Bad Kissingen — Die Stadt muss ein paar Rucksäcke tragen, die schwer auf den Rücken drücken. Zum Beispiel die Lindesmühle und den Schlachthof. Beide denkmalgeschützt, die Lindesmühle sanierungsbedürftig, der Schlachthof ohne aktuelle Aussicht auf Nutzung. Noch ist offen, wie genau die Zukunft der beiden denkmalgeschützten Gebäude aussehen wird.
Immerhin hat die Lindesmühle beste Aussichten, Teil des Servicebetriebes zu bleiben.
Das sah im Januar dieses Jahres auch der Bauausschuss so. Er gab dem Leiter des Servicebetriebs, Jürgen Kober, den Auftrag, ein Konzept zu entwerfen. Die gute Nachricht in Sachen Schlachthof: Der Statiker hat keine Probleme entdeckt.

Neubau zu teuer

Vor Jahren war einmal an einen Neubau des Servicebetriebes im Bereich der Kläranlage gedacht. Eine Illusion, wie Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) aus heutiger Sicht betont. Beim Blick auf den Haushalt wird aus dem chicen neuen Servicebetrieb wohl nichts werden.
Deshalb bietet es sich laut Blankenburg an, am Standort Lindesmühle zu bleiben und diese herzurichten. Laut OB käme ein Ausbau der Lindesmühle, die schon heute zum Servicebetrieb gehört, preisgünstiger als ein Neubau. Außerdem hätte Bad Kissingen nicht noch ein leerstehendes historisches Gebäude zu unterhalten. Eine Integration des benachbarten Schlachthofes in den Servicebetrieb kann sich der Oberbürgermeister dagegen nicht vorstellen.

Entwicklung festlegen

Vor einer Sanierung der Lindesmühle ist laut Blankenburg zu klären, wie sich der Servicebetrieb in den nächsten zehn, 15 Jahren darstellen soll. Danach werde sich der Umfang des Ausbaus richten. Über gut ausgebildete Handwerker müsse der Servicebetrieb auch in der Zukunft verfügen. Offen sei, wie viele hochspezialisierte Kräfte man in Zukunft brauchen werde und wie viele niedrigqualifizierte Arbeiten künftig ausgesourct werden. Darüber werde sich der Stadtrat Anfang 2015 Gedanken machen müssen.
Eine Ausweitung des Servicebetriebes auf den nebenan liegenden Schlachthof ist dagegen nicht vorgesehen. Obwohl der Servicebetrieb derzeit Teile des Areals zu Lagerzwecken nutzt. Am Liebsten sähe es die Stadt, wenn sich doch noch ein privater Investor und Nutzer für den Schlachthof fände. Eine neuerliche Ausschreibung ist vorgesehen.

Statisch in Ordnung

Diese Ausschreibung böte bessere Bedingungen als die vorangegangene. Wie der Leiter des städtischen Hochbauamtes, Hans Bauer, betont, habe eine zwischenzeitliche Untersuchung ergeben, "dass der Schlachthof aus statischer Sicht in Ordnung ist." Andererseits müssten alleine in den Brandschutz gut 150 000 Euro gesteckt werden. Um aus dem Schlachthof eine Veranstaltungsstätte zu machen, wären bis zu 700 000 Euro zu investieren.
Auf der Gegenseite steht die Perspektive, dass der Schlachthof in die Städtebauförderung aufgenommen werden könnte. "Wir haben Gespräche mit der Regierung geführt, und die kann sich grundsätzlich vorstellen, dass der Schlachthof in das Förderprogramm Soziale Stadt aufgenommen wird", sagt Stadtplaner Wolfgang Russ. Davon könnten auch Privatinvestoren profitieren, wobei allerdings auch in einem solchen Fall die Stadt mit zur Kasse gebeten würde.

