Man kann auch bei Abschlusskonzerten des Kissinger Sommers noch Überraschungen erleben, und zwar, auch wenn das etwas merkwürdig klingt: Erwartbare und wirklich überraschende, obwohl die eigentlich nicht zu erwarten waren. Alles klar? Die Rede ist von den beiden Abschlusskonzerten mit den Bamberger Symphonikern - Bayerische Staatsphilharmonie unter der Leitung ihres Chefs Jakub Hruša und vom Programm.

Kissinger Sommer trifft Western-Atmosphäre

Das Violinkonzert von Erich Korngold war schon deshalb eine erwartbare Überraschung, weil es im Regentenbau noch nie aufgeführt worden ist. Und hinterher fragten sich viele: Warum eigentlich nicht? Denn das ist nicht die schlechteste Musik, fantasievoll und gut zu hören. Natürlich merkte man, dass Korngold viel Filmmusik geschrieben hat, und man kann sich auch dieses Konzert durchaus als Hintergrund für eine Western vorstellen - wenn man es so hört wie am Sonntagabend. Da tauchte schon manchmal Winnetou mit seinen rettenden Apachen vor der untergehenden Sonne auf, oder man hörte einfach nur Pferdegetrappel. Karl May hätte seine Freude gehabt.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen simpel, aber das Korngold-Konzert ist ungemein schwierig, erfordert enorme und kompromisslose Virtuosität - nicht nur von den Solisten, sondern auch von den Orchestern. Denn Korngold scheint großen Wert auf die Ebenbürtigkeiten der beiden Seiten gelegt zu haben: Wenn sich der Solist plagen muss, soll es das Orchester auch. Wobei der da bei den Bambergern an den Falschen geraten ist. Denn es ist ein Eindruck, den man immer wieder hat: Je komplizierter die Notentexte sind, desto mehr Vergnügen haben die Musiker. Und hier hatten sie sehr viel.

Abschlusskonzert des Kissinger Sommers: Komplexe Musik traf auf gnadenlose Klarheit

Die Musik ist allerdings auch enorm bunt, voller Ideen struktureller und farblicher Art, voller verquerer Rhythmen und höchst schwieriger Verdichtungen. Da macht auch die etwas langsamere Romance keine Ausnahme. Da war der Hörer stark gefordert, denn an allen Ecken und Enden passierte ständig etwas Neues. Aber es half, dass Jakub Hruša trotz aller Kompliziertheit auf gnadenlose Klarheit zielte, dass die Strukturen plastisch blieben, dass die vielen Übergänge wirklich logische Verbindungen bedeuteten, dass die Pfiffigkeit viel Raum bekam, dass er nicht nur mit dem enormen Zugriff, sondern auch mit einer ganz lebendigen, die Extreme nicht scheuenden Dynamik hohe Spannung erzeugt, die schon dadurch gesteigert wurde, dass die Ausführung selbst zur Spannung beitrug. Das war einfach eine perfekt gemachte Überwältigungsmusik.

Ray Chen als Solist: Nüchterne und direkte Spielweise

Und der Solist? Musste man um ihn bangen, mit ihm Mitleid haben? Mitnichten! Obwohl man sich schon manchmal fragte, wie er diesen Parforceritt durchhalten wollte. Denn Korngold hat ihm so gut wie keine Pausen gegönnt. Aber er schien das Konzert für ihn geschrieben zu haben. Denn Ray Chen, der Australier aus Taiwan, bewegte sich in seinem Part, als sei es die natürlichste Angelegenheit der Welt. Er hatte es nicht nötig, die Solostimme ins Romantische zu ziehen und so allmählich auszubremsen. Er spielte nüchtern und direkt und ließ diesen Eindruck wirken. Und er spielte an den Grenzen der technischen Möglichkeit mit einer Sicherheit und Selbstverständlichkeit, dass man wirklich nur staunen konnte. Selbst in den empfindlichen Höhen war die Sauberkeit der Intonation nie dem Tempo geopfert, war nichts verwischt oder vermurmelt, Da saß wirklich jeder Ton.

