Rico und Oskar - klar, das sind zwei Jungs, die irgendwann einmal unverbrüchliche Freundschaft geschlossen haben. Aber, bitte, was sind Tieferschatten? Ja. Tieferschatten. Gibt's vielleicht auch Höherschatten? Wohl eher nicht. Aber Tieferschatten gibt es. Das sind schwarze Geister, die vermutlich im Keller eines Abbruchhauses - vermutlich in Berlin - leben und dort ihr Unwesen treiben und manchmal auch rauskommen - sonst wäre die Frage ja auch gar nicht aufgetaucht. Aber können Schatten überhaupt leben? Und was ist, wenn...? Ach was! Schluss mit der Fragerei! Wer es genau wissen will, muss ja nur nach Maßbach ins Freilichttheater gehen. Dort läuft im Moment "Rico, Oskar und die Tieferschatten", und dort kann man alles ganz genau erfahren.

In nur fünf Wochen fertig

Was keineswegs selbstverständlich ist. Denn als Andreas Steinhöfel "Rico, Oskar und die Tieferschatten" 2008 herausbrachte, war das kein Theaterstück, sondern ein Roman. Er erhielt umgehend mehrere Auszeichnungen, wurde 2014 von Neele Vollmar verfilmt und mehrfach für die Bühne bearbeitet. Jetzt haben sich Christian Schidlowsky und sein Team den Roman geschnappt und haben in fünf Wochen Improvisation und Proben einen Theatertext für Kinder ab sechs Jahren erstellt. Sein Team, das sind Benjamin Jorns, Susanne Pfeiffer, Jack Rehfuß, Silvia Steger und Jonas Stüdemann. Dabei herausgekommen ist ein riesiger Theaterspaß - keineswegs nur für Kinder.

Worum es da geht? Eigentlich um fast alles. Im Kern geht es um eine Kriminalgeschichte. Aber man sollte zuerst erwähnen, was an Rico so Besonderes ist. Er selbst bezeichnet sich als "tiefbegabt". Das heiß mitnichten, dass er dumm ist, sondern dass bei ihm das Denken etwas länger dauert. Wenn er an mehrere Sachen gleichzeitig denken muss, dann rollen die Gedanken in seinem Kopf herum wie Bingokugeln, und dann muss er sie immer erst sortieren. Und das dauert. Aber an den Ergebnissen ist nichts auszusetzen.

Befreundet ist er mit dem drei Jahre jüngeren Oskar, der hochbegabt ist, aber immer einen Sturzhelm trägt, weil er in ständiger Angst lebt, sich seinen wertvollen Kopf irgendwo anzuschlagen. Dieser Oskar wird eines Tages von einem Kindesentführer - klar! - entführt. Rico hat Angst, zur Polizei zu gehen, weil er befürchtet, dass sich dort bei den vielen Fragen seine Gedanken zu sehr verknoten. Und er macht sich auf, Oskar selbst zu finden. Zunächst findet er ... halt! Man darf ja nicht gleich alles verraten.

Witzige, geistreiche Dialoge

Und man merkt auch schnell, dass die Handlung gar nicht so wichtig ist, sondern die Umsetzung. Da ist ein mitreißend buntes Spiel entstanden in einer ebenso bunten Umgebung (Bühnenbild: Robert Pflanz, Kostüme: Christina Halbfas). Da läuft mit hohem Tempo ein Stück ab, das mit seinen witzigen, geistreichen, manchmal abstrusen Dialogen die Kinder ernst nimmt, das ihnen einen geistreichen Humor unterstellt und die Fähigkeit, Situationen zu erkennen und einzuordnen. Und das sie knapp eine Stunde fesselt, denn ständig ist irgendetwas los auf der Bühne, das niemand verpassen will. Da gibt es jede Menge Türen, die sich mit ihren Rahmen so drehen lassen, dass sich die Zimmer und Wohnungen in der Wahrnehmung nach außen kehren. Da gibt es überraschende Spielebenen und Requisiten und Tanzeinlagen und Zeitlupenmomente.

Für die fünf Schauspieler bedeutet das 50 Minuten Dauerstress. Für Benjamin Jorns vielleicht nicht ganz so viel, weil er "nur" der Rico ist. Nicht weil er von weiteren Rollen überfordert wäre - Rico sicher, aber Benjamin Jorns nicht -, sondern weil er ständig auf der Bühne ist und daher die Rolle nicht wechseln kann. Dafür müssen sich die anderen vier sämtliche zwölf Rollen teilen als Bingokugeln, die Ricos Gedanken ausspielend kommentieren, oder als Nachbarn mit ständig wechselnden Dialekten, Haltungen und Klamotten. Da muss man sich in Sekunden umziehen und dann auch durch die richtige Türe auf die Bühne stürmen.

Das ist allerbestes Theaterhandwerk, das man erleben kann, wenn Kindertheater wirklich ernstgenommen wird. Aber da passiert so viel Geistreiches, Witziges auf der Bühne, dass man auch als Erwachsener geradezu gefesselt wird.

Wie gut das Stück bei den Kindern ankommt, zeigte das Nachgespräch mit den Schauspielern, das der neue Theaterpädagoge Uwe Gröschel moderierte. Da kamen so viele intelligente Fragen nicht nur zum Stück, sondern auch zur Arbeit der Schauspieler oder der Theatertechnik, dass man schon staunte, wie gut die Kinder alles beobachtet und sich gemerkt haben. Wer in dem Alter solche Fragen stellt, wird später nie mehr arglos ins Theater gehen.

Theaterpädagogisches Material lässt sich über www.theater-massbach.de herunterladen.