Noch zu Beginn der Pandemie spendete die Menschen Beifall für Pflegerinnen und Pfleger und der Ruf nach besserer Bezahlung wurde auch seitens der Politiker laut. Und was ist ein Jahr danach? "Das ist eigentlich ein schöner Beruf, denn ich komme mit vielen Menschen zusammen, die meist sehr dankbar für unsere Arbeit sind" , sagt eine 35-jährige Pflegerin (Name der Redaktion bekannt), die seit über zehn Jahren in der ambulanten Altenpflege arbeitet. "Doch die Bezahlung ist zu schlecht und vor allem haben wir oft nicht genug Zeit für die Seniorinnen und Senioren, die wir pflegen", kritisiert die 35-Jährige. Streiken, um seine Interessen durchzusetzen, könne das Pflegepersonal halt nicht so einfach, "das ginge nur auf dem Rücken der Älteren, Behinderten und Kranken. Unser Berufsethos wird da ausgenützt".

Bedarf gestiegen

"Immer mehr Pflegekräfte kehren ihrem Beruf den Rücken zu" , hieß es kürzlich in der Mitgliederzeitung der Gewerkschaft Ver.di. Das Ärzteblatt meldete, seit Beginn der Corona-Pandemie hätten Tausende Pflegekräfte in Krankenhäusern ebenso wie in der Altenpflege wegen Überlastung, schlechter Bezahlung und schlechter Arbeitsbedingungen gekündigt.

Der Bedarf an Pflegekräften war schon vor der Pandemie sehr hoch, und nun ist er nochmals stark gestiegen. Ein Blick in diverse Internet-Jobbörsen macht das deutlich. In einem Portal ist von nicht weniger als 632 offenen Stellen in der Altenpflege und Altenbetreuung in Bad Kissingen und Umgebung die Rede, in einem anderen "nur" von 375. Offene Stellen gibt es also mehr als genug.

Ansteckungsgefahr

Anne Hilpert-Böse, die Geschäftsführerin des Caritasverbandes für den Landkreis Bad Kissingen, beschreibt die besonderen Probleme, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenpflege durch die Corona-Pandemie haben: "Eine besondere Belastung ist natürlich eine mögliche Ansteckungsgefahr unserer Mitarbeiterinnen. Sie haben da eine besondere Verantwortung, denn die eigentlich geforderten eineinhalb Meter Abstand sind bei der Pflege alter und behinderter Menschen selten einzuhalten. Es besteht demnach eine besondere Sorge, dass man selbst unerkannter Überträger sein könnte und damit andere in Gefahr bringt. Vor einem Jahr gab es Probleme, als die Schutzmasken knapp waren. Später gab es zeitweise zu wenig Schutzhandschuhe".

Auf die Frage, wie die Mitarbeiterinnen die besonderen Belastungen verkraften, betont sie: "Als Geschäftsführerin muss ich sagen ‚toll‘. Die allermeisten Beschäftigten in der Pflege sind Frauen. Viele von ihnen haben Kinder, die wegen der Corona-Pandemie gar nicht in die Schule oder nur in die Notbetreuung konnten oder können. Sie meistern die Probleme, die sie damit haben, gut. Alle Mitarbeiterinnen werden dreimal pro Woche getestet, damit wir zügig erkennen können, ob jemand infiziert ist. Wir hatten zwar schon einige wenige Infektionen, aber durch unsere häufigen Tests konnten Kettenreaktionen vermieden werden".

