa d'Este. Pianistisch-technisch war das wirklich hervorragend. Aber Aimards doch etwas monochromer Anschlag der "fallenden Hände" verweigerte der Musik einige der möglichen Konturen. Die wirklich leisen Töne, der liebevolle Anschlag, hatten sich offensichtlich schon bei Kurtág verbraucht.

Immerhin: Die Zugabe war deutlich abgetrennt: noch einmal Kurtág mit einer seiner "Hommages". Da waren diese liebevollen Töne wieder. Aber da hatte Aimard sie dem Publikum auch angekündigt.