Susan Abdulrahman, die Dolmetscherin, fühlt sich momentan ein bisschen wie im Urlaub: 177 Personen leben zur Zeit in der Notunterkunft in der Röntgenstraße in Bad Kissingen, im September vergangenen Jahres waren es 316. Der Höchststand bislang. Ausgelegt ist die Unterkunft auf 300 Personen.
Der Großteil der Flüchtlinge kommt aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt.
In wenigen Fällen kommen Flüchtlinge aus anderen Teilen Deutschlands
- dann nämlich, wenn in Bad Kissingen schon ein Teil der Familie untergebracht ist. In seltenen Fällen, kommen die Flüchtlinge auch wieder zurück nach Schweinfurt - wenn sie sich überhaupt nicht an die Regeln halten, wenn die Streitigkeiten überhand nehmen, wenn es nicht anders geht, dann "schicken wir sie wieder zurück", sagt Klaus Plescher, Leiter der Notunterkunft. Er ist über alles informiert was oben passiert, auch wenn er in seinem Büro im Landratsamt sitzt. Der Wachdienst, die Helfer Susan Abdulrahman und Mohammed Alosak halten in ständig auf dem Laufenden. Wirklich große Probleme hat es bislang nicht gegeben. Vielleicht auch dank der guten Betreuung.


"Die beiden sind Gold wert"

Mohammed Alosak ist morgens von 7 bis 15 Uhr vor Ort, Susan Abdlurahman von 9 bis 18 Uhr. Eigentlich. Beide sind meistens länger da. Sind sie nicht vor Ort haben sie Bereitschaftsdienst, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. "Die beiden sind Gold wert", sagt Klaus Plescher. Susan Abdulrahman ist 36 Jahre alt, Halb-Syrerin, in Deutschland aufgewachsen, hat mehrere Jahre in Syrien gelebt. Sie ist gelernte Hotelmanagerin, erst hat sie ehrenamtlich in der Unterkunft geholfen, jetzt ist sie hier fest angestellt.
Mohammed Alosak, 34, stammt aus Jordanien, auch er kam über das Ehrenamt zu seinem Job in der Notunterkunft. Sie sind die Mädchen für alles. Derzeit fehlt ein Hausmeister, das meiste repariert Mohammed Alosak dann einfach selbst. Die beiden begleiten die Flüchtlinge zum Arzt, helfen bei Behördenfragen und erklären die grundlegenden Regeln in Deutschland. Und seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln scheint das Thema Verhaltensregeln aus keiner Unterkunft mehr weg zudenken, und sei sie über 300 Kilometer von Köln entfernt. "Sie schämen sich", sagt Mohammed Alosak nach Köln gefragt, "sie machen sich Sorgen". Besonders die Jungs. Für sie, sagt Alosak, ist es eine Katastrophe. Letztens sei einer zu ihm gekommen, die Deutschen, hatte er gesagt, die denken doch, wir sind alle so.


Frauen und der Arzt

Susan Abdulrahman sagt: "Ich hatte noch nie ein Respektsproblem." Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist, dass viele der Männer sich weigern, ihre Frauen von einem männlichen Arzt untersuchen zu lassen, vor allem der Frauenarzt wird häufig abgelehnt. Zumindest am Anfang. Mohammed sagt, er versuche dann es ihnen zu erklären, dass es in Deutschland eben üblich ist, dass auch Männer Frauen untersuchen. Manche verstehen es, anderen fällt es schwer. "Wir versuchen, sie an die Hand zu nehmen", sagt Susan Abdulrahman.


Geregelter Tagesablauf

Dazu gehört neben Geduld und Deutschunterricht auch ein möglichst geregelter Tagesablauf. Frühstück gibt es um sieben. "Wir haben das bewusst so früh angesetzt, damit der Tag eine Struktur bekommt", sagt Plescher. Die Vorgabe der Regierung lautet, dass kein Flüchtling länger als sechs Monate in der Unterkunft verbringen darf. Angestrebtes Ziel sollen sogar nur drei bis vier Wochen sein. Im Landratsamt haben sie sich drei Monate zum Ziel gesetzt. "Wir schauen, dass Familien mit kleinen Kindern früher rauskommen", sagt Plescher. Im Sommer vergangenen Jahres, als die Flüchtlingszahlen ihren Höhepunkt erreicht hatten, haben sie manchmal zwei Tage vorher Bescheid bekommen, dass der nächste Bus mit 50 Flüchtlingen kommen wird. Inzwischen ist eine Woche Vorlauf wieder normal geworden.
Einmal angekommen, bekommen sie bei Bedarf Kleidung und Hygienartikel und werden auf offentsichtliche Verletzungen und Tuberkulose untersucht. Uve Bartz ist Rettungssanitäter beim roten Kreuz, hier in der Unterkunft hat er seit einigen Monaten einen eigenen Untersuchungsraum, Sprechstunde inklusive. Das ist kein Luxus, sondern für den Landkreis in erster Linie eine Kosten- und Zeitersparnis. Der Landkreis spart Geld für Behandlungskosten und die Ärzte Zeit, wenn kleine Notfälle gleich vor Ort behandelt werden können. Zur Zeit vor allem Erkältungen, was immer kommt sind Zahnschmerzen, Blutdruckmessen und kleinere Schnittwunden.


Stadtplan immer griffbereit

Alles war darüber hinausgeht, wird von Bartz an einen Arzt weiter verwiesen, er macht die Termine aus, einen Stadtplan hat er immer griffbereit, den gibt er den Patienten mit - meistens reicht das nicht. Ein Stadtplan ist eben kein Wörterbuch.