Schlafwandlerische Sicherheit

Und Ray Chen hatte sich offenbar detailliert mit Jakub Hruša abgesprochen. Er wusste, wann er als Klangfarbe das Orchester anreichern sollte, ohne unterzugehen, wann er heraustreten sollte, ohne plakativ zu werden. Er wusste genau, wann er mit wem zusammenspielte, konnte wunderbar Melodien herausarbeiten und gestalten. Und alles wirkte so selbstverständlich. Da war man am Ende als Zuhörer vermutlich mehr ins Schwitzen gekommen als Ray Chen. Als Zugabe spielte er eine Chaconne von Eugène Ysaye.

Das zweite Werk des Abends kannte man ja zumindest in Teilen: Antonín Dvoráks Slawische Tänze op. 72. Die sind ein beliebter Fundus für Zugaben. Sie haben vermutlich die höchsten Zugriffszahlen. Jetzt gab es alle acht Tänze am Stück. Eigentlich war das nicht Dvoráks Anliegen, denn die Originalkompositionen waren für Klavier zu vier Händen für die höheren Töchter der Prager Gesellschaft. Wenn die einen Tanz schafften, mussten sie schon sehr gut sein. Und die Gesellschaft in den Salons war sicher dankbar, wenn sie auch nur einen Tanz spielten. In der orchestrierten Fassung ist das natürlich anders.

Zugaben, Zugaben und Zugaben

Natürlich kann es mühsam werden, die acht Tänze hintereinander zu hören, weil doch einige Elemente und Effekte wiederholen. Dennoch war es eine gute Sache, weil man hören konnte, warum manche der Tänze nicht als Zugabe gespielt werden, weil man sie - anders als bei Zugaben ungekürzt hören konnte. Und weil es letztlich doch mitreißende Musik ist.

Wenn man sie auch so spielt. Für Jakub Hruša scheinen sie eine Herzensangelegenheit zu sein, wenn man ihm beim Dirigieren zusieht: mit größtem Engagement, mit aller Deutlichkeit, mit aller Aufmerksamkeit für jede einzelne Stimme. Und seine Bamberger - sind ja eigentlich auch Prager - folgen ihm da hundertprozentig. Da machte das Zuhören bis zum Schluss Spaß, auch wenn das strukturelle Interesse ein bisschen nachließ. Denn man wusste, wie perfekt musiziert wurde, wie genau die Ritardandi, Stauungen und Crescendi saßen und wie wichtig sie für die Spannung waren. Und man konnte seine Gedanken an der Musik entlang schweifen lassen und auch lachen. Etwa bei dem 7. Tanz, der sehr stark an die Altneihauser Feierwehrkapelln im Veitshöchheimer Fasching erinnerte. Oder beim 5. Tanz. Wenn man den vertexten wollte, müsste man nur ständig "Paprika" sagen oder singen. Schließlich wird das scharfe Gewürz nicht nur in Ungarn, sondern auch in Prag verwendet.

Nein, es machte großen Spaß, diese Tänze einmal ernst genommen, aber mit größtmöglichem Charme und Witz zu hören. Und man merkte plötzlich, dass es auch ein paar Tänze mehr hätten sein können. Das Einzige, was man vielleicht - legitim - hätte ändern können, war die Reihenfolge: den 8. Tanz vor den 7. zu stellen. Denn diese eher ruhige Sousedská (Grazioso e lento) endet so leise, dass sich der Applaus nicht so recht aus der Deckung traute. Das änderte sich schlagartig, als die Bamberger (höchst ungewöhnlich) doch noch eine Zugabe spielten: den 7. Tanz, ein en Kolo. Da war der Schluss so krachend, dass sich der Saal in einen einzigen Bravoruf verwandelte. Das war's dann. Der Kissinger Sommer 2021 war endgültig zu Ende.