Der Kissinger Klavierolymp hat so seine eigenen Geschichten. Schade für Gile Bae, dass die Schulter zu stark schmerzte und Niederländerin absagen musste, was vom Publikum bedauert wurde. Es spricht aber für die Zugkraft des Festivals, dass kurzfristig "Ersatz" gefunden werden konnte. Nach dem Konzert aber nahm niemand das Wort Ersatz in den Mund, weil Dmytro Choni längst international für Aufsehen gesorgt hat und diesen Ruf im Rossini Saal ausdrücklich bestätigen konnte.

Das wiederum spricht für den Intendanten. Dass Alexander Steinbeis im Musikgeschäft gut vernetzt ist, hat er damit schon mal bewiesen, dass er darüber hinaus ein Händchen für Talente hat, das ist noch besser. Wobei Talent bei Choni fast schon nicht mehr zutrifft, auch er wird, wie Piekut tags zuvor, nicht mehr lange bei Nachwuchstalentsichtungen mitspielen dürfen, deshalb liegt die Latte für Choni eben auch ziemlich hoch.

Die Programmänderung biete die seltene Chance, so der Festivalchef bei der Begrüßung, die Rachmaninow b-moll Sonate an zwei Tagen hintereinander von verschiedenen Künstlern zu hören und wer, wie viele Stammgäste des Festivals, das Bravourstück für anspruchsvolle Pianisten kennt, freute sich auf den Vergleich der unterschiedlichen Interpretationen.

Schebende Klänge

Aber zuvor standen ja noch andere Werke auf dem Programm wie Claude Debussys "Et la lune descend sur le temple qui fut" aus "Images" Buch 2. Die schwebenden Klänge gestaltet Choni geheimnisvoll mit weichem Anschlag, lässt einzelne Akkorde lang, ganz lang, nachklingen, nimmt das Fortissimo ohne zu hämmern, unterstreicht aber den Schlussakkord mit weit ausholender Geste. Ein gelungener Einstieg. Die Stimmung auf der Insel ist bei "L'isle joyeuse" durchaus zwiespältig, da ist Feingefühl angesagt und auch das überzeugt.

Die Fis-Dur Sonate von Alexander Skrjabin ist ein Heimspiel für ihn, das Prestissimo gelingt ihm vorzüglich, beim fröhlich, rhythmusbetonten Galopp möchte man gar aufsitzen und mitreiten. Mit Schumanns Novellette op. 21/8 braucht er ein wenig Anlauf. "Sehr Lebhaft" und "Noch lebhafter", wie die Sequenzen heißen, weiß er gut zu steigern, bei "Hell und lustig" strahlt das Hell durchaus, danach hätte es ein wenig heiterer sein dürfen.

Ruhig, gefasst, souverän

Nach der Pause stehen zwei Rhapsodien op. 79b von Johannes Brahms auf dem Programm und da weiß er die Brahm'schen Ausrufezeichen hingetupft, aber deutlich zu setzen, lässt Melodienseligkeit zu und schwelgt geradezu, wo Ausdruck gefragt ist, nach all den Notentürmen bei Skrjabin und Schumann.

Ja und dann Rachmaninows Sonate Nr. 2. Am Vortag der emotionale Körpereinsatz, das deutliche Mitgestalten des fast 1,90 Meter-Mannes Piekut, jetzt der kleinere Choni, der das ganz anders gestaltet. Ruhig, gefasst, souverän nimmt er die sich auftürmenden Hürden. Gestern der emotionale Igor Levit - heute der abgeklärte Rudolf Buchbinder Typ. Beiden gelingen vor allem die Schlusssequenzen einzigartig, da kommt es ähnlich wie bei Puccinis "Nessun dorma" aus Turandot, dem Bravourstück aller Tenöre auf den letzten Ton, auf das "Vinceró!" (Ich werde siegen!) an. Piekut oder Choni. Die Jury wird es sehr schwer haben.