Sind Verbesserungen für die Pflegekräfte in Form von besserer Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen und so weiter möglich? "Die Caritas setzt sich schon lange auf politischer Ebene für notwendige Verbesserungen ein. Die gesellschaftliche Akzeptanz sollte verbessert werden. Pflegerinnen und Pfleger sind noch immer eine Berufsgruppe, die in der Fläche verhältnismäßig schlecht bezahlt wird. Daran muss gearbeitet werden. Zum 1. April dieses Jahres gab es im Rahmen der Verhandlungen in der arbeitsrechtlichen Kommission und damit in der AVR (Richtlinie für Arbeitsverträge der Caritas) eine Lohnerhöhung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele unserer Mitarbeiterinnen arbeiten in Teilzeit, um geteilte Dienstzeiten am Tag zu vermeiden. Die Vollzeitmitarbeiterinnen arbeiten 39 Stunden pro Woche und müssen jedes zweite Wochenende arbeiten", sagt Hilpert-Böse.

"Es war im Pflegesektor schon früher schwierig, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Das hat sich zwar nicht geändert, aber trotz der Corona-Pandemie zum Glück auch nicht verschärft", sagt Anne Hilpert-Böse.

Marietta Eder ist stellvertretende Geschäftsführerin bei der Gewerkschaft Ver.di in Schweinfurt und dort zuständig unter anderem für den Bereich Gesundheit und Soziales. Sie klagt: "Meine Gewerkschaft und der Arbeitgeberverband BVAP (Bundesvereinigung Arbeitgeber in der Pflegebranche) hatten im September 2020 einen Tarifvertrag vereinbart und beim Arbeitsministerium in Berlin beantragt, dass er allgemeingültig wird. Doch die Caritas und die Diakonie haben das verhindert und somit auch dringend notwendige Verbesserungen bei der Bezahlung, der Arbeitszeit und bei den Arbeitsbedingungen. Ohne einen allgemeingültigen Vertrag ist Lohndumping in der Altenpflege möglich und wird auch praktiziert. Daher brauchen wir dringend einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag."

Alle Profis

An viele Mitarbeiter, aber nicht an alle, seien staatliche Corona-Prämien bezahlt worden. "Die Prämie hat für viel Unmut gesorgt, weil eben nicht alle davon profitiert haben. Unter anderem Reinigungskräfte im Krankenhaus, obwohl alle mehr Hygiene versprochen haben. Die Beschäftigten in den Einrichtungen wollen zudem nicht als Heldinnen verstanden werden, die kleinere Prämien bekommen. Sie alle sind Profis, die gute Arbeitsbedingungen und höhere Löhne verdient haben", sagt Eder.

Schon vor der Corona-Pandemie seien schlechte Bezahlung und die schlechten Arbeitsbedingungen im Pflegebereich, in Senioreneinrichtungen und in Krankenhäusern ein Thema gewesen. Doch durch die Corona-Pandemie kämen sie nun wie unter einem Brennglas noch deutlicher ans Licht. "Daher müssen wir jetzt handeln. Wir brauchen beispielsweise auf Bundesebene die Einführung einer verbindlichen und bedarfsorientierten Personalbemessung. Es kann nicht sein, dass Gesundheitskonzerne über die Ausschüttung von Dividenden an Aktionäre nachdenken, statt bessere Löhne zu bezahlen" , sagt Eder.

Einheitlicher Personalschlüssel

"Pflege braucht Tarifbindung und gute Personalausstattung", betont die Maßbacher SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar. Sie ist gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion und kümmert sich auch um den Pflegebereich. Sie sagt, "trotz langer Ankündigung hat Gesundheitsminister Spahn noch immer keinen Gesetzentwurf geliefert zur Reform der Pflege, denn ihm fehlt der Rückhalt seiner eigenen Fraktion. " Dieser unionsinterne Streit dürfe aber nicht dazu führen, dass Pflegekräfte, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen weiter vertröstet werden. Die SPD setze sich für gute Löhne und gute Arbeitsbedingungen in der Pflege ein, so Dittmar. "Wir wollen, dass paritätisch ausgehandelte Tarifverträge die Voraussetzung für Versorgungsverträge in der Pflege werden, solange kein flächendeckender Tarifvertrag gilt. Und wir fordern einen schnellen systematischen Einstieg in einen bundeseinheitlichen Personalschlüssel", sagt Dittmar.

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