Konzepte für den Schlachthof

"Wir hätten zwei Konzepte für den Schlachthof", ergänzt OB Blankenburg. So erinnert er an den Vorschlag von Wirtschaftsförderer Michael Wieden, der sich dort eine "Haus in Haus"- Büronutzung vorstellen kann. Eine zweite denkbare Lösung will Blankenburg noch nicht nennen. Nur so viel: Sie geht nicht in Richtung Veranstaltungs-Gebäude.
Zurück zur Lindesmühle. Eine Hausnummer, wie viel eine Sanierung kosten wird, möchte die Stadt aktuell nicht nennen. Im Januar war - je nach Ausbau-Variante - von Kosten zwischen 3,6 und 4,2 Millionen Euro die Rede.




Aus der Geschichte zweier Baudenkmäler


Die Lindesmühle ist ein Stück Industriekultur Bad Kissingens, und beim Schlachthof könnte der Besucher angesichts der schieren Größe und der architektonischen Besonderheiten ins Schwärmen kommen, wenn sich nur endlich eine Lösung für das denkmalgschützte Gebäude fände.
Das war 1925, als der Schlachthof eröffnet wurde, anders. "Möge das bedeutsame Werk, in schweren Zeiten begonnen und ausgeführt, der Stadt Bad Kissingen zum Nutzen und Segen gereichen", schrieb Bürgermeister Max Pollwein zur Eröffnung, zu entnehmen einem bei Wikipedia veröffentlichten Beitrag über den Schlachthof. Pollwein freute sich, dass das fast zwei Millionen Reichsmark teure Bauwerk den Ruf Bad Kissingens als internationale Badestadt fördere.

Einmalig in Europa

Aufgrund seiner Bauweise gilt der Bad Kissinger Schlachthof als einmalig in Europa. Markantestes architektonisches Merkmal ist die fast 50 Meter lange und 17 Meter hohe Halle, die wie ein Kirchenschiff wirkt. Das hat dem Gebäude schnell den Spitznamen "Ochsenkathedrale" eingebracht. Allerdings diente die mit einer Kassettendecke versehene Halle nur dazu, die seitlich daneben gelegenen Schlacht- und die Kühlräume zu verbinden.
Ausgelegt wurde der Schlachthof damals für die Versorgung von 30 000 Personen, sollte er doch nicht nur den Bedarf der Einwohner, sondern auch den der Kurgäste und der Saisonarbeiter decken.
Die Kurgäste konnten - wenn sie denn wollten - den Schlachthof auch besuchen. Von der Galerie hatten sie gegen eine Eintrittsgebühr von 50 Pfennigen einen guten Blick auf das Geschehen und konnten sich so davon überzeugen, dass der Schlachthof "Vorbild für die Stadthygiene der Gegenwart" war.
Bis 2002 diente der Schlachthof seinem eigentlichen Zweck, dann wurde der Betrieb eingestellt. Um die Vorgaben und Auflagen der EU erfüllen zu können, wären teure Umbauten nötig gewesen. Außerdem war der Schlachthof nicht mehr kostendeckend zu betreiben.

Party und Körper

Seitdem steht der Gebäudekomplex weitgehend leer. Unter anderem wurde er 2007 für Gunther von Hagens umstrittene Ausstellung "Echte Körper" genutzt. Ein Jahr später fand eine große, kommerzielle Party statt. Also nichts, was dem Gebäude einen dauerhaften Nutzen beschert hätte. Eine erste öffentliche Ausschreibung mit der die Stadt hoffte, einen Investor zu finden, blieb erfolglos.
Bei der Lindesmühle handelt es sich um eine ehemalige Kunst- bzw. Gewürzmühle. Die Denkmalliste spricht von einer mehrteiligen, burgartigen Gebäudegruppe mit einem zinnenbekrönten Turm. Seit 1961, nachdem das neue Gebäude der Firma Lay-Gewürze fertiggestellt war, gehört die Lindesmühle zum Bauhof der Stadt, dem heutigen Servicebetrieb.
Schon seit Jahren gibt es an der Lindesmühle erheblichen Handlungsbedarf. Verschiedene Bereiche sind gesperrt, an etlichen Stellen müssen zusätzlich eingebaute Stützen die Decken mit tragen.mäu-